Zeitung Heute : „Bei uns gibt es keine unguten Gefühle“

David Rubenstein, der Gründer der Carlyle Group, zum Investitionsklima in Deutschland und zur Heuschreckendebatte

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Herr Rubenstein, wie sehen sie als ausländischer Investor das Investitionsklima in Deutschland?

Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat allein daher schon eine Reihe von attraktiven Unternehmen, die für uns interessant sind. Außerdem wandelt sich die deutsche Wirtschaft gerade. Konzerne trennen sich von kleineren Tochtergesellschaften, viele Mittelstandsfirmen stehen zum Verkauf.

Aber es gab doch auch massive Kritik von deutschen Politikern an Private-Equity-Firmen (private Beteiligungsgesellschaften) wie Carlyle?

Es hat in bestimmten Zirkeln Kritik an unserer Branche gegeben. Aber die meisten Leute werden nach einer gründlichen Analyse zustimmen, dass Buyouts (private Übernahmen) die Wirtschaft verjüngen und die Firmen mit neuer Energie versorgen.

Gibt es dafür Beispiele?

Schauen sie sich an, was in den USA in den vergangenen zehn bis 15 Jahren geschehen ist. Die US-Wirtschaft ist auch deshalb so dynamisch gewachsen, weil Private-Equity-Firmen Unternehmergeist und neue Erfolgsanreize in die Geschäftswelt eingebracht haben.

Hat der politische Protest in Deutschland bei ihnen Spuren hinterlassen?

Bei uns gibt es keine unguten Gefühle. Die meisten Leute haben eingesehen, dass man dieses Thema ohne Emotionen betrachten muss. Und dann wird man feststellen, dass Buyouts geholfen haben, deutsche Firmen auf der globalen Ebene wettbewerbsfähiger zu machen.

Wie wichtig sind die bevorstehenden Bundestagswahlen für ihre künftigen Investitionsentscheidungen?

Wir Unternehmer möchten natürlich gern mehr Wachstum ohne Inflation sehen. Und in Deutschland zieht das Wachstum erst langsam an. Die Dinge, die notwenig sind, um die deutsche Wirtschaft noch weiter voranzubringen, werden wahrscheinlich geschehen, unabhängig davon, wer die Wahlen gewinnt.

Sie werden also weiter in Deutschland investieren?

Private Unternehmensaufkäufe sind in Ländern mit großer Wirtschaftkraft meist erfolgreich. Wenn dann noch gute Arbeiter und Manager sowie solide Finanzinstitute dazu kommen, sind die Bedingungen vielversprechend. Deutschland erfüllt alle diese Bedingungen und wird daher ein sehr attraktiver Investitionsplatz bleiben.

Es gibt aber auch Probleme in Deutschland. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten mit ihrem Engagement beim Autozulieferer Edscha. Kritiker sagen, sie hätten das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten gestürzt.

Ich glaube nicht, dass das richtig oder fair ist. Tatsächlich investieren wir schon seit mehr als 18 Jahren in Indust-riefirmen, darunter viele Autozulieferbetriebe. Wir kennen also die Branche ziemlich gut. Die Autoindustrie hat weltweit einige schwierige Jahre hinter sich. Edscha ist dafür ein Beispiel. Nichts ist jedoch alarmierend für uns.

Ist es richtig, dass sie sich von Edscha trennen wollen?

Nein, wir wollen nicht raus aus dem Unternehmen. Es ist immer unser Ziel, das Unternehmen stärker zu machen, es besser zu hinterlassen. Wir sind bei Edscha noch nicht fertig mit unserer Arbeit.

Wie lange halten sie im Durchschnitt die Unternehmen?

Unternehmenskäufe dieser Art halten wir normalerweise zwischen vier und sechs Jahren.

Private Beteiligungsfirmen setzen riesige Investmentfonds auf. Was bedeutet das für ihre Rendite und für die Preise der Unternehmen, die von der Branche umworben werden?

Es gibt tatsächlich eine Zahl größerer Fonds in der letzten Zeit. Die Branche hat eine gute Bilanz, selbst unter schwierigen Bedingungen gute Renditen für die Investoren zu erwirtschaften. Es ist aber auch klar, dass die großen Summen, die jetzt im Spiel sind, es schwerer machen, attraktive Ergebnisse zu erzielen.

Was heißt attraktiv? Sie hatten bislang eine durchschnittliche Rendite von 34 Prozent.

