Zeitung Heute : Begegnungen: Wie ich mit Marion Gräfin Dönhoff zu Karl May fuhr

Marion Gräfin Dönhoff wurde am 2. Dezemb

Marion Gräfin Dönhoff wurde am 2. Dezember 1909 auf dem Familiensitz Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Auf einem Pferd floh sie 1945 nach Westen, ein Jahr später trat sie in die Redaktion der "Zeit" ein. Von 1972 bis zu ihrem Tod am 11. März diesen Jahres war sie Herausgeberin der Wochenzeitung.

Von 1968 bis 1974 arbeitete ich als Theaterkritiker und Redakteur bei der "Zeit" und war von Stuttgart in das feine hanseatische Hamburg gekommen, ein ziemlich ungehobelter junger Mann, und so saß ich, an einem brüllend heißen Sommertag in meinem Sechs-Quadrat-meter-Büro im obersten Stockwerk im Pressehaus am Speersort und hatte, zur Erleichterung, die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die Füße in einen Wassereimer gesteckt, in dem Eiswürfel schwammen. Ich war noch ziemlich neu, "die Gräfin", wie Marion Gräfin Dönhoff genannt wurde, trat in mein Zimmer, und ich versuchte, mit den Füßen im Eimer aufzustehen, was mir nur halbwegs gelang.

Die Gräfin, die damals noch stellvertretende Chefredakteurin war - der Chefredakteur war die rheinische Frohnatur Josef Müller-Marein, der damals die "Zeit" mit einer Serie über seinen Führerscheinverlust nach Alkoholkonsum bestückte -, war sehr schlank, hatte wunderbar große Augen, mit denen sie auf unnachahmliche Weise über meinen derangierten Zustand hinwegsah, um mich als neues Mitglied der Feuilleton-Redaktion zu begrüßen. Meine Bloßfüßigkeit erwähnte sie mit keiner Silbe, bemerkte sie mit keinem Blick. Und nie in unserer späteren Zusammenarbeit, aber auch wirklich nie hat sie erwähnt, dass ich, als ich sie das erste Mal begrüßen durfte, die Füße im Eis hatte.

Am verblüffendsten war ihr Lächeln, ihr Lachen. Es war, man kann es nicht anders sagen, entwaffnend, schüchtern (sie warf dabei den Kopf leicht zurück) und jungmädchenhaft anmutig. Und auch ihre Bewegungen und Gebärden hatten etwas Jungmädchenhaftes, trotz ihrer strengen Frisur und obwohl sie damals schon fast 60 Jahre alt war. Sie konnte sich das leisten, weil sie, trotz ihrer leisen Stimme, eine selbstverständliche Autorität ausstrahlte (500 Jahre trainiert, dachte man) und selbst, wenn sie übermütig war, und das konnte sie sein, nie ihr Maß verlor.

Wenn sie von anderen sprach, hatte sie oft einen gutmütigen Spott, der in allem Respekt mitschwang. Nie werde ich die Geschichte vergessen, die mir Rudolf Augstein von ihr erzählt hat (wenn nicht wahr, dann gut erfunden), wie er einmal neben ihr gesessen habe, bei einem offiziellen Essen und sie, als das Mahl vorüber war, gefragt habe: "Gräfin, stört es Sie, wenn ich rauche." Und sie habe ihn groß und preußisch blau angeblickt und gesagt: "Keine Ahnung! Es hat noch nie jemand gewagt!"

Sie war meine beste Chefredakteurin und damit auch mein liebster Chefredakteur. Und einmal fragte sie mich, was denn das mit den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg auf sich hätte und ob wir da nicht zusammen hinfahren sollten und ich sie als Theaterkritiker mitnehmen würde?

Wir fuhren also zu dritt nach Bad Segeberg. Haug von Kuenheim, die Gräfin und ich, hinten, in ihrem legendären schwarzen Porsche. Im Verkehrswirrwarr auf der Kennedy-Brücke (oder war es die Lombardtsbrücke?) sagte die Gräfin: "Oh Gott, was mach ich jetzt!" Und Haug von Kuenheim sagte: "Wenn Sie einfach stehen bleiben, können Sie am wenigsten falsch machen!"

Die Gräfin war anschließend, nach der Karl-May-Aufführung, begeistert. Von den Pferden, den Felsen, den farbenprächtigen Indianern. Mir waren Freilichtaufführungen in offener Natur bis dahin stets suspekt gewesen, Theater als Zirkus. Ich war ja schließlich der strengen Schule Siegfried Melchingers entwachsen und hatte mich durch Bände von Brechts Theaterarbeit gefressen, ließ mich aber von ihrer Freude und Leidenschaft für Ross und Reiter anstecken.

Danach war ich gelegentlich bei der Gräfin zum Abendessen eingeladen, in Blankenese, wo eine streng mütterliche Haushälterin hart gekochte Eier servierte, als ob es sich um Kaviar gehandelt hätte und mindestens noch eine Fürstin Metternich zu Gast war.

Einmal saß da ein hoher indischer Diplomat, im grauen Sari, und stapfte, nachdem er sein hartes Ei gegessen hatte, mit bloßen Füßen auf dem blanken Parkettboden und schwärmte vom Himalaja.

"Dort müssen wir hin, wir wollen da in die Berge", sagte die Gräfin abenteuerlustig. Und fast hätte mich ihr Schwung mitgerissen, und ich wäre mit ihr zu den Achttausendern geeilt.

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