Zeitung Heute : Beichte beim Lieblingsfeind

Ein weites Feld: Warum Günter Grass ausgerechnet bei der „Frankfurter Allgemeinen“ sein Geständnis machte

Jürgen Schreiber

Jeder Agententreff ist leichter zu bewerkstelligen als ein Termin mit Frank Schirrmacher: Zunächst ist man im Café verabredet, ehe der „FAZ“-Herausgeber aus Zeitgründen absagt, nicht ohne im Stil seines Lehrmeisters Marcel Reich-Ranicki anzufügen, „das verstehen Sie doch, mein Lieber“. Dann schrillt nach einigem Hin und Her kurz vor 18 Uhr das Telefon, das Meeting im Berliner „Einstein“ Unter den Linden finde statt. Eile sei geboten.

Tatsächlich, da stürzt er schon herein, das Handy wie einen Sprengsatz in der Faust. Schirrmacher, immer gehetzt, begleitet von wissenden Blicken, die er ignoriert.

Sich in der Stunde seines journalistischen Triumphes rar zu machen, ist das Privileg des derzeit gefragtesten Redakteurs hierzulande. Seit er zusammen mit dem Kollegen Hubert Spiegel dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Interview das Eingeständnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS abrang, wird die „FAZ“ „von China bis Houston“ zitiert. Man könnte vom scoop seines Lebens sprechen, hätte er in seiner Eigenschaft als Bestseller-Autor das überhaupt noch nötig. Die Enthüllung, von ihm ganz thrillergemäß „Das Geständnis“ überschrieben, würde man eher von Hamburger Magazinen erwarten. Dort tobten die Magazin-Chefs, dass es bis Berlin schallte, weil ihre Kulturcracks den Frankfurtern kampflos das weite Feld überlassen hätten. Vorabexemplare der Grass-Erinnerung „Beim Häuten der Zwiebel“ kursierten bei 350 Journalisten. Indes wusste Literaturkritiker Schirrmacher aus eigener Praxis, die Kollegen würden den Stoff üblicherweise erst „fünf Tage vor Ablauf der Sperrfrist“ am 1. September durchnehmen.

Er war schon Mitte Juli mit seinem Partner zu Grass nach Behlendorf (Schleswig-Holstein) gedüst. Denn kaum dass ihn sein Redakteur Spiegel mit der Frage, „wussten Sie eigentlich, dass Grass in der SS war?“ elektrisiert hatte, begann, was der Blattmacher kokett eine „kleine, dramatische Aktion“ nennt. „Gespannt wie eine Armbrust“ sei er zu Grass gefahren. Sie brachten dem 79-Jährigen eine Flasche Schnaps mit, Grappa, um genau zu sein. Keine schlechte Idee, man kennt die Vorlieben des Hausherrn. Er kam ihnen aus der Töpferwerkstatt entgegen, trug eine Schürze. Jeder kann sich ausmalen, dass die Kostümierung des Alten die Situation sofort entspannte. Denn ansonsten sind die Beziehungen zwischen ihm und „FAZ“ ausgesprochen giftig, wenn man nicht gleich von einem wechselseitigen Komplex sprechen will.

Insbesondere Schirrmacher hatte Grund, dem Treffen mit Bammel entgegenzusehen. Im „Einstein“ verhehlt er bei Cola und schwarzem Kaffee sein mulmiges Gefühl nicht. „Doch, ich war nervös.“ Nach seinen Worten waren sie sich zuvor nie begegnet. Aus der Ferne befehdeten sie sich umso heftiger.

(Moment! Das Handy surrt. Da muss er ran und eilt zum Gespräch vor die Türe.)

Zur Verleihung des Nobelpreises wand ihm Schirrmacher anno ’99 einen mit Dornen gewirkten Lorbeerkranz, warf Grass vor, er „zerfiel mit seiner Partei, der SPD …, seine Warnungen und Proteste wurden immer wunderlicher, seine Bücher immer miserabler“. Ferner gab er ihm noch mit, vermutlich habe niemals ein Erwählter ein schlechteres Buch zustande gebracht als Grass mit seiner „Rättin“, was nicht unbedingt nach einer Laudatio klang. Der Preis sei „der demokratische Rentenanspruch für das wieder vereinigte Land“. Grass’ ebenso scharfe Replik nannte das „einfach borniert. Und eine Lüge obendrein. Ich möchte zu Schirrmachers Gunsten annehmen, dass er selbst nicht versteht, was er geschrieben hat.“ Kurz: Die Herren mochten sich nicht leiden, hätten sich in instinktiver Abneigung nicht mal im Dunkeln die Hände gereicht, um das Mindeste über die ungeschriebene Geschichte der „FAZ“ und ihres Lieblingsfeindes zu sagen.

