• Bei Sturz ruft das Handy den Krankenwagen Das Mobiltelefon soll mit Gesten oder bestimmten Umweltveränderungen gesteuert werden

Zeitung Heute : Bei Sturz ruft das Handy den Krankenwagen Das Mobiltelefon soll mit Gesten oder bestimmten Umweltveränderungen gesteuert werden

Daniel Kastner
Luftnummer. Das Handy der Zukunft soll auch Buchstaben und Zahlen erkennen, die der Nutzer in die Luft schreibt. Tasten wären damit überflüssig. Foto: TUB/Ketabdar
Luftnummer. Das Handy der Zukunft soll auch Buchstaben und Zahlen erkennen, die der Nutzer in die Luft schreibt. Tasten wären...

„Error“, sagt das Smartphone. Hamed Ketabdar hat einen Finger auf das Display gelegt, die andere Hand wedelt mit einem winzigen Magnetstift. „Ich versuche, in der Luft zu unterschreiben“, sagt er. Idealerweise soll das Telefon die Bewegung lesen, also erkennen und dann seine Tastensperre aufheben. Ganz so weit ist es noch nicht, doch Ketabdars Forschungen im Quality and Usability Lab der Telekom und der TU Berlin gehen genau in diese Richtung: In vielleicht fünf Jahren sollen Handys auf alle möglichen Situationen und Reize reagieren, ohne dass man dazu jedes Mal Tasten drücken muss. Denn diese traditionelle Art der Interaktion gehört zunehmend der Vergangenheit an.

Das Quality and Usability Lab befasst sich mit den Anforderungen der Nutzer, der Gebrauchstauglichkeit der Geräte und nicht zuletzt mit dem Spaß bei der Benutzung künftiger Mobiltelefone. Die Handys der Zukunft werden schrumpfen. Je mehr man sie zum Beispiel durch einfache Gesten bedient, desto kleiner kann man sie machen – so groß wie eine Armbanduhr. „Das Gerät wird kleiner, aber Sie können seine gesamte Umgebung zur Interaktion nutzen, sagt Ketabdar, der vor 29 Jahren im Iran geboren wurde und in Lausanne an der Ecole Polytechnique Fédérale promovierte.

Den Magneten könnte man auch als Ring am Finger tragen. Praktisch: Magnetische Kräfte wirken auch durch Hosentaschen hindurch - man müsste das Gerät gar nicht auspacken, wenn man zum Beispiel jemanden anrufen will, sondern könnte Nummer oder Namen einfach in die Luft schreiben.

Für manche Anwendungen, an denen Hamed Ketabdar und sein Team arbeiten, muss der Handybesitzer noch nicht einmal aktiv Signale geben. Dank integrierter Mikrofone, Licht- und Bewegungssensoren reagieren sie selbstständig auf veränderte Umweltreize, auf Erschütterungen, Lärm oder Dunkelheit. „Multimodale Interaktion“ heißt das.

Das beginnt vergleichsweise simpel bei Anwendungen, mit deren Hilfe das Handy automatisch seine eigene Lautstärke an den Umgebungsgeräuschen ausrichtet: laut auf der Straßenkreuzung, leise auf dem Feldweg. Andere Anwendungen sollen schnelle oder langsame Songtitel danach aussuchen, ob der Nutzer sich gerade rasch bewegt oder ruht; sie sollen die Bildschirmanzeige vergrößern, wenn man sich beim Lesen bewegt, oder automatisch offline gehen, solange der Nutzer in einem Flugzeug sitzt.

Kniffliger sind da schon Handys, die sich selbst unbrauchbar machen, wenn sie gestohlen werden. Das soll so funktionieren: Das Telefon merkt, in wessen Hosentasche es gerade liegt. Wenn es nicht die seines Besitzers ist, sperrt es alle Anwendungen. „Jeder Mensch läuft anders. Das ist ein biometrisches Merkmal“, sagt Ketabdar. Und zwar unabhängig davon, ob jemand schlendert oder rennt, Stöckelschuhe trägt oder barfuß läuft. Bisher hat er ein solches Bewegungsprofil nur bei einer kleinen Gruppe von etwa 15 Studierenden erstellt, doch er ist sicher, dass das auch in viel größerem Maßstab klappt.

Ähnlich könnten Handys reagieren, wenn man sie verliert. „Das Telefon verzeichnet eine starke Erschütterung, sobald es zum Beispiel aus der Hosentasche fällt – und danach überhaupt keine Bewegung mehr“, beschreibt er das Szenario.

Auch alte, kranke oder gebrechliche Menschen könnten von der Technologie profitieren: „Wir könnten das gesamte Leben eines Telefonnutzers mitschneiden, solange er das Handy dabei hat.“ Stürzt jemand und bleibt danach regungslos liegen, kann das Gerät einen Krankenwagen anfordern und die eigene Position gleich mit durchgeben. Einen Fehlalarm glaubt Ketabdar größtenteils ausschließen zu können. Die Bewegungsabfolge, die zum Alarm führt, soll streng eingegrenzt werden: schnelle Bewegung – Erschütterung – längere Regungslosigkeit. Und: „Es gibt einen messbaren Unterschied, ob jemand ein Buch liest oder bewusstlos ist.“

Schließlich könnten solche Bewegungsprofile auch für Ärzte interessant sein, die mit einem Blick wüssten, wie fit ihre Patienten sind. Diät- oder Sport-Anwendungen könnten den Kalorienverbrauch berechnen – das Handy als Fitnesstrainer sozusagen. Daniel Kastner

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