Zeitung Heute : Bei Apokalyptikern entbinden

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Greta Marianna ist da! Unsere zweite Tochter wurde am 4. Januar geboren, neun Tage nach dem vorausberechneten Termin. Sie ist wirklich ein braves Kind: Zu ihrem Geburtstag hat sie uns das Elterngeld geschenkt.

Wir hatten also ausreichend Zeit, uns auf das große Ereignis vorzubereiten. Ich meinerseits hatte mir vor der Entbindung (mal wieder) das Rauchen abgewöhnt. Das macht es leichter für Väter, die hautnah miterleben wollen, wie ihre Kinder zur Welt kommen. In Kreißsälen ist das Rauchen nämlich schon länger verboten als auf den Fluren der Geburtsstationen.

Francesca, meine Frau, hatte sich ihrerseits ein anderes Krankenhaus ausgesucht. Unsere erste Tochter Emma wurde im St. Joseph in Tempelhof geboren. Aber meine Frau war mit der Bedienung nicht so zufrieden gewesen. Diesmal hatte sie sich für das Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf entschieden, ungefähr eine Tagesreise von unserer Kreuzberger Wohnung entfernt. Als wir dort ankamen, las ich auf dem Klinikschild „Siebenten-Tags-Adventisten“. Ich sah meine Frau entgeistert an: „Du willst nicht mehr bei den Katholiken entbinden und gehst stattdessen zu den Apokalyptikern? Na, herzlichen Glückwunsch.“

Meine Vorbehalte waren unbegründet. Diese Adventisten betreiben in Zehlendorf eine ganz tolle Geburtsstation – eine ermutigende Leistung für eine Glaubensgemeinschaft, die das Ende der Welt in Bälde erwartet.

Anfang und Ende, das hängt ja alles irgendwie zusammen. Schließlich zeigte sich, dass auch die Christen in dieser Stadt alle unter einer Decke stecken. So stellte sich heraus, dass die Geburtsschwester in Waldfriede zuvor Chefhebamme im St. Joseph gewesen war.

Als ich Gretchen in die frühlingshaft milde Januarluft hinaustrug, war mein Herz von Leichtigkeit erfüllt. „Die Industriegesellschaft hat dir die Atmosphäre schön eingeheizt, damit du nicht frieren musst, mein Schatz“, witzelte ich. Ach Herr, vergib uns – auch wenn wir wissen, was wir tun.

Die Adventisten im Internet:

www.adventisten.de

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