Zeitung Heute : Bei Euch piept’s wohl!

All die schönen, neuen Handys – mit den vielen zusätzlichen Funktionen wird man allerdings häufig allein gelassen. Ist weniger mehr?

Maximilian v. Demandowsky

Von wegen: das Handy. Es gibt Handys zum Fotografieren, Handys zum Organisieren, Handys zum Radio hören, neuerdings sogar Spiele-Handys wie das Nokia N-Gage, die Konsole für unterwegs. Doch wo gibt es noch das ganz einfache Handy zum Telefonieren? Mit wenigen, überschaubaren Funktionen, die man nicht vergisst? Mit ausreichend großen Tasten, die mit jedem Finger zu bedienen sind? Einem einfachen Klingelton und ohne Pop-Melodien, die eigentlich keiner hören will? Kurz: eine Art Volks- Handy, abgespeckt, nur mit dem Nötigsten versehen, zum Anrufen, Angerufen-Werden und vielleicht zum SMS-en?

Wie zum Beispiel der Klassiker von Siemens, das C55. Noch zum letzten Weihnachtsgeschäft war es eines der meistverkauften Handys in Deutschland, quasi der Golf unter den Mobiltelefonen. Und noch ein Handy der alten, abgespeckten, anwenderfreundlichen Generation: das heißt „nur“ zum Telefonieren, SMS-Verschicken und vielleicht noch mit einem Organizer für Geburtstagsgrüße.

Allerdings: Die Produktion des C55 läuft aus, so Siemens-Sprecherin Anja Klein. Kenner und Freunde der einfachen Variante sollten deshalb beim Online-Auktionshaus eBay vorbeischauen. Dort gibt es das C55 für rund 50 Euro (ursprünglicher Preis ohne Vertrag: 300 Euro). Auch der Nachfolger S55 liegt dort mit Geboten um rund 130 Euro weit unter dem Händlerpreis.

E-Mails unterwegs

Fest steht in jedem Fall: Wer heute ein Handy kaufen will, kann aus einer fast unüberschaubaren Auswahl verschiedenster Geräte wählen. Die Frage ist nur, wozu man es benötigt? Dann kann unter Umständen auch die Anschaffung eines Blackberry- Handy–Organizers sinnvoll sein. Mit diesem Gerät hat man sein Büro tatsächlich überall und zu jeder Zeit in der Tasche. Anders als bei den sonstigen Geräten dieser Klasse werden E-Mails beim Blackberry nicht nur sporadisch abgerufen, sondern landen sofort nach dem Erhalt im Posteingang. Mit der integrierten und gut zu bedienenden Tastatur ist es zudem kein Problem, auch längere Antworten mal eben unterwegs abzusetzen. Dieser Luxus für Business-Kunden hat allerdings seinen Preis. Die T-Mobile-Zusatztarife für den E-Mail-Service fangen bei 15 Euro im Monat an.

Bei vielen anderen Handys für den privaten Gebrauch spielt der Anschaffungspreis in der Praxis dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Selbst das neue Spielehandy N-Gage von Nokia wird bereits jetzt – wenige Tage nach dem Start des Verkaufs – bei Abschluss eines Neuvertrages für den symbolischen Preis von einem Euro abgegeben. Doch wer unbedingt den quirligen Sonic oder die agile Lara Croft fürs Handy haben will, sollte sich dessen bewusst sein, dass das N-Gage eben doch kein Gameboy, sondern ein Handy ist. Und Handys müssen – anders als die Spiele-Geräte von Nintendo – nach wie vor in Flugzeugen abgeschaltet werden müssen. Auch das Display ist kleiner und kann weniger Farben darstellen als das Original. Dafür taugt das N-Gage als Radio-Ersatz. Man muss eben wissen, was man mit dem Handy machen will.

Für die Hersteller ist Vielfalt Pflicht. Nach den Wachstumsschüben im Jahr 2000 sinken die Verkaufszahlen allerdings kontinuierlich. Wurden im Millenniums-Jahr 29,5 Millionen Stück verkauft, so waren es 2002 nur noch 17,5 Millionen. Die Branche reagiert mit neuen Konzepten und Funktionen: Multimedia-Handys mit polyphonen Klingeltönen, Spiele zum Downloaden, Internet-Verbindung über WAP-Browser und integrierte MP3-Player. Selbst Speicherkarten für Musik und Daten gibt es für das Handy. Und falls es im Hausflur wieder mal stockdunkel ist, braucht man kein Feuerzeug mehr, denn es gibt Handys mit eingebauter Taschenlampe. Und Nokia hält ein Gerät mit integriertem Kalorienzähler und Messgerät für den Lärmpegel bereit (Nokia 5100).