Ich glaube, dass die Anleger zufrieden sind, wenn sie Brutto-Renditen in der Mitte der 20-Prozent-Spanne erhalten. Wenn wir das erreichen können, wären auch wir sehr zufrieden mit unserer Leis-tung. Alles, was darüber hinaus geht, ist außergewöhnlich. Solange die Spitzenrenditen an den öffentlichen Finanzmärkten im hohen einstelligen Bereich liegen, sehen wir mit über 20 Prozent sehr gut aus. Wir müssen einen Vorsprung gegen über dem Aktienmarkt haben und dieser Vorsprung sollte vermutlich rund 10 Prozentpunkte betragen.

Was bedeutet die Geldschwemme für ihre Investments? Machen Sie jetzt größere und riskantere Übernahmen?

Historisch gesehen ist es rich-tig, dass mit der Größe der Transaktion auch das Risiko steigt. Aber Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass die großen Investments bessere Renditen abgeworfen haben als die kleineren. Der Grund dafür ist, dass die Beteiligungsgesellschaften bei diesen enormen Summen mit großer Disziplin sicherstellen, dass die Bücher richtig geprüft werden und das Investment genau kontrolliert wird. Außerdem sind die Finanzierungsbedingungen für große Geschäfte besser und man kann für große Aufkäufe bessere Manager gewinnen. Es ist also nicht richtig, dass mit der Größe auch das Risiko steigt. Oft ist es genau umgekehrt.

Ein weiterer Trend in ihrer Branche sind so genannte „Club Deals“. Gesellschaften tun sich zusammen, um Unternehmen aufzu-kaufen. Vermindert das nicht die Risikostreuung von Investoren, die ihr Geld in mehreren Fonds angelegt haben?

Wenn ein Anleger zum Beispiel beim Aufkauf des Softwareanbieters SunGard dabei war, wo es fünf oder mehr Gesellschaften gab, dann hat er vermutlich mehr Geld auf ein Investment konzentriert, als er es eigentlich wollte. Das ist ein potenzielles Problem.

Wie reagieren die Investoren darauf?

Bislang haben sich die Anleger nicht beschwert oder ein „opt-out“ aus einem bestimmten Investment verlangt. Das könnte sich dann ändern, wenn einige große Transaktionen schlechte Renditen abwerfen. Aber das war bisher kaum der Fall.

Auch Hedge Funds drängen verstärkt in das Private-Equity-Geschäft. Ist der Trend mehr eine Bedrohung oder eine neue Strategie für sie?

Hedge Funds drängen deshalb in das Buyout-Geschäft, weil sie nach weiteren Anlagemöglichkeiten für ihr Kapital suchen. Und Buyouts versprechen gute Renditen. Bislang haben sie sich vergleichsweise gut geschlagen, obwohl ihr Anteil noch sehr gering ist. Sicher, das ist eine neue Konkurrenz, aber bislang sehe ich für uns keine wirklichen Probleme.

Wie verändert sich dadurch ihr Geschäft?

Rubenstein: Hedge Funds können Dinge tun, die wir nicht machen können. Zum Beispiel feindliche Übernahmen – etwas, das Buyout-Firmen vermeiden. Außerdem kön-nen sie mit ihren sehr guten Finanzangeboten gute Leute bei uns abwerben. Und schließlich treiben zusätzliche Wettbewerber natürlich die Preise für Firmen in die Höhe.

Hat nicht gerade der Konkurrenzkampf um die besten Köpfe in ihrer Branche zugenommen?

Die Buyout-Branche hat lange von dem Zufluss von Talenten aus Universitäten und anderen Branchen profitiert. Wir sehen jetzt etwas ähnliches bei den Hedge Funds. Sie verfügen über außerordentlich attraktive Kompensationsmöglichkeiten. Wir zahlen zwar auch nicht schlecht, aber Hedge Funds haben da mehr Spielraum. Bislang waren die Abwerbungen jedoch sehr moderat.

Haben Hedge Funds durch ihr besonderes Geschäftsmodell nicht einen Vorsprung ihnen gegenüber?

Ja, wir haben hier Nachteile. Wir können unsere Gewinne normalerweise erst dann kalkulieren, wenn wir ein Unternehmen wieder verkauft haben. Hedge Funds können das auf dem Papier jedes Jahr tun. Wir müssen die Management-Gebühren unserer Kunden in der Rendite zurückzahlen, Hedge Funds tun das in der Regel nicht. Unterm Strich sind Hedge Funds deshalb in der Lage mehr für Firmen oder Talente zu bezahlen.

