Zeitung Heute : Bei Rosie drückt kein Schuh

Auf der Schuhsuche laufen Frauen mit kleinen Füßen oft ins Leere – bis sie „La Petite“ finden

Rosie ist eine echte Autorität in Sachen Schuhe. „Ich fühle sofort, wenn jemandem ein Schuh nicht passt.“ Sie drückt nicht an den Zehen herum, sie hört einfach genau hin – auf das Geräusch, das entsteht, wenn der Fuß in den Schuh hineingleitet und die Luft entweicht. Wenn Kunden dieses Fühlen zum ersten Mal erleben, halten sie Rosie oft für eine Art Zauberin. Aber natürlich hat es vor allem damit zu tun, dass die gebürtige Israelin seit mehr als dreißig Jahren Menschen dabei zuschaut, wie sie Schuhe anprobieren.

Mit Schuhen beschäftigt sich Rosie schon seit ihrer Teenagerzeit. „Irgendwann war ich es einfach leid, Kinderschuhe zu tragen.“ Rosie hat kleine Füße, gerade mal Größe 33. Sie wollte keine roten Lackschuhe mehr, keine Riemchen, sie wollte richtige Frauenschuhe. Also passte sie auf Kinder auf. Vier Stunden Babysitten reichten für ein paar Schuhe. Bei einem Schuster, damals lebte sie noch in Israel, bestellte sie Schuhe nach ihren Vorstellungen. Und als sie Anfang der 70er Jahre nach Berlin kam – der Liebe wegen – dachte sie: „Wenn ich das Problem habe, müssen es auch andere haben.“ Und eröffnete an der Sybelstraße in Charlottenburg, direkt an der Wilmersdorfer Straße das Geschäft „La Petite“. Ein Titel, der ihr sofort eine besondere Kundschaft bescherte. „Liliputaner, Kleinwüchsige kamen in Scharen in meinen Laden, schließlich gab es so etwas vorher nicht in Berlin.“

Rosie ist ein Künstlername und eigentlich dürfen nur sehr gute Kunden sie so nennen. Ihr richtiger Name ist Shlomit Johannsen. Aber weil sie mit Mädchennamen Rosenbaum heißt, wurde sie schon sehr früh nur „Rosie“ genannt. Wenn jemand schon viele Schuhe gekauft hat, also eine echte Stammkundin ist, dann trauen sie sich zu fragen, ob sie die Ladenbesitzerin Rosie nennen dürfen. Immerhin hat diese ein dickes Buch mit Wünschen und Bestellungen und wenn eine neue Lieferung kommt, muss immer zuerst die Liste abtelefoniert werden. Aber nicht bevor die neuen Modelle Rosies harte Qualitätsprüfung überstanden haben.

Auf den ersten Blick scheint mit dem glattledernen schwarzen Pumps mit Plateausohle und fast zehn Zentimeter hohem Absatz alles in Ordnung zu sein. Er steht auf Rosies Schreibtisch wie ein kleines Kunstwerk, erst gerade hat sie ihn ausgepackt. Aber der Absatz ist ein klein wenig schief. Darüber kann sich Rosie so richtig aufregen. Dann schickt sie den Schuh ohne zu Fackeln zum Hersteller zurück. Mit dem Auftrag, gefälligst Modelle mit perfekt geradem Absatz zu liefern.

Zu vielen Produzenten hat sie ein inniges Verhältnis. Die erfüllen Rosie schon mal ein paar Extrawünsche und machen aus einem Halbschuh einen Stiefel, weil Rosie sich sicher ist, dass ihre Kunden den brauchen. Die meisten ihrer Hersteller produzieren in Italien: „Da kommen einfach die besten Schuhe her“, sagt sie.

Oft sind es ja die schönsten Geschäftsideen, die aus einem eigenen Bedürfnis nach Besserung entstehen. Deshalb ist Rosie wohl auch schon seit 36 Jahren in ihrem Laden. Inzwischen ist das Lager doppelt so groß wie der kleine Laden, hier riecht es intensiv nach Leder. Bis unter die Decke stapeln sich die Schuhkartons, je Modell bis zu 44mal – denn Rosie hat inzwischen nicht mehr nur kleine sondern auch große Größen und alle dazwischen.

Die normalen Größen sind in den letzten Jahren viel wichtiger geworden. Weil Rosie an ihre Zielgruppe, Frauen um die vierzig, denkt. „Ich bin konservativ, ich mag klassische Schuhe: flache Mokassins, Pumps, Schnürschuhe zur Hose.“ Ausgefallen ist bei Rosie schon ein Ballerinaschuh in einem schwarz-weißen Zebramuster mit einer roten Schnalle. Aber die Fachfrau weiß natürlich auch um die aktuelle Trends, die auf den Schuhmessen gezeigt werden.

Ausgerechnet ein Schuhmodell, dem sie als Jugendliche abschwor, verkauft sich im Moment besonders gut: rote Lackschuhe mit Riemchen – allerdings mit Absatz. „Die sieht man jetzt in jedem Modemagazin, dann wollen auch unsere Kunden die haben“, sagt Rosie.

Dass mit dem Service ist für Rosie entscheidend und überlebenswichtig. Sie sieht nicht nur, wer zu welchem Schuh passt und hat vor allem fast jedes Modell von 32 bis 44 und in halben Größen, sie hat auch in ihrem Lager ein kleines Labor eingerichtet: Sie weitet Stiefelschäfte auf fast jede Wadengröße, sie färbt Leder, kann Absätze etwas höher oder niedriger machen. Zwar führt Rosie in ihrem Geschäft ausschließlich Damenschuhe, aber oft verkauft sie Pumps in großen Größen auch an Männer. „Die kommen in den Laden und sagen, sie suchen etwas für ihre Frau. Wenn sie dann allein mit uns sind, offenbaren sie sich: Die Schuhe sind für mich." Rosie freut sich, dass sie für jeden den passenden Schuh hat, und wenn sie für Männerfüße den richtigen High Heels hat - umso besser.

Anfang Mai feiert sie den 36. Jahrestag von „Rosie“. Dann stellt die Schuhverkäuferin ihre gesammelten Werke aus. Über die Jahre hat sie ein richtiges Archiv angelegt – manchmal kommt eine Kundin mit einem besonderen, alten Modell und tauscht es gegen ein neues Paar ein.

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