Zeitung Heute : Begegnungen: Wie ich mit Alexander Mitscherlich in eine bessere Zukunft fuhr

Alexander Mitscherlich hat die psychosomatische Forschung in Deutschland begründet. Der Medizinprofessor und Psychoanalytiker machte sich auch als Publizist einen Namen. Er befasste sich mit den gesellschaftlichen und politischen Problemen seiner Zeit und den Folgen des "Dritten Reichs" ("Medizin ohne Menschlichkeit"). Mitscherlich starb 1982 im Alter von 73 Jahren.

Am 22. Februar 1967 starb Fritz Erler, der stellvertretende Vorsitzende der Nach-Ollenhauer-SPD, einer der Väter des Godesberger Programms, ein bebrillter schmalköpfiger "Egghead" der Sozialdemokraten, ein Mann mit Halbglatze, der den Dialog mit den "Gruppe 47"-Intellektuellen suchte und pflegte, also mit Hans Werner Richter, Günter Grass und Martin Walser. Erler, 1913 geboren, war einer, der die Nazizeit unbefleckt, das heißt, als Widerstandsopfer überlebt hatte: er hatte als Sozialdemokrat im Untergrund gekämpft und war 1939 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Wenn man so will, war er so etwas wie ein sozialdemokratisches Pendant zu dem linksliberalen Präsidentschaftskandidaten Hubert Humphrey in den USA.

Er starb, neben Willy Brandt der Hoffnungsträger und intellektuelle Mittler in der SPD, an Krebs, und zu seiner Beerdigung in Pforzheim - es war wohl Anfang März - versammelte sich die gesamte Linke, die sich auch zur außerparlamentarischen Opposition zu formieren im Begriff war. Es war ein sonniger Vorfrühlingstag, Trauer, ein unbestimmtes Gefühl politischen Aufbruchs und Hoffnung beherrschten das Begräbnis.

Nach der Trauerfeier musste ich nach Frankfurt und Alexander Mitscherlich bot mir an, mich in seinem Auto mitzunehmen.

Mitscherlich, ein hagerer großer schlanker Mann, auch er mit Brille und Halbglatze ein typischer "Egghead" als Repräsentant einer neuen politischen Kaste, auch er von den Nazis mehrfach verhaftet und drangsaliert, leitete seit 1960 das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt und hatte mehrere Werke publiziert, die schon in ihren Titeln das Programm der Zeit schrieben: "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" von 1965 und, vor allem, "Die Unfähigkeit zu trauern", das er 1967 zusammen mit seiner Kollegin und dritten Ehefrau Margarete Mitscherlich publizierte. Kaum einer hatte das Werk gelesen, jeder kannte den Titel, in den sich die kollektive deutsche Verweigerung, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, niederschlug.

Wir fuhren durch einen sonnigen Tag, Mitscherlich war stolz auf sein Auto, einen DS 19 von Citroen, die "Pallas Athene", damals mit seinem modischen antimodischen Design, seiner Hydraulik und seiner Kunststoff-Innenwelt so etwas wie ein futuristisches Auto, das er nicht müde wurde, zu preisen.

Kurz vor Frankfurt, wo er in einer der modernen Hochhaus-Vorstädte wohnte, damals der Stolz der Gegenwart, heute ein ziemlicher Albtraum des Sechziger-Jahre-Massenwohnens, pries er nicht nur seine zukunftsträchtige Wohnanlage, sondern wollte mich unbedingt noch in ein Restaurant mitnehmen: Es war eines der damals neuen, in Deutschland avantgardistisch wirkenden "Mövenpicks", in der die deutsche Küche international eins übergebraten bekam. Mitscherlich schnalzte angesichts der Schweizer Weine und der eingelegten Artischocken mit der Zunge: die Welt wirkte sonnig, heiter, offen, progressiv, einer liberalen Zukunft zugewandt.

Nicht viel später sollte diese Zukunft in Deutschlands "Bleierner Zeit" nach der 68er Revolte enden. Ich sah Mitscherlich später im Fernsehen wieder: da nahm er an einer Diskussion über die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" teil; der kluge, gewitzte, scharfzüngige und doch verbindliche Mann war offenbar nicht mehr Herr seiner Sinne, und man hatte dem an Debilität Erkrankten diesen Auftritt nicht erspart.

Viel schlimmer noch: Sein Sohn Thomas hat 1984 (also zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters) eine unerbittliche Konfrontation mit dem hilflosen Greis als Film im Fernsehen vorgeführt: eine hemmungslose Abrechnung mit einem einstigen Übervater, der nur noch stammeln und sich vor den Zumutungen der Kamera nicht mehr schützen konnte.

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