Zeitung Heute : Behüte deinen Nächsten

Ruth Ciesinger

In Nordkorea gab es bereits am Donnerstag eine Explosion, bei der eine vier Kilometer hohe Rauchsäule aufstieg. Wie kommt es, dass auch Südkorea den Vorfall herunterspielen möchte?

Die Reaktionen sind nicht ungewöhnlich. Am Sonntag meldet die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap eine oder sogar zwei rätselhafte Explosionen in Nordkorea nahe der chinesischen Grenze. Satelliten sollen am Donnerstag Aufnahmen von einer riesigen, pilzförmigen Rauchwolke gemacht haben wie nach einem überirdischen Atomtest. Doch während der Spekulationen immer mehr entstehen, darüber ob Pjöngjang tatsächlich diesen Schritt gewagt hat, meldet sich Südkoreas Regierung zu Wort: Nein, das ist kein Atomtest gewesen, sagt der Präsidentensprecher. Wahrscheinlich sei die Ursache der ungewöhnlichen Wolke ein Brand oder ein Unfall.

Bisher weiß wohl niemand, was sich hinter dem Rauchpilz verbirgt. Doch dass Seoul sich bemüht, die Angelegenheit klein zu halten, ist so erklärbar wie die aufgeregte Reaktion der südkoreanischen Medien auf alles, was Mysteriöses im Nachbarstaat passiert. Denn Südkoreas Regierung will jede Eskalation mit dem Nachbarn im Norden vermeiden. Sie setzt auf gegenseitige Annäherung, und da passen Vorwürfe nicht ins Konzept.

Südkoreas früherer Präsident Kim Dae Jung hat die so genannte „Sonnenscheinpolitik“ eingeleitet. In der Praxis heißt das: Seoul greift dem wirtschaftlich maroden Land mit hunderten Millionen jährlich unter die Arme, im Gegenzug lässt Pjöngjang Treffen von jahrelang getrennten Familienmitgliedern zu. Jedoch verzögert der Norden jedes neue Treffen und jede Ministerrunde, bis er mit noch mehr Hilfsleistungen überzeugt wird. Diese kleine, dafür aber um so teurer erkaufte Öffnung stößt bei den Südkoreanern und dem amtierenden Präsidenten Roh Moo-Hyun immer mehr auf Skepsis. Trotzdem würde man Pjöngjang nie brüskieren wollen.

Anders als die Amerikaner, die auf Nordkorea wegen seines möglicherweise wieder aufgenommenen Atomprogramms gar nicht gut zu sprechen sind. Dass gerade US-Außenminister Colin Powell sich sehr vorsichtig über die Explosionen äußert, spricht dafür, dass bisher zumindest tatsächlich wenig Anhaltspunkte für einen nordkoreanischen Atomtest vorliegen.

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