Zeitung Heute : Begegnungen: Wie ich mit Helmut Dietl die Osteria umgestaltete

Helmut Dietl[geh&oum] 1944 in Bad Wiessee geboren[geh&oum]

Helmut Dietl, 1944 in Bad Wiessee geboren, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Regisseuren. In den achtziger Jahren nahm Dietl mit Fernsehserien wie "Monaco Franze" oder "Kir Royal" die Münchner Schickeria liebevoll aufs Korn, mit dem Kinofilm "Schtonk", der Geschichte der angeblichen Hitler-Tagebücher, gelang ihm ein wunderbar satirischer "Film über Deutschland" (Dietl).

1987 erwarb die Bavaria von Kujau die Rechte an seiner Person - und damit an den Fälschungen der Hitler-Tagebücher. Die Bavaria bot Helmut Dietl die Verfilmung an und Helmut Dietl, der damals fast, aber nur fast, ein Theaterstück von mir an den Münchner Kammerspielen inszenieren wollte, bot mir stattdessen an, am Drehbuch für "Schtonk" (so sollte der äußerst erfolgreiche Film, die Geburtsstunde der Filmschauspielerin Veronica Ferres, später heißen) mitzuarbeiten ...

Ich fuhr also zu Helmut Dietl nach Südfrankreich - ich hatte vorsorglich meinen Jahresurlaub genommen - und arbeitete an der Entwicklung des Plots mit.

Und das vollzog sich so. Wenn wir am Morgen aufgestanden waren, fischte Dietl, der schon die ersten Zigaretten rauchte, mit einem Netz an der Stange Laub und Blätter aus seinem Pool. Ich begleitete ihn, und wir überlegten hin und her, was wir heute wohl schreiben würden. Beide machten wir dabei eine bekümmerte, ja verdrießliche Miene, es sollte ja ein lustiger, ein satirischer, ein komischer Film werden.

Dann, nach dem Frühstück, setzte ich mich abwechselnd mit Helmut Dietl an eine unförmige Triumph-Schreibmaschine (sie gehörte Patrick Süskind), und wir dachten laut und schrieben. Da es bei den Hitler-Tagebüchern um die verquere deutsche Stimmung zur eigenen Vergangenheit ging, erzählte ich Dietl, dass das Goethe-Institut gerade vom Haus Bernheimer in die Dachauer Straße umgezogen sei - man stelle sich vor ein weltweit wirkendes deutsches Institut und dann Dachau, Dachauer Straße! Und Dietl machte daraus einen hinreißenden Taxifahrer-Monolog, bei dem ein Asiate mit dem Taxi zur Zentrale des Goethe-Instituts fahren will und der Taxifahrer ihm das alles mit Dachau erklärt. (Inzwischen hat man extra eine Postadresse in einer Nebenstraße für das Goethe-Institut geschaffen.) Überhaupt beschäftigten wir uns mit der merkwürdigen Nazi-Nostalgie, wie sie sich in den Verrücktheiten Heidemanns und seinem Hang zu Nazi-Devotionalien äußerte. Und dabei fiel uns eine Szene ein, die nicht im Film ist, und die ich deshalb hier festhalten möchte. Es geht um die "Osteria", der Italiener, bei dem Hitler in den zwanziger Jahren Stammgast war. Und wir dachten uns (in satirischer Übertreibung, versteht sich, denn die "Osteria" ist auch heute noch nichts anderes als ein sehr gutes italienisches Restaurant) aus, wie Touristen, vor allen Amerikaner, aber natürlich auch viele Deutsche, in das Lokal kommen, sich ehrfürchtig umschauen und fragen, wo denn er gesessen habe.

In der einen Version zeigte der Oberkellner auf einen bestimmten Tisch, der natürlich schon besetzt war, und versprach dem Gast, der ihm daraufhin schon ein 5-Mark-Stück in die Hand drückte, einen Platz in Sichtnähe zu seinem Tisch.

In einer anderen Version war der Oberkellner in dem gutfrequentierten Lokal, das in unserer Fantasie eher ein Ableger des Hofbräuhauses war, so geschäftstüchtig, dass er jeden freien Tisch zu dem Hitlers erklärte, so dass bald alle Gäste, von wohligen Schaudern durchrieselt?, an seinem Tisch saßen und Wein bestellten oder Bier.

"Welchen Wein hat er denn getrunken?" "Aber ich bitte Sie", sagte der Ober. "Er war doch Antialkoholiker. Wasser! Wir führen heute noch sein Wasser."

Ein Schnitt in die Küche zeigte, wie Frauen in Dirndln mit einem Schlauch Leitungswasser in Flaschen füllten, auf der in altdeutscher Frakturschrift "Deutscher Heil!-Brunnen" oder etwas Ähnliches stand.

Viele Vegetarierplatten, Nudelgerichte und Mehlspeisen wurden präpariert, alles seine Lieblingsspeisen, Apfelstrudel vor allem. Aber die Gäste durften auch Fleisch und Geflügel bestellen und auch Wein und Bier trinken.

"In dieser Hinsicht", so der Kellner, sei er seinen Begleitungen gegenüber äußerst tolerant gewesen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben