Zeitung Heute : Begeisterte Lehrer gesucht

Berlins Landesschülersprecher wünscht sich Pädagogen, die versteckte Fähigkeiten entdecken und sich Respekt verschaffen

Jan Hambura

Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, beginnend mit der Rütli-Oberschule, über die Vergewaltigung einer Schülerin bis zum Amoklauf eines 16-jährigen Schülers haben erneut bewiesen, dass wir ein Problem mit Jugendkriminalität haben. Dabei muss man sehen, dass auch die Gymnasien betroffen sind. Auch hier gibt es Gewalt unter Schülern, wenn auch überwiegend in Form von Mobbing, gegen das man sich unter Umständen noch schlechter wehren kann als gegen tätliche Gewalt.

Diese Situation hat mehrere Gründe. Zum einen mangelt es an Prävention und an klaren Regeln: Viele Lehrer nehmen leider widerspruchslos hin, wenn sie respektlos behandelt werden. Das aber ist nur die eine Ebene. Die andere ist, dass die individuellen Begabungen jedes einzelnen Kindes nicht genug gefördert werden. Und schließlich wirkt es sich negativ auf das Schülerverhalten aus, wenn – angesichts der Arbeitslosigkeit – die Perspektiven für das weitere Leben fehlen. Zum Lernen motiviert das nicht. Schülervertreter haben deshalb die Initiative „Zukunft der Schüler“ gegründet, die unter anderem Jugendlichen helfen soll, Kontakte zu Unternehmen zu finden. Es wird auch eine Internetbörse für Praktika geben.

Hauptaufgabe der Lehrer muss es sein, in einem Kind versteckte Fähigkeiten und Begabungen zu entdecken und dem Kind zu zeigen, wo seine Stärken liegen. Dann wird es auch nicht zu Gewalt greifen. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrer gute Pädagogen und keine Verwaltungsbeamten sind: Wenn die Begabungen der Schüler nicht entdeckt werden, liegt das an den Lehrern und am Bildungssystem.

Wir sollten schon in der Grundschule die Begabungen der Schüler fördern, da unsere Gesellschaft dringend auf jedes einzelne Kind angewiesen ist. Das Lernen sollte ein Prozess der Entwicklung des Geistes, der Moral, der Empfindlichkeit und der Entdeckungslust sein.

Leider wird die Schule von den meisten Schülern als langweilige und leidige Verpflichtung angesehen, von manchen sogar als Quelle der Frustration und Aggression. Aus diesem Grund ist es schon bei den Hausaufgaben wichtig, dass diese nicht nur aufgegeben werden, sondern dass die Schüler durch regelmäßiges Abfragen und gebenenfalls Lob zur weiteren Arbeit motiviert werden. So macht Schule dann auch Spaß.

Gute Bildung hat nicht immer nur mit viel Geld zu tun. So kostet ein Hauptschüler in Berlin im Jahr 8722 Euro. Im Vergleich dazu ist ein Gymnasiast rund 3000 Euro billiger. In manchen Hauptschulen gibt es pro Lehrer lediglich neun Schüler, wovon alle anderen Schulformen nur träumen können.

Und dabei hat mir erst vor kurzem mir ein Hauptschullehrer gesagt, dass jeder in die Hauptschule gesteckte Euro ein Euro zu viel sei, weil viele Schüler einfach nicht unterrichtet werden wollen. Gerade deswegen ist es aber ungeheuer wichtig, dass die Lehrer durch ihr Engagement und ihre begeisternde Art ein leuchtendes Beispiel für ihre Schüler sind.

Es gibt viele Lehrer, die zum Beispiel eine Chor- oder Theater-AG anbieten und sich – auch außerschulisch - mehr engagieren, als sie müssten. In diesem Sinne sind sie Pädagogen und nicht nur Beamte. Das kann eine Menge Spaß bereiten, sowohl Schülern als auch Lehrern. Ich bin der Meinung, das Rollenverständnis des Lehrers muss neu definiert werden: Das Lehren muss noch durch das Motivieren, Aufpassen und Akzeptieren ergänzt werden.

Weniger Beamte und mehr menschgebliebene Lehrer braucht unser Land.

Der Autor ist Berliner Landesschülersprecher und Vorsitzender des Kinder- und Jugendparlaments Charlottenburg-Wilmersdorf.

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