Zeitung Heute : Bei Missbrauch Bauchschmerzen

Die Basisnahrung zur Weltmeisterschaft: Unsere Probierrunde verbrachte einen geselligen Abend mit Kartoffelchips aus den Berliner Handel - und hatte mit allerhand seltsamen Beigaben und viel Fett zu kämpfen

Manche Gerichte scheinen nur zu existieren, um eine bestimmte Zutat auf ein Podest zu heben. Bei lauten Würzmitteln wie Knoblauch und Koriandergrün oder Meerrettich und Chili drängt sich dieser Gedanke ebenso auf wie bei monochromen Speisen wie etwa Matjes, die jeder Sauce trotzen. Doch wenn Salz in den Mittelpunkt gerückt wird, entsteht rasch der Verdacht, der Koch sei verliebt. Bei einem Industriebetrieb als Hersteller kann so etwas nicht vermutet werden. Dessen Produkte werden bis ins letzte Detail hinein geplant und im Labor erprobt. Aus diesem Grund stellt die Überdosis Salz, das bei Kartoffelchips ausschlaggebend ist, fast schon die Botschaft dar.

Doch nicht die ganze. Was es überhaupt mit Kartoffelchips auf sich hat und wie breit das geschmackliche Spektrum innerhalb der vorherrschenden Varianten „Natur“ und „Paprika“ angelegt ist, das wollte die monatliche Testrunde herausfinden. Den unmittelbaren Anlass für die Verkostung lieferte die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Während die Spiele der menschlichen Gliedmaßen über die Bildschirme rutschen, wird jede Menge Knabberzeugs konsumiert – darunter natürlich Chips. Neben den allfälligen Erdnüssen gehören sie nicht nur zur Grundausstattung aller Couch-Potatoes, sondern auch auf den Tresen der klassischen Bar.

Als Jury-Vorsitzender fungierte diesmal Matthias Diether. Der 35-jährige Berliner hat gerade die Küche des Restaurants „First Floor“ im Hotel Palace von Matthias Buchholz übernommen und nahm sich der Aufgabe gleich mit dem Elan dessen an, der ein Zeichen setzen möchte. Das setzte er allein schon durch seine Akribie. Diether legte die verschiedenen Chips nebeneinander auf Papier und schrieb daneben jeweils eine Zahl – die „Haltungsnote“.

Keine hohe Ziffer ordnete er „Trato Bio-Organic Naurel“ zu, die aus Australien via Holland in die Bio-Supermärkte gelangen. Unperfekt im Biss, zu stark gewürzt und im Fettanteil an Kartoffelsticks oder Pommes Allumettes erinnernd, so untermauerte Diether seine Note. Auch der demonstrative Öko-Look der spanischen „Patatas Artesanas Papa Daniel“, die bei Goldhahn & Sampson am Helmholtzplatz erhältlich sind, vermochte die Runde nicht gefangen zu nehmen. Denn hinter dem Packpapier-Mantel kam eine gewöhnliche Zellophantüte zum Vorschein, in der sich „Riesendinger“ (nur die ansonsten uninteressanten „La Chips d’Alice Fabrication Artisanale“ waren noch größer formatiert) tummeln, wie es First-Floor-Sommelier Gunnar Tietz ausdrückte. Das Urteil war einhellig: manche zu hart, andere etwas zäh und allesamt zu ölig, was bei einem reduzierten Salzgehalt umso mehr auffällt.

Ähnlich geartete Mängel, jedoch wesentlich mehr Kartoffel-Charakter wies ein weiteres Erzeugnis auf organischer Basis auf. Die ebenfalls aus Spanien stammenden „Patatas Fritas Ecochips Agricultura Ecológica“ aus der Vineria Carvalho in der Heinrich-Roller-Straße nehmen für sich in Anspruch, in jungfräulichem Olivenöl gesotten worden zu sein. Auch hier scheint man dem Salz wenig Bedeutung zuzumessen, so dass sich das Fett ungehindert wie ein Film über Finger und Gaumen ausbreiten kann. Der gleiche Stoff, der unsere Hüften bedroht, scheint mehr oder minder auch das Thema von „Tyrerells Lightly Sea Salted“, die mit Schale frittiert wurden. Die Premium- Marke aus der Galeria Kaufhof am Alex erinnert am ehesten noch an erkaltete Rösti. Schließlich musste die Testrunde ein weiteres Angebot im Bio-Markt ausschlagen: „Original Lantchips Salted Scandinavian Style“. Matthias Diethers Gedanken wanderten angesichts der Schmauchspuren am Rand und der aufdringlichen Röstaromen in Richtung Bratkartoffeln aus der Großwanne. Erkaltete, versteht sich.

