Zeitung Heute : Bei Geld hört das Vertrauen auf - Presserat erweitert Verhaltenskodex für Wirtschaftsjournalismus

Matthias Hochstätter

"Schnell reich werden" - da denkt man an die Lotto-Fee oder an die Spielbank. Auch die Wirtschaftspresse lockt derzeit Leser mit der schnellen Mark. Nicht nur "schnell", sondern auch "bequem" reich werden kann man bei der Lektüre von Burdas "Focus Money", so verspricht es Ausgabe 18. Die "Telebörse" (Holtzbrinck) kontert mit "Fünf Wege zum Reichtum". Und einer der letzten "Capital"-Titel (Gruner + Jahr) liest sich wie ein Lock-Angebot vom Grauen Kapitalmarkt: "Jetzt clever investieren - 50 Prozent kassieren".

"Das ist die Regenbogen-Presse der Kapitalmärkte", schimpft Reinhart Schmidt, Finanzwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität in Halle, auf die neuen Anleger-Magazine. Schmidt missbilligt die Entwicklung der Wirtschaftspresse auch als Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts (DAI) in Frankfurt. Das DAI, ein Verein börsennotierter Firmen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die unterentwickelte deutsche Aktienkultur voranzubringen. Schmidt: "Diese neuen Blätter heizen die Kurse in unverantwortlicher Weise an, und wenn die einbrechen, dann ist die Enttäuschung groß. Die Klein-Anleger ziehen sich wieder zurück." Der derzeitige Glücksspiel-Charakter der Börse fördere die Aktienkultur ganz bestimmt nicht, so der DAI-Vorstand. Doch Leser und Anzeigenkunden goutieren die neuen Verlagsprodukte. Im ersten Quartal 2000 stieg die verkaufte Auflage der Wirtschaftsmagazine auf 2,37 Millionen Exemplare - 82 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Verlagskassen klingeln. Die Leser sollen dem Rat der Anleger-Magazine trauen und mit deren Muster-Depots reich werden.

Doch die Glaubwürdigkeit des Wirtschaftsjournalismus ist angekratzt. Manfred Schumacher, Ex-Chefredakteur von "Focus Money", stolperte über sein Aufsichtsratsmandat bei der börsennotierten Metabox AG und über die PR-Agentur seiner Frau Claudia. Sie betreut AGs, die bereits mehrmals in "Focus" über den grünen Klee gelobt wurden. Schon seit Jahren spricht die Branche verschmitzt vom "Prior"-Effekt, wenn Börsenberichte den Kurs treiben: Das Bundesaufsichtsamt für Wertpapierhandel wollte TV-Börsenanalyst Egbert Prior ("3 sat-Börse") wegen Insider-Geschäften vor den Kadi zerren. Die Aktien aus dem eigenen Depot hatte Prior besonders gerne besprochen und dadurch ihren Wert vervielfacht. Doch der Tatverdacht war nicht hinreichend.

Doch wie dieser Unsitte Herr werden? Jost Springensguth, Chefredakteur der "Westfälischen Nachrichten", hat zum Thema Amigo-Journalismus eigens einen Arbeitskreis der Chefredakteure für die Regionalzeitungen gegründet. Der soll versuchen, "Wirtschaft und Journalismus lauter zu vereinbaren", so Springensguth. Auch den Anlage-Magazinen würde so ein informeller Arbeitskreis gut anstehen. Erst am Mittwoch erweiterte der Deutsche Presserat die journalistischen Verhaltensgrundsätze zu Insider- und anderen Informationen mit potenziellen Auswirkungen auf Wertpapierkurse um den Satz: "Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden."

Die meisten Wirtschaftsblätter haben sich bereits einen eigenen Verhaltenskodex geschaffen. Für Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der unabhängigen Zeitschrift "Finanztest" (Stiftung Warentest), reicht ein Lippenbekenntnis nicht aus: "Wer verhindert denn, dass die Oma oder der Schwager eines Redakteurs von Vorab-Informationen profitiert?" Auch die Methoden der Finanz-Presse bei der Berichterstattung sind zweifelhaft. Eine der Haupt-Informationsquellen des Finanz-Journalisten sind die Aktien-Analysten. Sie sind mit ihren Tipps und Aktien-Bewertungen für die Berichterstattung unverzichtbar geworden. Doch meist sind Banken dieser Analysten geschäftlich mit den Aktiengesellschaften verbandelt oder haben diese als Konsortialbank an die Börse gebracht. Tenhagen: "Von 25 Analysten, die sich in der Presse über einen Titel äußern, sind vielleicht fünf in ihrer Meinung wirklich unabhängig."

Dem Analysten-Phänomen auf der Spur ist auch das Bonner Institut für Medienanalysen (IfM). Innerhalb von fünf Wochen, so fand das IfM heraus, publizierten sieben führende Wirtschaftstitel rund 1150 Empfehlungen von Analysten zu den Blue-Chips von Dax, M-Dax, Nemax und Eurostoxx. Zwei Drittel dieser Ratings lauteten auf "Kaufen", nur zwölf Prozent auf "Verkaufen". Aber lohnt es sich wirklich zu kaufen? Schmidt vom DAI traut einigen Analysten nicht über den Weg: "Da kochen manche nicht mal mit Wasser." Und der Geschäftsführer des Bonner IfM, Roland Schatz: "Bei Analysten ist es ähnlich wie bei Eunuchen: Sie wissen vielleicht, wie es geht, können es aber nicht." Denn AG und Konsortialbank wollen natürlich von ihren Analysten Kaufempfehlungen hören. Ein negatives Rating könnte einen Börsenwert in den Ruin treiben.

Ein weiteres Problem der Anleger-Magazine sieht "Finanztest"-Chef Tenhagen im Anzeigengeschäft: "Diese Blätter speisen sich zu einem großen Teil eben aus Anzeigen von Börsengängern. Da entsteht schon ein sanfter Druck, über ständig neue Firmen zu berichten, nicht positiv zu berichten, aber mindestens doch auch zu berichten." Tenhagen hat gut reden. "Finanztest" finanziert sich nicht über Anzeigen und berichtet auch nur über Fonds und Versicherungen - "zu konservativ", wie DAI Vorstand Schmidt urteilt. Allerdings findet er die Analyse-Methoden von "Finanztest" auch wissenschaftlich interessant: "Bei vielen Blättern sind die selbst erfundenen Analyse-Methoden völliger Unsinn. Da steckt nichts dahinter."

Roland Tichy, Chefredakteur der Telebörse, findet die markigen Sätze des Professors nicht lustig: "Der sollte sich etwas seriöser zum Thema äußern." Jedes Analyse-Instrument sei nur der Versuch, mit einer langen Stange im Börsen-Nebel herumzustochern, so Tichy: "Das wird der Herr Professor auch nicht besser können." Für Tichy müssen die Anleger-Magazine auch ein Stück weit Träume verkaufen. "Aber solche Träume werden heute an der Börse Wirklichkeit", sagt er. Schnell reich werden - doch kein Traum? Immerhin hatte die Telebörse in Ausgabe 20 die "Gewinnformel" gefunden.Verhaltensregeln für Wirtschaftsjournalisten im Internet: www.presserat.de/presse2000.htm

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