Zeitung Heute : Behinderung gleich Leid?

Zu Behinderten werden Menschen durch gesellschaftliche Barrieren, nicht aber durch die Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Schädigungen

Sigrid Graumann

„Behinderung“ und „Leiden“ werden in der ethischen Diskussion über die moderne medizinische Forschung und Praxis oft in einem Atemzug genannt. Die Debatten über die embryonale Stammzellforschung und die Präimplantationsdiagnostik zeigen, dass das „Leiden“ an Behinderungen der ethischen Legitimation solcher Verfahren dient. Dabei geht es nicht nur um die Aussicht auf Linderung des „Leidens“ von Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen durch neue Therapien. Das wird für die embryonale Stammzellforschung angeführt. Es geht auch um die Vermeidung des „Leidens“ von Eltern durch die Geburt eines behinderten Kindes. Damit wird die Pränataldiagnostik gerechtfertigt und für eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik argumentiert. Dahinter steht ein Verständnis von Behinderung als vermeidbare und nach Möglichkeit zu vermeidende Lebensform. Viele Menschen mit Behinderung fühlen sich dadurch diskriminiert und in ihrer Existenzberechtigung in Frage gestellt.

In der ethischen Diskussion wird oft wenig Verständnis für solche Positionen gezeigt. So wird beispielsweise darauf verwiesen, dass auch die Bekämpfung der Kinderlähmung mit der Schluck-Impfung keine Menschen diskriminiert, die durch die Folgen der Kinderlähmung beeinträchtigt sind. Dieser Vergleich hinkt aber. Es sind unterschiedliche Sachverhalte, ob mit medizinischer Hilfe die Entstehung von Behinderungen oder die Existenz von Menschen mit Behinderung verhindert werden soll.

Außerdem wird argumentiert, es sei doch vollkommen verständlich, dass sich werdende Eltern ein gesundes Kind wünschen. Die ganz private Entscheidung, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um kein behindertes Kind zu bekommen, habe nichts mit Behindertenfeindlichkeit zu tun. „Kein Behinderter“, so der Philosoph Volker Gerhard, „wird dadurch in seiner eigenen Entfaltungsmöglichkeit eingeschränkt“. Darauf entgegnet Gregor Wolbring, Gründer des internationalen Netzwerks für Bioethik und Behinderung, warum dann die Geschlechtswahl durch vorgeburtliche Diagnostik, wie sie in Indien und China verbreitet ist, hierzulande empört abgelehnt wird. Warum soll denn die eine Art der „Selektion“ nicht behindertenfeindlich sein, wenn die andere doch als frauenverachtend gilt?

Diese Kontroverse verdeutlicht, dass individuelle Entscheidungen von Paaren offensichtlich nicht das zentrale Problem sind. Problematisch ist vielmehr, dass hinter der Motivation zur Entwicklung und Etablierung medizinischer Verfahren, deren ausdrückliches Ziel es ist, die Existenz von Menschen mit Behinderung zu verhindern, eine gesellschaftliche Geringschätzung von behinderten Menschen gesehen werden kann.

Auch wenn individuelle Entscheidungen werdender Eltern unten den gegebenen Bedingungen durchaus nachvollziehbar sein können, zeigt die massenhafte Nutzung der vorgeburtlichen Diagnostik doch, wie verbreitet die Haltung in der Gesellschaft ist, dass ein behindertes Kind vor allem Belastung und Leid bedeutet. Hinterfragt werden sollte daher das gesellschaftliche Verständnis von Behinderung.

Für das so genannte „Medizinische Modell“ von Behinderung ist charakteristisch, so die Behindertenpädagogin Marianne Hirschberg, dass die „Behinderung nur auf die Schädigung eines Menschen zurückzuführen und damit als individuelles Problem zu begreifen" sei, das medizinisch zu lösen ist. Die gesellschaftliche Perspektive werde dabei ausgeblendet. Martina Puschke und Brigitte Faber von der bundesweiten Interessensvertretung behinderter Frauen „Weibernetz“ kritisieren, dass mit der Pränataldiagnostik Behinderung „nicht mehr als etwas angesehen wird, das alle betreffen kann, sondern als etwas, das in der persönlichen Verantwortung“ vor allem der Frau liege. Ihr werde die Schuld zugeschrieben, „wenn sie die angebotenen Möglichkeiten nicht nutzt oder gar sich bewusst für ein behindertes Kind entscheidet“. Die Behindertenbewegung bezieht sich deshalb auf das „Soziale Modell“ von Behinderung, das in den angelsächsischen „Disability Studies“ aus der Kritik am „Medizinischen Modell“ heraus entwickelt wurde. Grundlegend ist hier die Unterscheidung zwischen „Beeinträchtigung“ und „Behinderung“: „Beeinträchtigt“ sind Menschen durch körperliche, geistige oder psychische Schädigungen, „behindert“ aber werden sie durch gesellschaftliche Barrieren und fehlende Unterstützung.

Im Mittelpunkt des „Sozialen Modells“ steht die Forderung, dass das Recht auf volle gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen geachtet wird. Auch wenn sich diese Forderung vor allem auf die Beseitigung gesellschaftlicher Missstände bezieht, wird medizinische Hilfe selbstverständlich nicht pauschal abgelehnt. Allerdings wird darauf bestanden, dass medizinische Probleme medizinisch und gesellschaftliche Probleme gesellschaftlich gelöst werden. Christian Judith von der Interessensvertretung „Selbstbestimmt leben“ meint, Medizin solle nicht versuchen, behinderte Menschen zu verhindern oder um jeden Preis an die gesellschaftliche Norm anzupassen. „Meine Behinderung gehört zu mir, sie ist ein Teil meiner selbst“, betont er.

Die Orientierung am „Sozialen Modell“ von Behinderung würde die Zielsetzung der medizinischen Forschung und Praxis grundlegend verändern. Nicht die Schädigung als solche würde im Mittelpunkt stehen, sondern der „ganze“ behinderte Mensch. „Behinderung“ und „Leiden“ würden nicht einfach gleichgesetzt. Es würde gegebenenfalls danach gefragt, worin genau das Leiden besteht und welche Mittel – medizinische oder nichtmedizinische – sich zu dessen Linderung eignen würden.

Dr. Sigrid Graumann, Biologin und Philosophin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft in Berlin ( www.imew.de ). Sie ist außerdem Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages.

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