Zeitung Heute : Bei Tante Emma einkaufen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Nun haben wir endlich einen Winter, der seinen Namen verdient, da halten ihn viele gleich für eine Katastrophe. Du liebe Güte, früher war so ein Winter normal, man ist nur nicht mehr daran gewöhnt. Erst machte vor ein paar Wochen die S-Bahn schlapp, weil es mal ordentlich schneite, dann das Auto, weil irgendein empfindliches Teilchen den strengen Frost nicht aushielt. Die Technik war früher auch robuster. Und wie deckt unsereiner seinen täglichen Bedarf?

Die Rentnerin hat draußen in ihrer grünen Idylle schon immer gesagt, der Himmel möge uns die kleinen Läden erhalten. Es werden ja ständig weniger, obwohl die Wirtschaftsfachleute, die Politiker und die Kundschaft beteuern, wie lieb und teuer ihnen der Einzelhandel sei. Doch selbst der nicht ganz so große Supermarkt und die Bankfiliale am S-Bahnhof Nikolassee haben längst zugemacht.

Zum Glück haben wir eine Art Wiedergeburt des Tante-Emma-Ladens erlebt. Eine tüchtige Neuberlinerin mit polnischem Akzent hat vor ein paar Monaten die Marktnische entdeckt. Verblüffend preiswerte Lebensmittel gibt es dort zu kaufen, zum großen Teil polnische Erzeugnisse. Sogar das Brot wird gleich hinter der Oder gebacken und frisch geliefert. Hausgemachte Piroggen bietet die Frau auch noch an. Sie rackert sich ab und strahlt dabei. „Wenn es so bleibt, bin ich froh“, sagt sie. Jetzt, da öfter Autos streiken, floriert das Geschäft besonders.

Die Buchhändlerin in ihrem winzigen Laden nebenan, bei der man prima beraten wird, ist seit vielen Jahren nicht wegzudenken. Auch nicht der Obsthändler im Bahnhofsgebäude. Er stammt aus dem Libanon, ist stolz auf den deutschen Pass und charmiert mit der Kundschaft, dass es ein Spaß ist. Und dann haben wir noch unseren Urberliner mit dem trockenen Witz, bei dem mehr als das Nötigste zu haben ist, was man für Haus und Garten so braucht. Sie alle haben zu kämpfen in ihren Nischen, ihre Werbung ist Liebenswürdigkeit. Wirklich, die Rentnerin fragt sich, wieso es die Leute immer gleich zu Großmärkten zieht.

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