Wie reagieren sie auf diese Herausforderung?

Wir werden wahrscheinlich unseren eigenen Hedge Fund starten. Außerdem arbeiten wir von Zeit zu Zeit mit Hedge Funds zusammen.

Sehen sie Anzeichen für eine Spekulationsblase auf dem Markt für Beteiligungskapital?

Für jede Blase gilt: Man weiß erst, dass man sich darin befindet, wenn sie platzt. Deshalb kann ich auch heute kaum sagen, ob wir uns in einer Blase befinden. Dennoch glaube ich das nicht. Die Investoren sind sehr diszipliniert und die Kontrollsysteme befinden sich in einem guten Zustand.

Was wären Anzeichen für eine Blase?

Es würde mich nervös machen, wenn Leute für große Transaktionen Preise zahlen, die den Cashflow um mehr als das Zehnfache übertreffen. Aber im Moment werden große Deals mit dem sieben- oder acht-, vielleicht auch dem neunfachen des Cashflow bezahlt. Das ist noch nicht besonders gefährlich.

Haben sie nach der Regulierungswelle in den USA ein stärkeres Interesse von Unternehmen für private Buyouts gespürt?

Ja. Historisch war es so, dass Firmen ihren Erfolg daran gemessen haben, ob sie den Sprung an die Börse schaffen. Heute messen viele Chefs börsennotierter Unternehmen ihren Erfolg daran, ob sie zu einem Privatunternehmen werden können. Der Grund: die öffentliche Kontrolle börsennotierter Unternehmen ist sehr frustrierend geworden.

Was erwarten sie für ihre Branche in den nächsten drei bis fünf Jahren nach den außerordentlich guten letzten drei Jahren?

Ich sehe keinen Grund, warum es der Branche nicht weiterhin gut gehen sollte. Es gibt zwar mehr Wettbewerb, aber die großen Firmen haben bewiesen, dass sie selbst unter erschwerten Bedingungen sehr gute Rendite erwirtschaften können. Wenn allerdings das Wachstum in den USA und Europa zurückgeht, werden auch wir das spüren. Auf der anderen Seite gibt es gerade in Abschwungphasen neue Chancen für private Buyouts.

Wie sehen sie Indien und China aus Sicht der Private-Equity-Branche?

Wir haben vermutlich mehr Leute in Indien und China als alle unsere Konkurrenten. Wir sind sehr optimistisch, auch wenn es bislang keine wirklichen Buyouts gegeben hat und die weitere Entwicklung dieser Länder nur schwer vorherzusehen ist. Dennoch: Wenn man sich das Wachstum, die Größe der Bevölkerung und den Wandel vor Ort anschaut, weiß man, dass dies sehr interessante Investitionsstandorte sind.

Was sind die Probleme in diesen Ländern?

Die Zahl guter Manager ist geringer als zum Beispiel in den USA. Die Rechnungslegung unterscheidet sich stark von der des Westens. Man muss also sehr vorsichtig vorgehen, wenn man etwas kauft. Die Regulierung ist in China viel komplizierter. Außerdem sind die Banken es dort nicht gewohnt, Buyout-Firmen für ihre Geschäfte Kredite zu geben – so wie das in den USA oder Europa üblich ist.

Private Beteiligungsgesellschaften in den USA scheinen sich in letzter Zeit mehr für High-Tech-Unternehmen zu interessieren. Warum?

Technologieunternehmen galten lange Zeit nicht als attraktiv, weil sie zu stark von ihrer Technologie abhingen und der Cashflow nicht sehr vorhersehbar war. Die jüngsten Buyouts im Technologiesektor waren jedoch sehr erfolgreich, so dass das Interesse gewachsen ist.

Wie sieht die Nachfolgeregelung bei Carlyle aus?

Die Gründer sind heute etwa 56. Wir können das also nicht ewig weiter machen. Wir haben deshalb ein Management-Komitee gegründet, dass sich aktiv darum bemüht, junge Talente nach oben zu bringen. Viele großen Private-Equity-Firmen gehen übrigens gerade durch diese Phase und werden letztendlich Veränderungen im Management vornehmen. Wir sind da keine Ausnahme.

Das Gespräch führte Torsten Riecke, Handelsblatt.

David M. Rubenstein ist Mitbegründer und Managing Director von The Carlyle Group in Washington D.C., einer privaten Investorengruppe.

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