Zeitung Heute : Behindern Genpatente den Fortschritt?

Der Tagesspiegel

Von Michael Simm

Die Patentierung von Genen kann die Kosten von Labortests in die Höhe treiben und den medizinischen Fortschritt behindern. Diese Bilanz zieht eine Gruppe von Bioethikern, Medizinern und Juristen um Jon F. Merz von der University of Pennsylvania, die 119 US-amerikanische Laboratorien zu ihrem Umgang mit der Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) befragt hat. Sie berichten im Fachblatt „Nature“ (Band 415, Seite 577).

Zwar schreiben die Wissenschaftler, dass Patente wichtig seien, um kostspielige Forschungsarbeiten zu belohnen. Damit diese Rechnung aufgehe, müssten die Lizenzgebühren für die Anwendung der Erkenntnisse allerdings „realistisch" sein. Dies war bei dem untersuchten Beispiel offensichtlich nicht der Fall, denn ein gutes Viertel der Labore verzichtete auf den Test, weil sie mit den Nutzungsbedingungen der Firma Bio-Rad nicht einverstanden waren.

Bio-Rad hatte die Patentrechte für das Hä mochromatose-Gen einschließlich der beiden wichtigsten Mutationen von den Firmen Progenitor, SmithKline Beecham Clinical Laboratories und Quest erworben und bietet seit dem vergangenen Jahr Testmaterialien („Kits") zum Nachweis dieser hä ufigen Erbkrankheit an.

Die befragten US-Labors, darunter zwei Drittel gemeinnützige Einrichtungen, verfügten durchwegs über die technischen Möglichkeiten, solche Tests auch ohne die Bio-Rad-Reagentien auszuführen. Allerdings hätten sie allein für die Benutzung des Gens derart hohe Lizenzgebühren zahlen müssen, dass die Abnahme der Kits in jedem Fall billiger gekommen wäre.

Prinzipiell könnten Gentests im Falle der Hä mochromatose den Patienten viel Leid ersparen, glaubt Dr. Manfred Stuhrmann-Spangenberg vom Institut für Humangenetik der Medizinischen Hochschule Hannover. Immerhin leben allein in Deutschland etwa 200000 Menschen, die sowohl von der Mutter als auch vom Vater eine defekte Kopie des Hämochromatose-Gens geerbt haben.

Ihnen drohen Herzschwäche und Diabetes, darüber hinaus haben sie im Durchschnitt eine verringerte Lebenserwartung. Besonders gefährdet durch die Eisenablagerungen ist die Leber, was in den schlimmsten Fällen zu Zirrhose oder Krebs führen kann.

Mit einem einzigen Gentest ließen sich neun von zehn Betroffenen eindeutig identifizieren, erläutert Stuhrmann-Spangenberg. Im Gegensatz zu bisher üblichen Nachweismethoden, die den Eisengehalt im Blut bestimmen, erkennt die Genanalyse das Problem lange bevor erste Krankheitszeichen auftreten. Die Ärzte können ihre Patienten dann regelmäßig zur Ader lassen - eine Methode, die zwar mittelalterlich anmutet, jedoch zweifellos wirksam ist. Sind die überhöhten Eisenwerte nach einigen Behandlungen erst einmal abgebaut, reichen für Männer zum Beispiel drei bis vier Blutspenden pro Jahr, die sich sogar für Transfusionen verwenden lassen.

So groß sind die Vorteile des Gentests, dass für Stuhrmann-Spangenberg sogar Reihenuntersuchungen denkbar sind, bei denen Hausärzte den Test ohne konkreten Anfangsverdacht anwenden würden. Ob solch ein Verfahren („Screening") wirtschaftlich sinnvoll ist, soll ein Modellprojekt klären, das der Mediziner zusammen mit der Kaufmännischen Krankenkasse Hannover leitet. Bei etwa 6000 Tests im eigenen Labor habe man mehr Betroffene gefunden als erwartet, so das vorläufige Ergebnis.

„Wenn wir auch nur einem dieser Menschen eine Lebertransplantation ersparen, hat sich der ganze Aufwand schon gelohnt", rechnet Stuhrmann-Spangenberg vor. Ob das Screening auch die Gesamtkosten für das Gesundheitswesen erheblich senken kann, hängt naturgemäß stark vom Preis des Tests ab.

Bei solchen medizinischen Studien werden in der Regel keine Patentgebühren fällig. So konnte man für das eigene Verfahren mit einem extrem niedrigen Selbstkostenpreis von fünf Euro je Test kalkulieren, während Bio-Rad in den USA alleine an Lizenzgebühren das Vierfache fordert. (Preisanfragen bei Bio-Rad Deutschland und dem größten europäischen Testlabor Bioscientia blieben drei Tage lang unbeantwortet.)

Für 22 der 36 US-Laboratorien, die in der aktuellen Untersuchung auf den Gentest verzichtet hatten, war die Forderung der Patentinhaber denn auch das alleinige Motiv für die Ablehnung. Weitere zehn Labors gaben an, die Patente seien einer von mehreren Gründen gewesen.

Die Daten, die Bioethiker Merz und seine Kollegen gesammelt haben, legen außerdem nahe, dass Genpatente die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die medizinische Praxis nicht beschleunigen. „Im Gegenteil zeigt sich, dass diese Patente die Umsetzung behindert haben, womöglich weil sie ein finanzielles Risiko für die Labors bedeuten und die Bereitschaft verringern, eigene Tests zu entwickeln", schreiben sie in „Nature".

Weiter wird berichtet, dass dem Europäischen Patentamt in München vier Patentanträge bezüglich Hämochromatose- Gentests vorliegen. Sollten diese bewilligt werden, vermuten die Bioethiker, werden die amerikanischen Gepflogenheiten auch hierzulande bald Schule machen.

Weitere Informationen im Internet: http://www.gehrke.net/haemo/index.html (Patienteninfos & Diskussionsforum)

http://www.m-ww.de/krankheiten/erbkrankheiten/haemochromatose.html (Details zur Krankheit)

http://www.kkh.de/unternehmen/presse_folge.cfm?pkartikel=340 (zum Modellversuch)

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