Beilage Humboldt-Universität 2014 : „Ein Lager für Flüchtlinge ist oft die schlechteste Lösung“

Wie viel Wasser braucht ein Mensch und wie viel Platz in einem Zelt? Der Historiker Joel Glasman erforscht, wie Flüchtlingen geholfen wird. Ein Interview.

Joel Glasman.
Joel Glasman (Jahrgang 1979) hat seinen Magister 2002 in einem deutsch-französischen Studiengang in Tübingen erworben. Er war...Foto: Henning Maier-Jantzen

Herr Glasman, in Berlin gibt es derzeit Schwierigkeiten mit der Aufnahme von weiteren Flüchtlingen. Können Sie das als Flüchtlingsforscher nachvollziehen?

In Berlin gibt es rund 20 000 Flüchtlinge, in Deutschland sind es circa 100 000. Das ist im internationalen Vergleich eher wenig. Die meisten Staaten in Afrika nehmen relativ zu ihrer Bevölkerungszahl viel mehr Flüchtlinge auf. Angesichts des Wohlstands in Deutschland könnte man wohl mehr Hilfe erwarten. Das scheint aber insgesamt ein europäisches Problem zu sein. Weniger als fünf Prozent der weltweiten Flüchtlinge kommen hierher.

Von Politikern wird aber betont, dass die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, kontinuierlich steigt.

Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland ist zwar in den letzten Jahren wieder gestiegen. Und daraus resultieren sicherlich auch die derzeitigen logistischen Probleme. Doch im Vergleich mit den vergangenen Jahren ist die Gesamtzahl längst nicht so hoch wie sie einmal war. Die Debatte ist zurzeit verzerrt, weil man nur die letzten fünf oder zehn Jahre betrachtet. Anfang der 1990er Jahre während der Balkankrise gab es in Deutschland vier Mal mehr Flüchtlinge als heute. Das belegen die offiziellen Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Das Problem wird hierzulande dramatisiert – und spielt damit Populisten in die Hände.

Sie meinen also Deutschland müsste mehr Flüchtlinge aufnehmen?

Nehmen wir das Beispiel Syrien. Dort gibt es zurzeit rund drei Millionen Flüchtlinge, die sich in den Nachbarländern aufhalten. Sechs Millionen Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Deutschland nimmt 20 000 auf. Das ist ein Witz in Anbetracht der Gesamtzahl.

Nun sind Sie ja kein Politikwissenschaftler, sondern Historiker. Was interessiert Sie aus dieser Sicht am Thema Flüchtlinge?

Mich interessieren vor allem die Flüchtlingslager: Wie man überhaupt auf die Idee gekommen ist, Menschen in Flüchtlingslagern unterzubringen und wie diese sich im Lauf der letzten Jahrzehnte verändert haben. Ich erforsche das anhand einiger Beispiele in Afrika. Dazu reise ich auch regelmäßig nach Genf zum Sitz des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Von Genf aus werden die Flüchtlingslager weltweit verwaltet.

Wie viele Menschen leben in Lagern?

Weltweit sind mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Mindestens ein Viertel von ihnen ist in Flüchtlingslagern untergebracht, höchstwahrscheinlich sogar noch mehr. Es ist schwer zu erfassen, wie viele Menschen dort tatsächlich leben. Aber sie alle werden von Genf aus verwaltet. Das ist sozusagen die Welthauptstadt der Flüchtlingslager.

Das heißt, in der Schweiz wird darüber entschieden, wie Menschen überall auf der Welt in Flüchtlingslagern leben?

Genau. Dort wird festgelegt, welches Wasser sie erhalten, welche Nahrung, welche Zelte. Als das UNHCR nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, gab es dort fast nur Juristen. Im Lauf der Jahre kamen weitere Spezialisten hinzu, etwa Architekten, um die Lager zu planen. Ärzte wurden für die Gesundheitsversorgung eingestellt. Logistiker kümmern sich heute um die Organisation der Hilfsgüter. Mittlerweile gibt es zahlreiche Handbücher darüber, was die Menschen vor Ort brauchen. Und es wurden Hilfsinstrumente entwickelt, etwa das MUAC, das Mid Upper Arm Circumference.

Was ist das?

Das ist ein kleines Zentimetermaß aus Papier. Bei der Aufnahme in einem Flüchtlingslager wird damit der Oberarmumfang bei Kleinkindern gemessen. So kann man feststellen, ob sie stark unterernährt sind, mangelhaft ernährt oder ausreichend. Wenn der Armumfang weniger als 11,5 Zentimeter beträgt, ist ein Kind stark unterernährt und braucht sofort medizinische Hilfe. Dieses Band wurde Mitte der 60er Jahre entwickelt. So konnte man schnell feststellen, wer dringend Hilfe brauchte und wer noch ein wenig warten konnte.