Nun also Waffenstillstand am Behlendorfer Gartentisch. Die Alpha-Männchen fanden zusammen, um gemeinsam Schlagzeilen zu machen. Was soll daran verwerflich sein? Offen bleibt, wer von beiden der gewieftere Publicity-Jäger ist. Und wie das so ist mit Feindbildern, bei der Annäherung hat man sich für gar nicht so aus der Welt befunden.

Bis dahin galt Grass bei Schirrmacher als ein „übrig gebliebener Patriarch“, Vertreter eines „Armchair-Mahner-Warner-uneinverstanden-und-immer-auch- ungehalten-Seins“. Sprach er von „Kultur mit Bart“, wusste jeder, der mit dem Schnauz war gemeint. Grass hingegen witterte in ihm jene Art zeitgeistigen Kulturagenten, vor dem er sein Publikum oft genug warnte. Er reihte ihn unter die Feuilleton-„Yuppies“ ein, keineswegs ein Kompliment. Dass der Unkenrufer in „schi“ (sein Kürzel) einst einen naiven Bewunderer hatte, ist tatsächlich längst verjährt.

1977 war’s, da schlich sich der 18-Jährige in einen Grass-Auftritt bei der Wiesbadener SPD. Der las aus dem „Butt“, Frank drängte ins Festzelt. Sein absolutes Lieblingsbuch ist die für großartig befundene Novelle „Katz und Maus“, es gibt auch wenige, die den Grass-Kosmos genauer kennen als Schirrmacher. 1959 geboren ist er so alt wie die „Blechtrommel“.

Nun zeigt das Foto zum Enthüllungs-Interview den hemdsärmligen Gastgeber mit den in geheimer Mission angereisten Redakteuren. Der Geist des Einverständnisses scheint über ihnen zu schweben. Schirrmacher, der gern mit seiner Eitelkeit kokettiert, nimmt fürs historische Bild die Brille ab und schaut überhaupt konzentriert und investigativ drein. Ein Moment der Ruhe im Schatten der Bäume, möchte man meinen. Doch die Anmutung täuscht.

Einst als „Wunderkind des Feuilletons“ porträtiert, erschrieb sich Schirrmacher Ruhm und Ruf in Auseinandersetzungen mit Säulenheiligen von Ost und West. Christa Wolf und Martin Walser können ein garstig Lied davon singen. Er ist geradezu geeicht auf Auseinandersetzungen mit der Vätergeneration, bewunderte nicht von ungefähr Joschka Fischer, einstens Prototyp des Fighters gegen das Establishment. Zielstrebig arbeitete sich „schi“ auch an hauseigenen Portalfiguren ab, den Altvorderen Joachim Fest und Marcel Reich-Ranicki, sein Vorgänger im Literaturhochamt. Die Frage: „Und wie alt 1945?“ erklärt Schirrmacher zur „wichtigsten“ der Nachkriegsliteratur.

Das bisher luftdicht verschlossene Kapitel von Grass’ SS-Zugehörigkeit war jene Sorte von Info, die bei „schi“ einen Adrenalinstoß auslöst. Ihm war klar, das Geständnis „bedeutet eine Zäsur“, zumal bei einer öffentlichen Person, die sich oft genug als poetisches Gewissen der Nation präsentiert hatte und umflorten Blicks andere der „Geschichtsklitterung“ zieh. Als sei es einzig an ihm, die moralische Schuld der Deutschen abzutragen. Entsprechend groß war das Bangen, ob der Dichter das aus dreißig Seiten Gesprächsprotokoll komprimierte Interview auch autorisieren würde. Zuerst am Gartentisch, anderntags im Lübecker Grass-Haus, umkreiste man wieder und wieder das Thema SS. So penetrant bis Grass grummelte, er verstehe nicht, warum er immer wieder darauf zurückkomme. Schirrmacher wusste, warum.

