Zeitung Heute : Begegnungen

Hellmuth Karasek

Günter Grass wurde 1927 in Danzig geboren. 1947/48 absolvierte er eine Steinmetzlehre und studierte danach Grafik und Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie. Erst in den 50er Jahren debütierte Grass als Schriftsteller, 1959 erschien "Die Blechtrommel". Höchste Anerkennung fand sein Werk mit dem Nobelpreis für Literatur 1999.

Im Januar 1966 hatte am Berliner Schillertheater ein Stück von Günter Grass Premiere: "Die Plebejer proben den Aufstand". Der Titel ist seit dieser Zeit bis zum Überdruss in Zeitungsüberschriften variiert und parodiert worden: Die Angestellten proben den Einstand, die Sportler proben den Handstand, die Gewerkschafter proben den Aufstand, die Mode probt den AnstandÉ und so weiter und so fort.

Es war ja auch Grassens erfolgreichstes Theaterstück, das sich seit dem Künstler-Egoismus und der Genie-Eitelkeit des "armen B. B.", also Brechts auseinandersetzte, der, ausgerechnet am 17. Juni 1953, also am Tag des Arbeiteraufstandes in der Stalin-Allee, der einzigen deutschen DDR-Revolution, an seinem Berliner Ensemble seine Shakespeare-Bearbeitung des "Coriolan" probt, unter dem Motto: Wir können Shakespeare ändern, wenn wir ihn ändern können.

In die Proben - im Stück wird die Revolution des römischen Plebs gegen die Patrizier mit ihren berühmten Kopf-Bauch-Gleichnis inszeniert - platzt die reale Revolte der Bauarbeiter gegen das von der sowjetischen Besatzung gestützte SED-Regime. Brecht, so das Stück von Grass, hätte die reale Chance, sich mit seinem Theater, damals das berühmteste der Welt, auf die Seite der lohnfordernden Aufständischen zu schlagen. Er verweigert sich aus Feigheit und Opportunismus, benutzt das reale Geschehen auf der Straße, um seine Theaterarbeit ästhetisch zu unterfüttern, hilft den Arbeitern nicht - weder mit seinem künstlerischen Ruhm noch seiner theatralischen Erfahrung. Er erweist sich als feige. Und er bejammert seine Feigheit mit melancholischen Versen in den Buckower Elegien. Wunderschöne, resignative Gedichte.

Im Sommer 1966 fand in Mannheim am Nationaltheater ein Theatersymposion zu diesem Thema statt, an dem auch Grass und ich teilnahmen. Vormittags war eine Podiumsdiskussion über Brecht und das politische Theater, nachmittags ging es mit Vorträgen weiter, abends war die Mannheimer Premiere der "Plebejer" von Grass.

Grass, der wusste, dass ich damals mit Martin Walser in Stuttgart als Dramaturg zusammengearbeitet hatte, lud mich in der Mittagspause ("Hätten Sie Zeit und Lust?") nahezu verschwörerisch und abseits von allen anderen auf ein Bier zu zweit in eine Kneipe nahe des National-Theaters ein. Damals stand die Veröffentlichung von Walsers Roman "Einhorn" bevor, und Grass dachte, dass ich das bei Suhrkamp erscheinende Buch sicher schon in den Fahnen gelesen hätte.

Der "Blechtrommel"-Autor hatte damals zwei Komplexe und eine Sorge. Die Sorge: würde ein anderer deutscher Autor mit einem Buch in die Nähe des Erfolgs der "Blechtrommel" kommen? Seine Komplexe: Seine Bücher waren nicht im Nobel- und Exklusivverlag Suhrkamp erschienen, sondern "nur" bei Luchterhand. Und: Er war, anders als Enzensberger oder Walser, kein studierter, gar promovierter Literat.

Also fragte er mich beim Bier mit besorgt-anteilnehmender Miene, ob ich denn den neuen Anselm-Kristlein-Roman von Walser schon gelesen habe. Als ich die Frage bejahte und er aus meinen folgenden vorsichtigen Erläuterungen (auf seine Fragen: "Und?" "Wie ist es denn?") den (richtigen) Schluss zog, dass ihm da keine zweite "Blechtrommel" von Walser, drohte, lehnte sich der stämmige Autor mit dem struppigen schwarzen Haar und dem Markenzeichen-Schnauzer zurück und sagte, nachdem er den kurz auf seiner Miene aufblitzenden Triumpf unter Kontrolle hatte, mit solidarisch mitleidender Miene: "Wenn ich Sie recht verstehe, kein ganz großer Wurf." Dann machte er eine Pause, sah mich nachdenklich und geschmerzt an und sagte: "Sie glauben gar nicht, lieber Karasek, wie schwer es ist, die Last der deutschen Epik allein auf zwei Schultern stemmen zu müssen!"

Ich schwöre: Das hat er so und nicht anders gesagt, obwohl ich im ersten Augenblick dachte: Das ist nicht wahr! Du musst dich verhört haben!

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