Zeitung Heute : „Bei uns beginnt das Schuljahr mit Testbögen“

Der Tagesspiegel

Monsieur Thélot, in Deutschland hat die Pisa-Studie viel Wirbel verursacht. Wie haben die Franzosen reagiert?

In Frankreich gab es keine große Aufregung.

Weil die Ergebnisse der französischen Schüler besser waren? Sie liegen knapp oberhalb des OECD-Durchschnitts, während die Deutschen sich im unteren Drittel bewegen.

Das mag ein Grund sein. Wichtig ist aber auch: Die Franzosen sind seit ungefähr 15 Jahren daran gewöhnt, dass die Leistungen der Schüler evaluiert werden. Zum Beispiel verschicken wir zu Beginn jedes Schuljahres Evaluationsbögen an alle Pädagogen, mit denen die Schwächen und Stärken der Schüler im Alter von acht, elf und fünfzehn Jahren ermittelt werden. Das verändert den Blick und schärft die Beobachtung der Lehrer: Sie erkennen, wo die Schwachpunkte liegen, und können ihren Unterricht darauf abstellen.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie waren also für Sie keine Überraschung?

Nein. Wir wussten schon vorher, dass die französischen Schüler in Mathematik gut sind, in Naturwissenschaft eher schlecht. Der Schwerpunkt der Pisa-Studie liegt ja auf der Überprüfung der Lese- und Problemlösungskompetenz; da hat sich gezeigt: Französische Schüler sind gut darin, den Informationsgehalt eines Textes zu erfassen und ihn zusammenzufassen - also schulische Aufgaben im engeren Sinne zu lösen. Sie tun sich aber schwer damit, ihre eigene Meinung dazu schriftlich zu äußern. Vielleicht deutet das darauf hin, dass wir den Schwerpunkt in den letzten Jahren zu stark auf den mündlichen Ausdruck gelegt haben. Vielleicht hatten die Schüler aber auch einfach Angst, eine ,falsche’ Meinung zu äußern - in den französischen Schulen wird nach wie vor zu viel Wert darauf gelegt, keine Fehler zu machen.

Es ist ja schön, das alles zu wissen. Aber ändert sich durch Evaluation etwas?

Evaluation hat nur dann Sinn, wenn erstens die Materialien sehr gut gemacht sind, in Zusammenarbeit mit Lehrern und Professoren. Zweitens muss man allen Beteiligten geduldig den Sinn und Zweck von Evaluation deutlich machen - auch bei uns gab es anfangs Widerstände dagegen. Und natürlich müssen aus den Ergebnissen auch Konsequenzen gezogen werden. Der Staat muss sich fragen: Wollen wir, dass unser Bildungssystem, wie in Deutschland, sehr große Unterschiede zwischen guten und schlechten Schülern produziert und dass der Erfolg in der Schule stark von der sozialen Herkunft abhängt - oder wollen wir die Unterschiede geringer halten, wie in Frankreich? Wollen wir, dass die zweite Generation der Immigranten sich über Kindergarten und Schule rasch sprachlich integriert - wie es in Frankreich der Fall ist - oder nicht, wie in Deutschland? Das sind politische Entscheidungen, die man treffen und nach denen man handeln muss.

In Frankreich sind solche Entscheidungen leichter zu treffen, weil das Bildungssystem zentralisiert ist.

Ja, und ich persönlich halte es auch für gut, wenn das Bildungssystem in einem nationalen Rahmen organisiert ist - gerade wenn es darum geht, Chancengleichheit zu sichern. Wir haben nationale Prüfungen und nationale Evaluationsprogramme. Deutschland sollte sich vielleicht auch überlegen, ob das sinnvoll sein könnte.

Kann Deutschland noch in anderen Punkten von Frankreich lernen?

Ich will hier keine Lektionen erteilen, nur die Unterschiede nennen: Wir haben Ganztagsschulen, alle Schüler besuchen nach der Grundschule bis zum Alter von 15, 16 Jahren das Collège unique, danach gehen 90 Prozent aufs Lycée, das zwei Drittel mit einem Abschluss verlassen. Hinzu kommt, dass wir 90 Prozent der Kinder mit drei Jahren einschulen -

Einschulen? Sie meinen, die Kinder kommen in den Kindergarten ...

Ja, aber wir nennen das Vorschule, école préélémentaire oder école maternelle.

Zeigt schon diese Wortwahl, dass die Franzosen eine andere Einstellung zur Schule haben?

Für uns ist Schule seit der Französischen Revolution der Schmelztiegel, die aus jungen Menschen Staatsbürger macht - ursprünglich gegen die Monarchie, gegen die Religion. Vielleicht gibt es in Frankreich auch traditionell eine größere Wertschätzung von literarischer Bildung. Aber wie dem auch sei: Alle europäischen Länder müssen sich überlegen, wie sie das schulische Versagen bekämpfen. In Frankreich scheitern heute zwar weniger Schüler als vor dreißig Jahren - es sind zehn bis fünfzehn Prozent - aber das ist heute schlimmer als früher. Früher konnte man sich auch ohne Schulabschluss in die Gesellschaft integrieren. Heute ist das kaum mehr möglich.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

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