Nachdem der letzte organische Prüfling „Molenaartige Chips Organic Gezouten“ an seinem Reiswaffel-Ton gescheitert war, wandte man sich mit ungeniertem Zutrauen den Marktführern zu. Bei den Chips sozusagen von der Stange setzten sich dann drei Probanden durch. Auf den dritten Platz kamen „Lorenz Naturals mit Meersalz & Pfeffer“. Obwohl ein Maggiessenz-Note nicht zu leugnen war und Sonnenblumenöl alsbald nach vorne dringt, wirken sie wie hausgemacht und platzen dazu noch angenehm krachig zwischen den Zähnen. Die Silbermedaille verdiente sich „Funny Frisch Biochips“, ebenfalls mit Meersalz und Pfeffer. Hauchfein geschnitten bieten sie den Anblick erstarrter Blütenblätter. Im Mund verwandeln sie sich schnell in einen würzigen Brei, der zunächst eine volle Stärke-Süße äußert, bevor Pfeffer und Salz die Oberhand gewinnen.

Unangefochten landeten schließlich die crunchigen Flakes von „Lay’s“ – benannt nach dem Erfinder der ersten Kartoffelschälmaschine – auf der Pole Position. Die Chips aus den Galeries Lafayette besitzen ein geradezu ideales Salz-Öl-Verhältnis. Das erst erlaubt, dass eine deutliche Kartoffel-Note überhaupt zum Tragen kommt. Man merkt einfach, dass der Hersteller viel Erfahrung besitzt, um auf Konservierungsmittel und Farbstoffe verzichten zu können.

Bei den Paprika-Chips schlüpft naturgemäß das Schotenpulver in die Rolle des Farbgebers. Dennoch mögen Aldis „Fenrich Chips mit Paprikageschmack “ auf Käse-, Tomaten-, Süßmolke- und Zwiebelpulver nicht verzichten – durchaus mit zweifelhaftem Erfolg. Die orange eingefärbten „Crusti Croc ohne Glutamat“ des Konkurrenten Lidl schlugen sich besser, weil das Paprika sich gut mit dem allerdings zu schweren Träger verbindet anstatt nur obenauf gepustet zu sein. Letzteres ist bei den harten, ein wenig oxidiert wirkenden Chips von „Trüller“ der Fall, die obendrein durch Knoblauchextrakt auf Abwege gebracht werden. Süß, sahnig und sauer schmeckten „Clarky’s Chips Paprika“ von Netto.

Nicht nur wegen ihrer Styropor-Konsistenz haben sie nicht viel mit dem Thema zu tun – ein Umstand, den sie mit „Deluxe Red Sweet Paprika“ teilen. Lidls Premium-Linie entspricht dem feurigen Aussehen mit vernehmlichem Brühwürfel-Aroma. Der Küchenchef des Palace fühlte sich bei den überall die Regale dominierenden „Chio Chips“ an den englischen Hefeextrakt Marmite sowie Röstzwiebeln aus Dänemark erinnert, während „Funny Frisch ungarisch“ direkt aus der Räucherkate zu stammen schienen. Als unangenehm süß, beinahe bitter stuften die Tester „Kettle Red Paprika Traditionally Hand Cooked“ aus der Galeria Kaufhof ein. Dass die harten Scheibchen sich im Mund nur zögerlich auflösen, war ein weiterer Malus des Manufakturprodukts.

Gewissermaßen mit Bauchschmerzen, die bei einem solchen Nahrungsmittel ohnehin beinahe unausweichlich sind, vergab die Jury eine Bronzemedaille. Sie fiel an die Bahlsen-Marke „Lorenz Crunchips“ wegen runder Würze und brüchiger Textur. Mit deutlichem Abstand zum Verfolger errangen Edekas Chips „Gut & Günstig“ Silber. Dieser sehr knusprige, leicht zwiebelsüßliche Kartoffel-Mulch steigt ohne künstliche Aromahilfen aus dem Fettbad und entwickelt sich während des Verzehrs in Richtung Barbecue. Sozusagen Berliner Weltmeister wurde „Lorenz Naturals Reine Paprika“. Hier ergänzten sich ein röstiger Kartoffelgeschmack mit echtem Rosenpaprika, dem eine wohl austarierte Salzzugabe Kontur verlieh.

Interessant auch die Darreichungsform. 110 Gramm kommen in die Tüte – für jeden Fußballer also zehn Gramm. Auswechselspieler kriegen nichts. Das ist am Kap natürlich anders. Denn dort kommt es auf sie an.

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