In einem anderen Sommer des Missvergnügens ,1995 muss es gewesen sein, hatten wir Grass auf der dänischen Insel Møn besucht. Dort urlaubt er jetzt wieder, während hierzulande der Streit um seine Person tobt. „Der Spiegel“ hatte just auf dem Titel den Ex-„FAZ“-Literaturchef Reich- Ranicki gezeigt, der Grass’ Roman „Ein weites Feld“ buchstäblich verriss. Den Namen Ranicki nahm der Autor nicht mehr in den Mund, sprach von „diesem Frankfurter Kritiker“, dem er „Größenwahn“ attestierte. Die mit „Lieber Günter Grass“ eingeleitete Rezension schien dem Autor eine „Trivialvariante“ von Cäsars doppelzüngiger Rede „Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“. Zu unserer Begegnung kam der Künstler in Gummistiefeln und blauer Arbeitshose vom Brombeerpflücken, gefüllte Kanne in der Hand. Mein Gott, Grass war geladen: „Er kann mich nicht mehr verletzen!“, knirschte der Poet in seiner mit Aquarellen überladenden Stube, offenbarte damit nur, wie sehr er einmal mehr von „Reich“ verletzt worden war. In Wahrheit erflehte er sein Lob, wünschte sich sehnlich, in Ranickis Wohnzimmer unter die Hausgötter aufgenommen zu werden. Da hängen Bilder von Goethe, Kleist, Fontane, Brecht, Thomas Mann an der Wand. Nun war es an dem schwer Gekränkten, nach willigen Helfern zu suchen, um Ranicki „den Pfusch in seinem Handwerk nachzuweisen“. Die damalige Situation ähnelt verdächtig der heutigen: Der Rückzug auf Møn bietet Schutz.

Der langjährige „FAZ“-Star Ranicki und er sind sich seit Jahr und Tag in Hassliebe verbunden. Dass sich der Literaturpapst nach Grass’ SS-Offenbarung auffallend zurückhält, ist der Tatsache geschuldet, dass sich die Greise mühsam genug wieder einander angenähert haben. Sie hätten sich in Lübeck versöhnt, erzählt ein Dritter. Intern kritisiere Ranicki, dass sich Grass’ Erinnerungen ziemlich kurz bei der SS aufhalten, ungleich länger bei irgendwelchen Kochtöpfen, wird kolportiert. In der „FAZ“ sei die ursprünglich längere SS-Passage von Grass stark gekürzt worden. Bisher hat man auch nicht das Gefühl, dass er an sich heranlässt, warum die nachgereichte Offenbarung „so eine Welle macht“, wie Schirrmacher das nennt. Oder was soll der verwirrte Gesichtsausdruck des Unverstandenen: Dachte der Dichter, er müsse, blechtrommelnd fürs neue Werk, nur erklären, „Überraschung! In der SS war ich auch“ – und schon geht die Öffentlichkeit zur Tagesordnung über?

1958 hatte er den noch in Warschau lebenden „Reich“ kennengelernt. Ranicki hat den Holocaust überlebt. Seine Eltern wurden von den Nazis zur Vergasung nach Treblinka geschickt. Der aufstrebende Kritiker tauchte bei der Tagung der „Gruppe 47“ in Großholzleute auf. Grass las aus der „Blechtrommel“, erntete Ovationen. Ein großer Moment, das Buch sollte ihm Weltgeltung verschaffen. Heute kann man sagen, das Treffen der Dichter und Denker wäre die erstbeste Gelegenheit gewesen, vom Eintritt eines 17-Jährigen in die SS-Panzerdivision Frundsberg zu erzählen und sich mit dem Namen Günter Grass dazu zu bekennen. Aber er schwieg, wie er immer davon schwieg und plötzlich theatralisch behauptet: „Das musste raus, endlich.“

Die „Blechtrommel“ besprach Ranicki damals auf seine unnachahmliche Weise: „Der Einfall ist nicht übel, leider vermochte Grass nicht viel aus ihm zu machen.“ Trotz dieses Fehlurteils buhlte Grass immer wieder um den „lieben Freund“. Hier umschlichen sich zwei Dünnhäutige, deren Handschrift sich verdächtig gleicht, im Sendungsbewusstsein verwandt: Zwei Sehende, berufen, uns Blinden ihre einzig gültige Weltsicht zu vermitteln.

