Behandlungsfehler : Irren ist ärztlich

Die Zahl der Patientenbeschwerden steigt. Wie oft machen Mediziner Behandlungsfehler?

Fabian Leber

Wie viele Patienten beschweren sich darüber, von Ärzten falsch behandelt worden zu sein?



Zum zweiten Mal hat die Bundesärztekammer zusammengetragen, wie viele Beschwerden bei den Schlichtungsstellen für Arzthaftungsfragen in Deutschland eingegangen sind. Das Ergebnis: Im vergangenen Jahr stellten Patienten insgesamt 10 432 Anträge auf nachträgliche Begutachtung. Das sind 1,5 Prozent mehr als noch 2006. Bei den Schlichtungsstellen prüfen zwei bis drei interne und externe Gutachter den jeweiligen Einzelfall. In 7049 Fällen trafen sie auch eine Entscheidung. Nur bei einem Viertel der entschiedenen Anträge (1717) kamen die Gutachter aber zu dem Schluss, dass ein klarer Behandlungsfehler vorlag, der anschließend zu einem gesundheitlichen Schaden führte.

Was sagen die Angaben der ärztlichen Schlichtungsstellen über die Häufigkeit von Behandlungsfehlern aus?

Eine Gesamtstatistik über alle Behandlungsfehler, die in Deutschland passieren, gibt es nicht. Die Zahlen der Schlichtungsstellen können daher nur ein grober Anhaltspunkt sein. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass pro Jahr insgesamt 40000 Patienten wegen einer vermuteten Falschbehandlung aktiv werden. Der Weg über die Schlichtungsstellen ist dabei nur eine von vier Möglichkeiten. Jeweils etwa 10000 Fälle landen jedes Jahr direkt bei Gerichten, bei den medizinischen Diensten der Krankenkassen oder bei den Haftpflichtversicherungen der Ärzte. Doch auch diese Zahl bildet nur einen kleinen Teil des Problems ab. Der Sachverständigenrat zur Entwicklung des Gesundheitswesens, der für die Bundesregierung tätig ist, rechnete im vergangenen Jahr mit 340000 bis 720000 Behandlungsschäden allein im Krankenhausbereich. Nach dieser Schätzung sterben in Deutschland jedes Jahr 17000 Menschen wegen vermeidbarer Behandlungsfehler im Krankenhaus. Und das „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ schätzt, dass es bei fünf bis zehn Prozent der Patienten in Krankenhäusern zu „unerwünschten Ereignissen“ kommt. Auf ähnliche Ergebnisse weisen mehrere internationale Studien hin. Zum Vergleich: Jährlich werden in deutschen Krankenhäusern 17 Millionen Menschen behandelt. Insgesamt gibt es in Deutschland pro Jahr bis zu 400 Millionen Kontakte zwischen Ärzten und Patienten.

In welchem Bereichen beschweren sich Patienten am häufigsten über Behandlungsfehler?

Mit Abstand die meisten Beschwerden werden nach chirurgischen Behandlungen in Krankenhäusern vorgebracht – und hier besonders nach der Versorgung von Knochenbrüchen und im Zusammenhang mit Hüft- und Kniegelenkverschleiß. In diesem Bereich können Patienten die Folgen eines ärztlichen Eingriffs am unmittelbarsten abschätzen. In Arztpraxen wurde Brustkrebs am häufigsten falsch diagnostiziert. Auch bei Rückenschmerzen und Problemen mit den Finger- oder Fußgelenken kam es häufig zu falschen Diagnosen oder Behandlungen.

Was können Patienten unternehmen, wenn sie den Verdacht eines Behandlungsfehlers haben?

Susanne Mauersberg, Gesundheitsexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, empfiehlt, sich zunächst an eine unabhängige Patientenberatungsstelle zu wenden. Dort könne je nach Einzelfall entschieden werden, ob der Gang vor Gericht oder die Anrufung einer ärztlichen Schlichtungsstelle am sinnvollsten sei. Unter Umständen könne auch der medizinische Dienst der Krankenkassen der richtige Ansprechpartner sein – vor allem dann, wenn die Kasse möglicherweise Geld für eine falsche Behandlung zurückfordern könne. Der Vorteil beim Verfahren über die Schlichtungsstelle: Es ist für Patienten kostenfrei und mit einer durchschnittlichen Dauer von 13 Monaten in der Regel kürzer als ein Gerichtsprozess. Voraussetzung für das Verfahren vor der Schlichtungsstelle ist, dass nicht gleichzeitig ein Zivilprozess stattfindet. „Es ist allerdings möglich, dass sich beide Seiten auf ein Ruhen des Prozesses verständigen, solange das Verfahren bei uns stattfindet“, sagt Johann Neu, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern. Den Vorwurf, dass die Gutachter der Standesorganisation nicht die eigenen Arztkollegen belasten würden, weist Neu zurück: „Früher gab es da eine ärztefreundliche Grundhaltung, jetzt gibt es bei einigen Gutachtern manchmal eher eine ärztefeindliche“, sagt er.

Warum müssen Ärzte Behandlungsfehler nicht automatisch melden?

Ein solches Modell gibt es zum Beispiel in Großbritannien und Dänemark. Die deutschen Ärztekammern lehnen eine ausdrückliche Anzeigepflicht hingegen ab. Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, sagt: „Eine Zwangsmeldung würde nicht zu einer größeren Offenheit im Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten führen.“ Auch die Qualität der Fehleruntersuchung werde dadurch nicht zwangsläufig größer. In Großbritannien zum Beispiel gebe es bis zu 250 000 Fehlermeldungen pro Quartal, die unmöglich alle ausreichend nachgeprüft werden könnten. Auch Verbraucherschützerin Mausberg sieht eine Anzeigepflicht eher kritisch: „Manche Krankenhäuser würden es dann vielleicht ablehnen, Patienten mit einem schweren, unklaren Krankheitsbild aufzunehmen, weil sie sich vor den möglichen juristischen Folgen fürchten.“

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