Zeitung Heute : Bei Herrn Biber und Frau Kröte

Joachim Göres

Ein roter Adler am Himmel, ein Biber beim Bau eines kleinen Damms, eine der sehr seltenen Sumpfschildkröten, die gerade an Land schwimmt - es sind vor allem Berliner Besucher, die sich nach einer Stunde Fahrtzeit in eine andere Welt flüchten, in der sie eine lange nicht mehr erlebte Stille und ungestörte Natur entdecken. In der Blumberger Mühle bei Angermünde hat der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sein Informationszentrum, von dem aus Entdeckungsreisen in das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin angeboten werden. "50 Prozent unserer insgesamt 35 000 Besucher kamen im letzten Jahr aus Berlin. Wenn die sehen, was es nicht mal 100 Kilometer von Berlin entfernt an Tieren und Pflanzen gibt, sind sie total baff", sagt Kathrin Succow-Hoffmann, Leiterin des 1997 eingerichteten Nabu-Informationszentrums.

322 Biosphärenreservate gibt es weltweit, die von der Unesco anerkannt sind. In der Landschaft zwischen der oberen Havel, der unteren Oder und dem Barnim im nordöstlichen Teil der Mark Brandenburg soll der Mensch so wirtschaften, dass die Natur geschützt bleibt. Tourismus in einer ökologisch einmaligen Region - droht da nicht die Zerstörung von Flora und Fauna? Die Tiere seien von früher ganz anderen Unbill gewöhnt, "denn zu DDR-Zeiten fuhren hier ständig Landwirte der LPGs mit ihren Treckern durch." Die ökologische Belastung sei heute viel niedriger.

Lob für die Berliner

Natürlich muss es trotzdem Regeln geben. Die Biosphärenverwaltung entscheidet, wo Besucher hin dürfen, ohne dass sie Tiere stören. Unsere Aufgabe ist es, die freigegebenen Wege und Flächen so zu nutzen, dass Gäste die Natur besser kennenlernen und genießen können", sagt Succow-Hoffmann, die gerade die Berliner Besucher für ihre Achtung vor der Natur bei den Rundgängen lobt.

Ziel der Leiterin: Emotionen wecken, damit Besucher den Wert der Landschaft erkennen und sich für ihren Schutz einsetzen. "Bei uns gibt es keinen Massentourismus. Bei uns geht niemand mit aufgesetztem Kopfhörer durch die Gegend und bekommt Erklärungen per Kassette, sondern wir setzen auf persönliche Betreuung bei den Führungen, damit jeder Besucher mit allen Sinnen die Natur wahrnehmen und jederzeit fragen kann."

Dabei hilft auch die Technik: Eine Videokamera ist am Fischadlerhorst installiert, und auf der Großbildwand im Infozentrum können Besucher die Aufzucht der Adlerjungen mitverfolgen. Wer sich speziell dafür interessiert, kann das spannende Geschehen auch unter www.blumberger-muehle.de/adler verfolgen.

Irrgarten für Kinder

Auf zwölf Hektar wurde eine "Naturerlebnislandschaft" gestaltet, in der man über ein federndes Moor und vorbei an Feuchtwiesen zu verschiedenen Aussichtspunkten gelangt, von wo aus zum Beispiel die Sumpfschildkröte beobachtet werden kann. Speziell für Kinder wurde ein Irrgarten und eine Naturspiellandschaft geschaffen. Es gibt sogar einen "sprechenden Baum". An besonderen Tagen beziehungsweise Nächten werden geführte Beobachtungsgänge zu Fröschen, Fledermäusen, Kranichen oder Bibern angeboten. Als eine "Großeltern-Enkel-Reise" empfiehlt sich eine Natur-Exkursion samt Kremserfahrt.

Was für Großstädter eine Attraktion ist, kann für die Einheimischen auch zur Last werden. Rund 35 000 Menschen leben in den 75 Gemeinden und drei Kleinstädten, die zum Gebiet des 130 000 Hektar großen Biosphärenreservats gehören. Die geforderte "naturverträgliche Wirtschaftsweise" wird von ihnen häufig als Nachteil empfunden, sei es bei den Bestimmungen für die Landwirtschaft oder beim Bau des eigenen Hauses. Ein Bürgerbüro soll Konflikte entschärfen und lösen helfen, ob es nun um Fledermäuse im eigenen Haus, Angeln an den mehr als 200 Seen oder Fördermöglicheiten im ökologischen Landbau geht. "Für viele Uckermärker ist die heimische Natur nichts Besonderes, denn sie kennen es nicht anders. Langsam wächst aber der Stolz auf die eigene Region, denn immer häufiger kommen Einheimische zu uns, wenn sie Besuch von weiter weg haben, um ihren Gästen die Natur näherzubringen", berichtet Succow-Hoffmann.

Obst mit Gütesiegel

20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Schutzgebietes werden von ökologisch wirtschaftenden Unternehmen betrieben. Obst, Fleisch, Honig, Fisch, Milch, Saft und Backwaren mit dem Gütesiegel "Regionalmarke Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin" werden in vielen Gastwirtschaften und Restaurants am Ort angeboten, außerdem auch im ersten Regionalladen Schorfheide-Chorin, den es in der Greifenhagener Straße 23 im Prenzlauer Berg gibt.

Ökologischer Tourismus, Bio-Produkte, das ist bei unserer Arbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein - ein Argument, mit dem die Verfechter des Biosphärenreservats immer wieder konfrontiert werden. Sie verweisen dann darauf, dass in konventionellen landwirtschaftlichen Betrieben im Schnitt eine Arbeitskraft für 100 Hektar Nutzfläche zuständig ist, dagegen für dieselbe Fläche bei den ökologisch wirtschaftenden Unternehmen des Ökodorfs Brodowin 4,5 Personen in der Produktion, Verarbeitung und Vermarktung beschäftigt sind. Die Folge: mit acht Prozent ist die Arbeitslosenquote in Brodowin die niedrigste im ganzen Arbeitsamtsbezirk Eberswalde.

Nabu Erlebniszentrum, Blumberg Mühle 2, 16278 Angermünde; Telefon: 033 31 / 260 40, Telefaxnummer: 033 31 / 26 04 50, E-Mail-Adresse: Blumberger.Muehele@NABU.de

Anfahrt: mit dem Auto über die A 11 Richtung Stettin, Abfahrt Joachimsthal/Angermünde, von dort Ausschilderung zur Blumberger Mühle.

Per Bahn stündliche Verbindung nach Angermünde, von dort direkter Anschluss mit dem Panorama-Zug "Biberbahn", zu Fuß oder per Rad über ausgewiesene Wege, rund fünf Kilometer bis Blumberger Mühle.

Öffnungszeiten: sonntags bis freitags 9 bis 18 Uhr, sonnabends 9 bis 20 Uhr.

Eintritt: 4,50 Euro (Ermäßigungen).

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