Zeitung Heute : Begegnungen: Wie ich mit Otto Sander und Bruno Ganz finnisches Bier trank

Otto Sander Bruno Ganz[de] beide 1941 geboren[de]

Otto Sander und Bruno Ganz, beide 1941 geboren, der erste in Hannover, der zweite in Zürich, waren in den 70er Jahren zusammen Mitglieder des Ensembles der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer. Auch in mehreren Filmen wirkten die beiden gemeinsam mit, so in "Der Himmel über Berlin" und "In weiter Ferne so nah" von Wim Wenders.

Das kannte ich schon aus dem Kino oder vom Theater: die wunderbare, hasserfüllte, liebevolle unzertrennliche, ständig in der Zerreißprobe stehende Beziehung zwischen den Helden oder jugendlichen Liebhaber (um es als altmodisches Rollenfach zu benennen) und dem Komiker, dem Clown, dem "Kleinen Mann, was nun?".

Jack Lemmon und Tony Curtis waren ein solches Paar in "Some like it hot" und vor allem bei den Dreharbeiten, bei denen der maskuline gut aussehende Curtis Höllenqualen erlitt, wenn er Frauenfummel und High-Heels tragen musste und der überquirlte Jack Lemmon sich nicht genug in den Übertreibungen einer Diva mit Hut und Busenausschnitt suhlen konnte. Heinz Rühmann, der den Spaßvogel und das Stehaufmännchen neben dem Schürzenjäger und "Hoppla, jetzt komm ich"-Draufgänger Hans Albers spielte, konnte sich noch 60 Jahre später nicht genug darüber aufregen, was doch der Albers für ein Angeber gewesen sei, unangenehm, lächerlich...

Jetzt aber Finnland. In der Zeit, als die Goethe-Institute noch Geld hatten und Geld und Ideen haben mussten, weil sie sich im Ausland in einem Wettbewerb mit den DDR-Auslandsinstituten befanden, also auch und zum Beispiel 1972, war die "Schaubühne" (damals noch am Halleschen Ufer) mit zwei Aufführungen nach Helsinki eingeladen. Einmal mit Peter Handkes "Ritt über den Bodensee", zum anderen mit der noch aus Bremen übernommenen Peter-Stein-Inszenierung "Torquato Tasso". Ich war damals Theaterkritiker der "Zeit" und auch eingeladen. Zu einem Vortrag, fragen Sie mich nicht worüber.

Im novemberlich eiskalten Helsinki bewunderte ich mit frostroter Nase die trotz Winterlicht hellen, damals zukunftsweisenden Theaterbauten (zum Beispiel von Aaltonen), wunderte mich über die in der Sauna baumelnden Würste, die man mit Schnaps und Bier schwitzend zu sich nahm und sah an einem Abend ein Theaterstück von Hella Wuolijoki, das "Sahanpuruprinsessa" (deutsch: "Die Sägemehlprinzessin") hieß und das Brecht für sein Stück vom Gutsherren, der besoffen ein guter Mensch und nüchtern ein Schwein ist, gnadenlos abgekupfert hatte. Titel: "Puntila und sein Knecht Matti". Richtig erhellende Vergleiche konnte ich dann doch nicht anstellen, da die Aufführung mich in ihrem Stil an eine Ohnsorg-Theater-Vorstellung erinnerte und ich außerdem kein Wort Finnisch verstand - von "prinsesse" gleich "Prinzessin" abgesehen.

Und dann die theaterfreien Abende! Vor den wenigen Kneipen, in denen Bier ausgeschenkt wurde, standen Schlangen und die Gäste wurden von drohenden Türstehern einer strengen Gesichtskontrolle unterzogen: man wollte den Alkoholkonsum, auch den der russischen (damals: sowjetischen) und schwedischen Gäste eindämmen.

Eines Abends saß ich mit Bruno Ganz (dem Tasso) und Otto Sander (er spielte im "Ritt über den Bodensee") spät, nach dem Essen und vor dem dritten oder vierten Bier, in einem Restaurant. So weit ich mich erinnere, war es eine Art Wintergarten mit trüben Scheiben, und auch wir waren, durch den finnischen November und das Bier, nehme ich an, ziemlich melancholisch.

Auch Bruno Ganz. Obwohl Otto Sander, damals zweifellos der Komiker in der Paarung, ihn dauernd anmachte und darüber räsonierte, was Ganz als "Held" immer für einen Schlag bei Frauen hätte. Dagegen er! Dabei schlug mir Otto Sander ab und zu solidarisch auf die Schulter, als hätte ich es nötig. Ganz sprach wenn, dann leise, lächelte aber meist mit feiner Traurigkeit in sein Glas. Er schien gar nicht zu bemerken, dass die weißblonde Kellnerin (finnisch und wasserstoffsuperoxydblond) ihn, im Unterschied zu uns, einladend anlächelte. Und dass auch andere hübsche Frauen an anderen Tischen sich von seiner stillen melancholischen Aura angezogen fühlten und seinen Blick-Kontakt suchten. Otto Sander stupste mich an: "Sehen Sie, sehen Sie, nicht mal das merkt er!".

Heute ist das anders, und Rollenfächer gibt es schon lange nicht mehr. Und einmal im Jahr erzählen Otto Sander und ich uns die Finnland-Geschichte im "Weißt Du noch"-Tonfall: Wie wir fast eine finnische Kellnerin kennen gelernt haben, die aber nur Augen für Bruno Ganz hatte.

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