Beilage Humboldt-Universität 2014 : Ein geistiger Kosmos, der Energien freisetzt

Mit dem Mauerfall begann ein Vierteljahrhundert der Umbrüche: Die HU entwickelte sich von einer Staatshochschule zu einer Exzellenzuniversität.

Rüdiger vom Bruch
Auf der Suche nach der Traumuni. Anfang der 1990er Jahre wurde im Foyer der Humboldt-Universität noch wild plakatiert.
Auf der Suche nach der Traumuni. Anfang der 1990er Jahre wurde im Foyer der Humboldt-Universität noch wild plakatiert.Foto: Joachim Fisahn

Umbruch, Aufbruch und Proteste begleiteten die Feiern zur 40-Jahr-Feier der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Anfang Oktober 1989. Begann für die Humboldt-Universität damit eine Selbstreform? Allenfalls mit erheblichen Einschränkungen. Denn wie schon bei den großen politischen Umbrüchen 1848/49 und 1918/19 wirkten die politisch-sozialen Umwälzungen in Berlins älteste Universität hinein. Sie selbst war indes kein Motor der Veränderung. Zu sehr blockierten sich widerstrebende Kräfte: hier einzelne reformbereite Grundorganisationen, etwa die erfolgreiche Gründung eines Studentenrates, der sich nicht mehr von oben steuern ließ, dort eine ganz überwiegend defensiv orientierte und staatsnahe Hochschullehrerschaft.

Es mangelte an starken Reformkräften wie in Jena oder Leipzig, sichtbar vor allem im zähen Ringen am Anfang 1990 gebildeten Runden Tisch. Zugleich konnte eine als Selbstbefreiung angestrebte Autonomie von Forschung und Lehre in institutionelle Beharrung und Abwehr umschlagen. Denn die Situation in Berlin mit einer über Jahrzehnte geförderten Frontstadtmentalität, mit einer aufgeblähten Verdoppelung von Bildungseinrichtungen in Ost und West begünstigte seit 1990 konfrontative Vergleiche und Forderungen.

Schwungvoll ins Semester. Heute wirkt das HU-Foyer deutlich aufgeräumter.
Schwungvoll ins Semester. Heute wirkt das HU-Foyer deutlich aufgeräumter.Foto: Andreas Süß

Insbesondere der Anfang April 1990 vom Konzil gewählte Rektor Heinrich Fink proklamierte Autonomie als Abwehr gegen Zugriffe von außen, als sozialistisches Erbe einer eigenständigen HU. Bereits der letzte DDR-Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer beklagte im Sommer 1990 einen bornierten Provinzialismus. Äußerst schmerzhafte Jahre im Zuge von Vereinigung, Anpassung und Umstrukturierung ließen seit Anfang 1991 unter dem neuen Wissenschaftssenator Manfred Ehrhardt die HU nicht zur Ruhe kommen. In dieser Zeit wurden vier Fünftel des wissenschaftlichen Personals ausgetauscht. Erneuerung geschah im Zeichen von Kommissionen. Es gab zunächst Ehren- und Anhörungskommissionen, vor allem im Hinblick auf Mitarbeiter, die für die Staatssicherheit gearbeitet hatten. Es gab zentral wie dezentral organisierte Personal- und Strukturkommissionen sowie fachwissenschaftlich ausgerichtete Struktur- und Berufungskommissionen.

Hauptaktivposten seit den frühen 1990er Jahren blieben auch über künftige bittere Finanzrestriktionen und strukturelle Verwerfungen hinweg die an die Gründungsphase 1809/10 erinnernden exzellenten Berufungen. Allerdings verschärften solche Erfolge das Konfliktpotenzial zwischen Universitätsleitung und Landesregierung. Denn Finks Modell einer „Volksuniversität“ stand Erhardts Konzeption einer „Eliteuniversität“ entgegen.

Das zentrale Reizwort für Lehrende wie Studierende war damals aber das Wort Abwicklung. Zwar sollte die Universität als solche dann doch erhalten bleiben, es drohte aber der Abbau von einzelnen, der DDR besonders verpflichteten Fächern wie Jura oder Ökonomie. Diese Senatsentscheidung verschärfte vor allem 1991 die HU-internen Spannungen im Lehrkörper und bei den Studierenden – nicht alle waren gegen die Abwicklung belasteter Bereiche. Rektor Fink galt vielen als Vorkämpfer gegen eine vor allem als „Anschluss“ wahrgenommene Vereinigung der Berliner Wissenschaftslandschaft, die ihrerseits von externen Gutachten und Gremien geprägt wurde.

Bereits Ende Dezember 1990 hatte der Senat mit einem Gutachten des Schweizer Schulrats Heinrich Ursprung die Initiative übernommen. Maßgeblichen Einfluss gewann ab Mai 1991 die von dem Konstanzer Philosophen Jürgen Mittelstraß geleitete Landeshochschulstrukturkommission. Sie empfahl die Abtrennung großer Bereiche wie Veterinärmedizin und Landwirtschaftswissenschaften. Sie legte aber auch den Grundstein für einen Ausbau von Adlershof als mathematisch-naturwissenschaftlich-technologisches Innovationszentrum.

