Zeitung Heute : Bei Licht betrachtet

In der Diskussion über Kohle-, Erdgas- und Atomkraftwerke nimmt sie breiten Raum ein: die Stromlücke

Christina Kohl

Wir drücken den Lichtschalter – und nichts passiert. Eine Vorstellung, vor der sich viele fürchten in Zeiten der permanenten Diskussion um Herkunft und Verbrauch der Energie, die unser Leben am Laufen hält. Fossile Energieträger sind endlich, Atomkraft ist gefährlich, Wind, Wasser und Sonne geben anscheinend nicht genug her. Da drängt sich die Frage doch geradezu auf: Stehen wir irgendwann im Dunkeln?

Nein, sagen Energie-Experten und Politiker. Nein aber, sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena). Im Frühjahr veröffentlichte die dena eine Analyse der Kraftwerks- und Netzplanung in Deutschland bis 2020. Seitdem ist die Debatte über eine drohende Stromlücke neu entbrannt. Bleibt es bei dem geplanten Atomausstieg, so will die dena herausgefunden haben, produzieren die Deutschen bereits ab 2012 weniger Strom als sie in Spitzenzeiten verbrauchen – selbst wenn sie mehr sparen als bisher. Bis 2020 steige die Differenz weiter: „Wenn wir nicht neue effiziente Kohle- und Gaskraftwerke für rund 12 000 Megawatt zusätzlich bauen, müssen alte ineffiziente Kraftwerke länger laufen“, sagt dena-Chef Kohler zu den Berechnungen.

12 000 Megawatt, das entspricht der Leistung von rund 15 großen Kraftwerksblöcken. Exakt 15 Gas- und Kohlekraftwerke werden derzeit laut dena-Angaben in Deutschland gebaut. Jüngstes Beispiel ist das trotz großer Widerstände genehmigte Hamburger Kraftwerk Moorburg, das der Energiekonzern Vattenfall betreibt.

Neue Kraftwerke seien nötig, sagt Stephan Kohler, um die Regel- und Reserveenergie bereitzustellen. Die Nutzung regenerativer Energiequellen müsse zwar ausgebaut werden, könne aber tatsächlich nicht zuverlässig den Höchstbedarf decken. „Windkraftwerke liefern nur dann Strom, wenn der Wind weht“, meint der dena-Chef. Auch Stromimporte sind nach den Analysen der Energie-Agentur keine Alternative. Die vorhandenen und geplanten Kraftwerkskapazitäten im europäischen Ausland reichten für einen deutschen Mehrbedarf schon ab 2015 nicht mehr aus.

Roland Hipp hält das Gerede von der Stromlücke für reine Panikmache. „Die Stromlücke ist nichts weiter als Propaganda der Energiekonzerne“, sagt der Kampagnen-Geschäftsführer von Greenpeace. „Sie wollen damit Ängste in der Bevölkerung schüren und den Politikern einreden, dass Atom- und Kohlekraft gebraucht wird.“ Fast 80 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland produzieren die vier Riesen RWE, E.on, Vattenfall und EnBW. Die dena-Studie setze unrealistische Annahmen voraus, kritisiert Hipp. Es heiße darin, die Atom- und Kohlekraftwerke würden im gleichen Zeitraum abgeschaltet. Greenpeace dagegen fordert den Ausstieg aus der Atomtechnologie bis 2015 und ein Ende der Kohleverstromung zwischen 2040 und 2050. Die Umweltorganisation bringt eine neue Vokabel ins Spiel. „Es gibt keine Stromlücke sondern allenfalls eine Investitionslücke“, sagt Roland Hipp. Die Zukunft liege in den erneuerbaren Energien; in deren Ausbau müsse jetzt mehr Geld fließen. Geld, das bei den Brennstoffkosten der Kohlekraftwerke eingespart werden könne. Nur für den Übergang, bis die regenerativen Energiequellen also tatsächlich so genutzt werden, dass sie eine sichere Stromproduktion garantieren, seien neue Gaskraftwerke nötig, räumt Hipp ein.

Auch Umweltpolitiker wollen von einer möglichen Stromlücke nichts wissen. Sie führen die hohen Stromexporte deutscher Energieversorger ins Ausland an. 2008 könnten sie höher sein als je zuvor – obwohl mehrere Atomkraftwerke in dieser Zeit nicht oder nur zeitweise am Netz waren. „Das zeigt einmal mehr, dass das Gerede von der angeblichen Unverzichtbarkeit der Atomenergie Quatsch ist“, erklärte dazu Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD).

Energie muss gespart und effizient genutzt werden – darin sind sich alle einig. Mit dem Atomausstieg und dem Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion bis 2020 auf 30 Prozent zu erhöhen, hat die Politik bereits eine Richtung vorgegeben. Mehr allerdings nicht. Der Streit über neue Kohle- und Gaskraftwerke, aber auch um die Nutzung der Atomenergie ist noch längst nicht vorbei. Die umstrittene Stromlücke wird von den Kontrahenten weiterhin bemüht werden.

Weitere Informationen unter: www.thema-energie.de

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