Beilage der Humboldt-Universität 2014 : Wir Studenten nehmen uns die Freiheit

Studierende brüllen nicht mehr im Chor Parolen. Na und? Politisch sind sie dennoch. Eine Abrechnung mit den Kritikern der Jugend.

Miriam Lenz
Das Verhältnis von Studierenden zur Universität hat sich verändert.
Das Verhältnis von Studierenden zur Universität hat sich verändert.Foto: HU

Kritik der älteren an der nachfolgenden Generation ist nichts Neues, wahrscheinlich ist sie so alt wie die Menschheit selbst. Schon von Sokrates sind Klagen über die damalige Jugend bekannt. Und auch heute erfreut sich das Jammern über die junge Generation, insbesondere die Studenten, großer Beliebtheit. Die FAZ widmete den heutigen Studenten einen siebenteiligen „Weckruf“, um sie endlich aus ihrem vermeintlich komatösen geistigen Dornröschenschlaf wachzurütteln.

Und Christiane Florin, Redakteurin bei der ZEIT und Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Uni Bonn, veröffentlichte ein 80-seitiges Essay mit dem Titel „Warum unsere Studenten so angepasst sind“. Darin wirft Florin den heutigen Studenten nicht weniger vor, als rückgratlose, opportunistische, konformistische, desinteressierte „unselbstständige Vorschriftenjunkies“ zu sein, die nicht mehr aufbegehren, denen überhaupt alles egal ist, außer natürlich der eigenen Karriere.

Verbunden wird diese Kritik an uns Studenten nicht nur bei Florin gerne mit langatmigen Heldenepen aus der eigenen Studentenzeit, wahlweise schwärmerische Schilderungen über Sit-ins und Straßenschlachten in den 60ern und 70ern oder rührselige Geschichten über die Friedensdemonstrationen und die Anti-Atomkraftbewegung in den 80ern. Damals hatten die Studenten noch Ideale, für die sie kämpften, wir nicht, heißt es dann oft.

Doch allzu leicht vergessen die selbsternannten Richter über unsere Generation in ihrer Selbstbeweihräucherung, dass es viel zu oft Ideologien und nicht unbedingt Ideale waren, von denen sie sich damals unhinterfragt leiten ließen. Dass sie die Welt häufig unreflektiert in schwarz und weiß, Freund und Feind einteilten. Dass die damalige Gesellschaft nun mal eine andere war als die jetzige ist.

Vergleicht man die geringe Beteiligung bei Bildungsstreiks heute an der Humboldt-Universität oder anderen Hochschulen mit den Sogkräften der westdeutschen Studentenproteste in den 1960ern und 1970ern kann man durchaus zu dem Eindruck gelangen, wir seien tatsächlich eine vollkommen unpolitische Generation, die „Protest“ und „Revolution“ nur vom Hörensagen aus den Geschichten ihrer Eltern oder Großeltern kennt. Doch dass wir nicht mehr mit selbstbemalten Bettlaken in der Hand durch die Straßen laufen und im Chor systemkritische Parolen brüllen, bedeutet noch lange nicht, dass wir unpolitisch, unkritisch und ignorant sind. Denn in den letzten dreißig Jahren haben sich die Kommunikationswege rasant verändert und mit ihnen auch die Protestformen. Um gehört zu werden, müssen wir heute nicht mehr mit Megafonen durch die Städte ziehen oder öffentliche Gebäude besetzen. In Blogs, auf Facebook und Twitter können wir in Sekundenschnelle eine Öffentlichkeit für unsere Gedanken finden, kommentieren und diskutieren, uns vernetzen.

Und nicht nur unsere Protestformen haben sich verändert, auch unser Verhältnis zu unserer Universität. Anders als frühere Studentengenerationen nehmen wir die Universität mit ihren verschulten Studiengängen schlicht nicht mehr als Ort uneingeschränkter geistiger Freiheit wahr. Stattdessen suchen wir unsere geistigen Freiräume und Spielwiesen anderswo, in ehrenamtlichen Projekten, Nebenjobs und Praktika.

Für uns lässt sich die Welt nicht einfach in schwarz und weiß einteilen, sie besteht vielmehr aus vielen verschiedenen Grauschattierungen. Gerade weil wir es nicht einfach finden, uns in diesem hochkomplexen Gebilde zurechtzufinden, hinterfragen wir permanent uns selbst und unsere Umwelt. Wir handeln neu aus, wie wir leben, arbeiten und wohnen wollen, definieren neu, was für uns persönlich Liebe und Familie bedeuten. Wir diskutieren darüber mit Freunden und Fremden, im Netz und bei einem Glas Wein am Küchentisch. Vor allem aber nehmen wir uns ganz heimlich, still und leise die Freiheit, einfach so zu leben, wie wir es wollen. Wir leben Gleichberechtigung in unseren Beziehungen, glauben an die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, sind umweltbewusst, kaufen regionale Produkte, achten auf fairen Handel und faire Herstellungsverfahren, teilen statt zu besitzen, erobern uns den öffentlichen Raum mit Streetart und Urban Gardening zurück, lernen andere Länder und Kulturen kennen, verdienen lieber weniger und haben dafür mehr Freizeit und Freiheiten.

„Heimliche Revolutionäre“ nennen der Soziologe Klaus Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht deshalb die zwischen 1985 und 2000 Geborenen in ihrem Buch über die sogenannte Generation Y. Und vielleicht haben sie damit gar nicht so unrecht. Denn statt plakativ die Missstände in der Gesellschaft anzuprangern, versuchen wir, das, was uns wichtig ist und was wir uns für die gesamte Gesellschaft wünschen, im Kleinen zu leben. Unser Lebensstil ist unsere Revolution, und um den Wirklichkeit werden zu lassen, brauchen wir keine großen Gesten, keine Megafone, keine Pflastersteine und keine Plakate. Miriam Lenz

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