Zeitung Heute : Bei Gott darf gelogen werden

Vorheriges Training erleichtert Bewerbungsgespräche. Auch auf unzulässige Fragen sollte man sich gefasst machen

Jenni Roth

Was dem Leichtathleten der Endspurt, ist dem Bewerbunger das Vorstellungsgespräch. Hier wie da gilt: Man kommt leicht ins Schwitzen. Arbeitgeber wissen das. „Wir versuchen, die Gesprächssituation entspannt zu gestalten und fangen erst mal mit Small Talk an“, sagt Rainer Schmidt-Rudloff, Experte für Personalpolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Aber auch schon bei Fragen zu Anreise oder Wetter lasse sich eines beobachten: Die Kardinaltugend „soft skills“.

Dazu gehören Kommunikations- und Teamfähigkeit, die Eigenschaft, gut zuhören zu können oder der Umgang mit Stress und Kollegen. Für Schmidt-Rudloff spielen dabei klassische Höflichkeitsformeln eine wichtige Rolle: „Ein fester Händedruck, Blickkontakt – nur nicht auf den Boden starren.“ Aber den jungen Leute sei der Knigge immer öfter ein Fremdwort: „Das geht bei ’Bitte’ und ’Danke’ los. Manche Leute sind unordentlich gekleidet und fluchen drei Mal in einem Gespräch.“ Auch die Unterbrechung durch ein Handyklingeln kann ein vorzeitiges Aus bedeuten. Neben sauberen Manieren ist gute Vorbereitung ein Muss: „Erst einmal sollte man sich mit den Anforderungen des Unternehmens vertraut machen“, empfiehlt Christian Püttjer von der Karriereakademie. Sympathiepunkte sammelt, wer eigene Vorstellungen klar formuliert und selbst aktiv Fragen stellt: „Das signalisiert, dass man sich informiert hat“, sagt Schmidt-Rudloff. Und er warnt bei Fragen nach den eigenen Vorstellungen vor Fehltritten wie „Ich weiß ja nicht, was ich bei Ihnen so alles machen kann.“

Diese Regeln gelten für das klassische Vorstellungsgespräch und für Assessment Center (AC). Diese Auswahlverfahren, die sich oft hinter Begriffen wie „Bewerbertag“ verstecken, prüfen den Kandidaten in Tests, Gruppenübungen oder Rollenspielen. Doch abseits der Rollenspiele gilt auch hier: Ein Vorstellungsgespräch ist kein Theatercasting: „Wenn jemand Antworten auswendig lernt, spüren das die Personaler sofort“, warnt Schmidt-Rudloff. Manch einer ist ohnehin schlecht im Schauspielern. Eigenbrötler, die mit Fachwissen brillieren, sich aber ungern in sozialen Netzwerken bewegen, scheitern oft in ACs, sagt Schmidt-Rudloff. Allerdings gehe es dabei meist um Jobs, bei denen das Arbeiten im Team üblich sei. Und dahin würde der Betreffende ohnehin schlecht passen.

Wie im Sport lässt sich aber auch das Vorstellen trainieren. Der erste Schritt sind Gespräche oder simulierte Interviews mit Freunden. Was will ich, was kann ich, was sind meine Ziele, wie kommt die Lücke im Lebenslauf zustande, was hebt mich von meinen Mitbewerbern ab? Wem das Experimentieren nicht reicht, kann mit professioneller Anleitung üben. „Ein gutes Buch hilft auf jeden Fall. Gezieltes Training hilft aber noch mehr“, sagt Püttjer. Die Arbeitsagenturen warnen vor veralteten Karriere-Ratgebern. Bei Seminaren kann man vor laufender Kamera Körpersprache beobachten und typische Stressgesten wie mit den Füßen wippen oder Arme verschränken, ausmerzen. Gängige Situationen werden durchgespielt: „Auf die Frage, ob Sie Excel beherrschen, antworten Sie nicht mit ’Nein’. ’Ja, ich kenne Excel, aber...’ klingt positiver“. Seinen Charme sollte man auch dann spielen lassen, wenn unzulässige Fragen gestellt werden: „Fragen nach Religion, Familienplanung oder Parteizugehörigkeit sind nicht erlaubt“. In solchen Fällen sei ein bisschen Flunkern durchaus angebracht.

Weise Ratschläge schaffen Prüfungsängste und Lampenfieber nicht aus der Welt. Hier helfen nur gezieltes Training und Vorbereitung. Neben privaten Anbietern unterstützt etwa das Arbeitsamt Arbeitslose mit Bewerbungstrainings. Im Notfall muss ein Psychologe die Rolle des Betreuers übernehmen. Tröstlich ist der Gedanke, dass es den anderen meist auch nicht besser geht.

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