Im Mittelpunkt stehen freilich die Mobiltelefone mit Kamerafunktion (wie das Siemens MC60). Mit dem Foto-Handy kann man nicht nur Bilder aufnehmen und verschicken, bei manchen Geräten kann man sogar einen 30 Sekunden langen Videofilm drehen und anschließend über das Mobilfunknetz versenden. Allerdings hat der Spaß seinen Preis. Möchte man ein Foto per MMS innerhalb des eigenen Netzes verschicken, und beträgt die Bildgröße weniger als 30 Kilobyte, kostet das 39 Cent. Hat man dagegen ein knapp 100 Kilobyte großes Urlaubsfoto aufgenommen – das auch auf dem Computer noch einigermaßen aussieht – so sind für das Verschicken mindestens 1,29 Euro pro Bild fällig.

Aber was ist, wenn man wirklich nur telefonieren will? Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass die Handy-Hersteller ihre Geräte an den Kundenwünschen vorbei entwickeln. Natürlich nicht, meint Nokia-Sprecherin Kristina Rücken. „Wir bieten Einsteigerhandys mit klassischen Telefonie-Eigenschaften, aber auch Spitzenhandys für den Businessbereich.“ Nokias schärfster Rivale Siemens sieht ebenfalls wenig Probleme. „Der Kunde will Kamerafunktionen, Farbdisplay und einfachen Bedienkomfort“, sagt Sprecherin Anja Klein. Auch der südkoreanische Handy-Entwickler und Markt-Aufsteiger Samsung sieht keinen Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage.

Tipps für neue Geräte

Auf der Verbraucherseite sieht man das nicht ganz so optimistisch. Aktuelle Testergebnisse über Handys belegen, dass Wünsche der Kunden bezüglich Anwendungsmöglichkeiten und Funktionen beträchtlich von den Verlautbarungen der Hersteller abweichen. Henning Withöft, Redakteur bei Stiftung Warentest, testet die aktuellen Fotohandys (Test 9/2003). Sein Fazit: „Die Bedienungsführung und Erklärung für viele Funktionen sind oft kritisch. Der Anwender wird allein gelassen, muss selber viel ausprobieren, bis es klappt.“ Wer sich ein neues Gerät anschaffen möchte und sich nicht sicher ist, für welchen Anbieter und welches Modell er sich entscheiden will, sollte neben Ausstattung und Preis auch auf die Sprachqualität und Laufzeit der Akkus achten.

Auch die Haltbarkeit einzelner Handy- Teile sowie der Service der Handy-Hersteller sind nicht immer zufriedenstellend. In einer Online-Befragung der Stiftung Warentest (9/2003) über defekte Handys und deren Reparaturversuche berichteten Kunden bei bestimmten Handy-Typen gleich mehrfach von Komplikationen und Schwächen einzelner Geräteteile. So bezogen sich Klagen über kaputte Displays vor allem auf die Nokia-Anzeigen. Beim Hersteller Siemens dominierten defekte Tastaturen, bei SonyEricsson eine mangelhafte Software der Geräte. Häufig traten Probleme mit Akku-Laufzeiten auf.

Vielleicht sollte man mit dem Handy-Kauf auch einfach noch etwas abwarten. Die neue Generation des Mobilfunks wird mit noch schnelleren Datenübertragungsraten und einer noch engeren Abstimmung zwischen PC, Multimedia und Handy-Software den portablen Geräten mehr Leistungsfähigkeit abverlangen. Stichwort: Mobilfunkstandard UMTS. Anfang 2004 werden die ersten Netzbetreiber starten. Regulär im Handel erhältlich sind die neuen Geräte wie das U15 von Siemens gegen Jahresende. Ob mit den tragbaren Minicomputern der von der Branche erhoffte Kaufboom einsetzen wird, bleibt abzuwarten. Auch für die UMTS-Generation gilt: Wer die zahlreichen Funktionen und Tastaturbefehle auf seinem Gerät nicht versteht, greift eben lieber zu abgespeckten Handy-Klassikern wie dem Siemens C55 oder dem Nokia 3310.

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