Nach der Entlassung von Rektor Fink Ende 1991 wechselte die HU im April 1992 mit der Wahl der vormaligen grünen Fachhochschul-Präsidentin Marlies Dürkop als seiner Nachfolgerin zur Präsidialverfassung. Anders als der zunächst favorisierte, aber unterlegene Kandidat Peter Glotz bemühte sich die neue Präsidentin mit Geschick um personelle Integration und behutsame Kontinuität, etwa in der Mittelbau-Personalpolitik, im Ausbau von Adlershof, bei der Überführung der bisherigen 24 Fachbereiche in elf Fakultäten. Diese hatten bis zur Fakultätsreform in diesem Jahr unter dem derzeitigen Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz Bestand. Seit April hat die HU neun Fakultäten.

Bis 1994 blieben Erneuerung und Ausbau der HU finanziell im wesentlich abgesichert. Allerdings belasteten Prozess- und Abfindungskosten auf Grund von Verwaltungsmängeln den Haushalt. Wer über längere Zeit die Arbeit der Entwicklungs- und Planungskommission unter der klugen Leitung von Beate Meffert erinnert, registrierte seit Mitte der 1990er Jahre ein Abebben der Konflikte zwischen Statusgruppen sowie zwischen Alt- und Neu-Humboldtianern. Die differenten Fächerkulturen traten wieder in den Vordergrund.

Nach schmerzhaften Umbruchjahren setzte seit 1994 eine prekäre Stabilität ein. Es war eine verhalten-selbstbewusste Aufbruchstimmung angesichts der günstigen öffentlichen Wahrnehmung und der zunehmenden Attraktivität für Lehrende und Studierende aus aller Welt. Ein Ende der Umbauten und neue Weichenstellungen kennzeichnete dann die Präsidentschaft des Frankfurter Juristen Hans Meyer seit 1996. Er gewann mit Reformen der HU-Verfassung neue Gestaltungsspielräume und beendete zugleich die quälende Unsicherheit angesichts ständiger Sparvorgaben seit 1996 durch das neue Instrument der Hochschulverträge. Zwar bedeuteten sie mehr Autonomie für weniger Geld, boten aber Planungssicherheit und lenkten den Blick auf die Gestaltung der Zukunft. Der 1997 definitiv beschlossene Ausbau von Adlershof schritt voran. Erfolgreich warb man Drittmittel, Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs ein. Öffentlich stark beachtete „Berliner Reden“ politischer Prominenz setzten Glanzlichter; als „Ost-Uni“ wurde die HU kaum noch wahrgenommen.

Hier konnte seit 2000 Meyers Nachfolger, der Münchener Physiker und gleichfalls erfahrene Wissenschaftsmanager, Jürgen Mlynek anknüpfen. Er betrieb zielstrebig einen Höhenflug in die internationale Champions League. Allerdings wechselte Mlynek noch vor der Entscheidung in der ersten Runde des Exzellenz-Wettbewerbs von Bund und Ländern an die Spitze der Helmholtz-Gemeinschaft.

Ihrer wechselvollen Geschichte und ihrer schwierigen Erblasten vor und nach 1945 blieb sich die HU in Publikationen und Veranstaltungen lange vor der von dem neuen Präsidenten Christoph Markschies verantworteten und wesentlich von dem Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth gestalteten Zweihundertjahrfeier 2010 bewusst. Deren Leitmotiv „Bildung durch Wissenschaft“ prägte das Zukunftskonzept, mit dem die HU nach vorangegangenen Teilerfolgen im Sommer 2012 unter dem neuen Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz erfolgreich in der Exzellenz-Initiative abschnitt.

Mit Blick auf die äußerst spannungsreiche, menschlich belastende, politisch belastete und wissenschaftlich heterogene Ausgangslage 1989/90 mutet die Entwicklung der Humboldt-Universität erstaunlich an. Im Vergleich zu anderen Universitäten in der DDR hatten interne Spannungen eine handlungslähmende Zerrissenheit verschärft. Zugleich löste eine sonst untypische Anstachelung ebenso wie trotzige Abwehr auslösende Konfrontation mit westlich geformten Berliner Universitäten Eigendynamik und Verbitterung aus. Doch das historisch gewachsene Prestige einer vormaligen Reform- und Eliteuniversität, kombiniert mit dem geistigen Kosmos der Humboldt-Brüder, setzte Energien frei, motivierte alte und neue HU-Angehörige.

Ähnlich wie „Charité“ galt und gilt „Humboldt“ international als stimulierendes Markenzeichen, das seinerseits eine Profilschärfung der anderen Berliner Universitäten begünstigte. So gelang es, konfrontative Frontstadtmentalität in eine ebenso kompetitive wie kooperierende Wissenschaftslandschaft zu überführen.

Der Autor war von 1993 bis 2011 Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität.

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