Nachdem sich MRR gründlich an ihm abgearbeitet hatte, trat Schirrmacher in das schwere Erbe ein. Der kampferprobte Publizist behauptet, „dass man einen Krieg, eine Schlacht durchgestanden haben muss, um ernst genommen zu werden“. Er habe, darin Grass verwandt, „schon für viele Artikel Schläge bekommen“. Gleich ihm suchte er manche auch unerquickliche Scharmützel, verkündete forsch das „Ende des politischen Feuilletons“, hält sich, siehe Grass, glücklicherweise selbst nicht daran.

In der „FAZ“ schrieb sich ferner Franz Josef Görtz reportierend die Finger an Grass wund. Görtz promovierte über die „Pathogenese eines Markenbildes“. Die Marke hieß Grass. Sein Doktorvater Hans Schwerte musste 1995 einräumen, unter Hitler der SS-Hauptsturmführer Hans- Ernst Schneider gewesen zu sein. Jetzt ist Görtz von der Parallelität geplättet, dass sein Protagonist Grass ebenfalls der SS angehört hat. Weil Görtz beim Besuch im Olymp nicht den gewünschten Eindruck hinterließ, versagte der ihm die berühmt- berüchtigten Kutteln. Die köchelt Grass für jene, die er für Ruhmeskünder hält. Für Schirrmacher gab’s jetzt Fisch (womöglich Butt?) in einer Wirtschaft am Ratzeburger See.

Grass hätte wissen müssen, was ihn beim Interview erwartet. Zunächst mochte er beruhigt gewesen sein, es kamen ja keine Messerhelden vom Boulevard, die ihn über den Krieg einvernahmen, sondern Schöngeister von der „FAZ“. Vielleicht glaubte er, die Deutungshoheit über den weißen, braunen Fleck in seiner Vita zu behalten, en passant ins Handlungsgerüst der Biografie eingebaut von einem, der sein Leben für einen Roman hält. Weit gefehlt.

1997 hatte sich „schi“ in einer Tiefenerkundung mit ihm auseinandergesetzt, die, wie man sagen muss, seherisch war. „Das imperative Ich“ stand über der so feinfühligen wie schonungslosen Studie zum 70. Schirrmacher schrieb ihm geradezu prophetisch ins Stammbuch, Grass habe „Vorkehrungen getroffen, sich unkenntlich zu machen“: „Hier sprach ein Erzähler, der mit seinen Figuren gegen die eigene Geschichte paktiert“ hat. Indem er in der „Blechtrommel“ seinen monströsen Oskar kleinwüchsig ließ, hielt er ihn auch kindlich und unschuldig, fand „schi“ und schloss, dass dem schuldbeladenen Land „aus der Kunstfigur des Blechtrommlers Kindheit und Spielzeug“ zuwuchs, „also: strafunmündiges Bewusstsein“. Das Fazit: „Er, der für alle sprach, entzog sich allen.“ Schirrmacher hat dem Dichter angespürt, dass sich hinter dem Gekünstelten Dunkles verbirgt. Jetzt konnte er das Geheimnis freilegen, jetzt stellt sich heraus, Grass’ hoher moralischer Ton bezog seine Kraft aus Verdrängungsenergie. Hier wehrte einer Schuldgefühlen durch Beschuldigungen anderer und verdeckte, was verschattet bleiben sollte.

Schirrmacher sieht in diesem viel diskutierten Artikel den wahren Grund, warum sich Grass 2006 die SS-Beichte von jemandem abnehmen ließ, der ihn aus der Distanz besser erkannt hatte als er sich selber. Ein Glanzstück, „schi“ gilt sonst nicht als der große Menschenkenner. Doch war er es gewesen, der Grass mit dem Satz zitierte, „Jeder von uns hat irgendwann etwas versäumt, das sich nicht nachholen lässt und deshalb Blasen aufwirft …“

Der Feuilletonist hat ein Gespür für Unzulänglichkeitstragödien. Wegen seiner eigenen Bestseller machte schon das Gerücht die Runde, der gemachte Mann sei auf dem Weg zum Altenteiler. Nun meldete sich der Meinungsführer mit der schwerlich zu toppenden Story zurück. Es ist eine wundersame Pointe, kein noch so böser Verriss konnte Grass entzaubern wie er sich nun selbst: Ratz-FAZ.

Frank Schirrmacher linst auf die Uhr. 62 Minuten, handgestoppt, dauert das Gespräch. Er rutscht von der Bank. Er müsse wirklich los.

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