Zeitung Heute : Bei wohliger Wärme entspannen Körper und Geist

Wo man Stress und Alltag leicht vergisst: Deutschlands größte türkische Dampfsauna findet man in einer Schöneberger Fabriketage

Harald Olkus

Sobald man durch die Stahltür im zweiten Stock des Gewerbehofs in der Bülowstraße getreten ist, befindet man sich an einem Ort der Ruhe und Entspannung: Sitzecken mit Brokatkissen in Rot, Blau und Gold, halbtransparente Schleier schwingen leicht im Raum, es duftet nach Zitronenöl, dezente orientalische Musik erklingt. Seit 1999 führt Yasemin Bayraktar hier das Sultan Hamam, mit über 1000 Quadratmetern das größte orientalische Dampfbad in Deutschland.

Ein Ort, an dem Körper und Seele gereinigt werden, wo Besucher Ruhe und wohlige „Wärme“ oder „Geborgenheit“ – wie Hamam übersetzt heißt – finden können. Die Prozedur ist die gleiche wie in jedem Hamam in der arabischen Welt: Nach einer kurzen Einweisung in das Waschritual wird man mit einem Baumwolltuch, einer türkischen Naturseife und einer Messingschale ausgestattet.

Dann geht es in verschieden heiße Dampf-, Entspannungs- und Seifenbäder: In jedem Raum stehen Becken mit heißem Wasser, das man sich mit den Schalen immer wieder über Arme, Beine, Brust und Rücken gießt. „Das macht die Haut weich und öffnet die Poren“, erklärt Yasemin Bayraktar. Dabei liegt man auf von unten beheizten, türkischen Marmorpodesten. Wenn der Körper aufgewärmt und der Geist entspannt ist, kommt das wichtigste: die Massage. Dazu begibt man sich in die Obhut eines Bademeisters oder einer Badefrau und wird mit einem speziellen Massage-Handschuh aus Rohseide, Ziegen- oder Rosshaar abgerubbelt, bis sich die Poren öffnen und überschüssige Hautreste lösen. Dann wird der Körper mit einem Wolltuch von Hals bis Fuß eingeseift und mit eiskaltem Wasser abgespült: Der Kopf wird frisch und klar, die Haut wird weich und samtig.

Doch damit muss es noch nicht genug sein: das Sultan Hamam hat noch weitere Angebote, wie Ganzkörper-Peeling oder Gesichts-Kosmetik im Programm. Zu guter Letzt kann man sich in den verschiedenen Ruheräumen entspannen, bei Gesprächen und einem türkischen Tee.

Vorwiegend Frauen nutzen das orientalische Wellness-Angebot in der Bülowstraße. „Männer haben wohl doch eher Hemmungen“, sagt die Inhaberin. Schließlich war es ein wichtiger Teil ihrer Geschäftsidee gewesen, eine türkische Dampfsauna auch für Männer anzubieten. Für Frauen gab es bereits das Hamam in der Kreuzberger Schokofabrik. „Und die Männer, die ihre Frauen dort abgeholt hatten, waren immer neidisch, dass es so etwas für sie nicht gab“, erzählt Yasemin Bayraktar von der Zeit als sie dort gearbeitet hatte.

Auch die 300 000 türkisch- und arabisch-stämmigen Berliner waren Teil des Konzepts gewesen, das die Banken auf Anhieb überzeugt hatte. Überdies hatte es eine vergleichbar große, für beide Geschlechter zugängliche Einrichtung bis dahin noch in keiner anderen deutschen Stadt gegeben. Beraten von ihrem Schwager beantragte sie Existenzgründer-Kredite und richtete das Hamam zusammen mit einer Architektin nach ihren Vorstellungen ein. Etwa 1,5 Millionen Mark waren notwendig um die Fabriketage in eine echte türkische Dampfsauna umzubauen.

Doch ihr Konzept wollte nicht auf Anhieb aufgehen. Vor zwei Jahren musste Yasemin Bayraktar ihr Hamam für neun Monate schließen, weil die Dampfsauna an den Männertagen weitgehend leer blieb. „Sie haben vielleicht mehr Hemmungen als Frauen, sich anfassen zu lassen“, mutmaßt die Inhaberin.

Mit einem überarbeiteten Konzept und mehr Frauentagen versuchte sie einen zweiten Anlauf – mit Erfolg. „Ich bin sehr dankbar, dass die Banken und mein Vermieter in dieser Phase an mich und mein Vorhaben glaubten und mich unterstützt haben“, sagt Yasemin Bayraktar. „Das gilt auch für meine Stammkundinnen, die mir nicht nur treu geblieben sind, sondern mich immer wieder angerufen haben, um mir Mut zu machen“, sagt sie und ist stolz darauf, es geschafft zu haben.

In den Wintermonaten besuchen rund 3000 Frauen den Badetempel in der Bülowstraße – zu 98 Prozent Deutsche. Auch die Türkinnen haben offensichtlich Berührungsängste.

„Wichtig ist mir die häusliche Atmosphäre im Hamam“, sagt sie. Der freundliche Umgang und eine ausführliche Beratung stehen für sie im Mittelpunkt: „Schließlich wagen sich meine Gäste in eine für sie fremde Badekultur.“ Die meisten ihrer Gäste hätten als Touristen oder Geschäftsleute in der Türkei ein Hamam besucht und freuten sich, dass es eine solche Einrichtung auch in Berlin gebe, berichtet die allein erziehende Mutter zweier Söhne.

Auch immer mehr Berlin-Touristen finden sich bei ihr ein, oft aus anderen Teilen Deutschlands. Türkische Dampfsaunen erfreuen sich mittlerweile in der Wellness-Szene immer größerer Beliebtheit. Kaum ein größeres Resort oder Wellness-Hotel, das keine orientalische Dampfsauna-Abteilung aufgebaut hat. „Viele kennen ein kleineres Hamam aus ihrer Stadt und wollen, wenn sie in Berlin sind, auch das Sultan Hamam besuchen“, sagt die Inhaberin. Und seit ein Artikel über das Berliner Hamam in einer japanischen Zeitschrift erschien, kommen zunehmend auch Gäste aus Fernost. Eigentlich kein Wunder, die Japaner haben bekanntlich ebenfalls einen Sinn für ausgedehnte Baderituale.

In den Wintermonaten hat das Hamam in Schöneberg rund 35 Mitarbeiter. „Wir sind ein richtiges Multi-Kulti-Unternehmen“, sagt die Inhaberin: „Hier arbeiten Deutsche, Türken, Kurden, Engländer und eine Marokkanerin eng zusammen.“ Yasemin Bayraktar will nun das Kosmetik- und Wellness-Angebot noch weiter ausbauen. „Ich möchte außerdem versuchen, noch einen Friseur herein zu nehmen“, meint sie. Mit unterschiedlichen Veranstaltungen – arabische Nächte mit Musik, Tanz und Buffet, Geschäftsbesprechungen in angenehmer Atmosphäre und traditionell türkischen Bräuchen, wie das Auflegen von Henna vor Hochzeiten – will sie erreichen, dass sich noch mehr Westeuropäer für die orientalischen Baderituale begeistern.

Und schließlich ist ein Hamam-Besuch nicht auf die Wintermonate begrenzt. „Im Gegenteil“, sagt Yasemin Bayraktar. „Gerade bevor man sich in die Sonne legt, ist ein Ganzkörperpeeling ideal. Man bekommt nicht so leicht einen Sonnenbrand und wird schneller braun.“

Sultan Hamam, Bülowstraße 57 (Schöneberg). Täglich von 12 bis 23 Uhr. Im Internet: www.sultan-hamam.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!