Das MUAC dient also für eine akute Soforthilfe?

Ja. Mich interessiert daran, dass sich die Einteilung auf der Messskala in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Vor 30 Jahren lag der Wert für Unterernährung bei 13,5 Zentimetern, das heißt, heute sind es zwei Zentimeter weniger. Die Definition, was ein Mensch braucht, ist heute also eine andere als vor einigen Jahren. Ähnlich ist es mit der Architektur der Flüchtlingslager. Früher waren sie ausschließlich nach militärischen Gesichtspunkten gestaltet, standen in Reih und Glied, eines neben dem anderen. Das gibt es immer noch, aber heute nimmt man immer öfter Rücksicht auf die Belange von Familien, lässt Platz für die Kinder zum Spielen oder für soziale Treffpunkte.

Würden Sie sagen, dass die Lager besser geworden sind?

Das Leben dort ist heute wie früher ein armseliges am existenziellen Minimum. Gerade wenn sie dort dauerhaft leben müssen, verschlechtern sich die Lebensbedingungen. Irgendwann gehen die Zelte kaputt, das öffentliche Interesse lässt nach. Zudem muss man bedenken, dass Lager einerseits zwar Hilfe bedeuten, andererseits aber auch Kontrolle und Disziplinierung. Mit den Lagern will man die Flüchtlinge in einem Gastland an zentralen, überschaubaren Orten unter Kontrolle halten, damit sie sich nicht willkürlich in einem Land niederlassen. Das ist immer auch eine Einschränkung der Menschenrechte.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Forschung?

Ich hoffe, dass über Alternativlösungen zu den Lagern nachgedacht wird. Ein Flüchtlingslager ist oft die schlechteste Lösung. Es gibt andere, bessere Lösungen, um Menschen auf der Flucht zu helfen. Man sollte ihnen ihre Freizügigkeit lassen, ihnen ermöglichen zu arbeiten, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Sie wissen oft selbst viel besser, was sie brauchen, welche Bedürfnisse sie haben.

Die Camps befinden sich meist in Krisengebieten oder nahe an solchen. Wie organisieren Sie Ihre Reisen in die Flüchtlingslager?

Das ist unterschiedlich, weil es immer auch von der aktuellen Situation vor Ort abhängt. Mitunter muss ich meine Reisen verschieben, wenn es Konflikte gibt. In den Flüchtlingscamps kann man in der Regel eine Begleitung erhalten, sich aber auch selbstständig bewegen.

Sind Sie denn in den Lagern sicher?

Gefährlich sind nicht die Flüchtlinge, sondern die, die sie vertrieben haben oder noch bedrohen. Dennoch entstehen auch Konflikte im Lager, wenn tausende Menschen dort leben. Die Sicherheit wird in der Regel vom Gastland gewährleistet. Deren Polizisten oder Soldaten bleiben rund um die Uhr im und am Lager. Dieser Schutz ist jedoch oft nur rudimentär. Wie die Helfer lebe ich nie im Flüchtlingslager, sondern immer außerhalb.

Was ist das für ein Gefühl inmitten von so viel Armut zu forschen?

Natürlich lässt einen so viel Elend nicht kalt. Aber meine Aufgabe ist es, die Situation dort zu verstehen. Die Menschen, mit denen ich spreche, hoffen zwar oft auch darauf, dass ich konkret ihre Situation verbessere, dass ich zum Beispiel ein gutes Wort für sie bei der Lagerleitung einlege, wenn sie in einem maroden Zelt leben. Aber die Vorstellung, dass in den Lagern nur ungebildete, passive Menschen sitzen, ist grundlegend falsch. Lagerbewohner entfalten vielfältige Strategien, um ihre Situation zu verbessern, etwa durch Arbeit, gegenseitige Hilfe oder weitere Migrationsversuche.

Wir haben uns in Ihrem Berliner Büro getroffen. Wann sind Sie wieder in Afrika?

Vor kurzem war ich in Togo. Im Dezember werde ich für einige Wochen nach Kamerun fahren, um dort Flüchtlinge zu besuchen, die aus Zentralafrika stammen. Zwischen diesen Forschungsreisen bin ich mitunter beim UNHCR in Genf und immer wieder hier in Berlin und arbeite am Institut für Afrikawissenschaften. Diese Freiheit habe ich gerade dank einer Förderung aus dem Zukunftskonzept „Bildung durch Wissenschaft“. Noch bis Mai 2015 werde ich dadurch in der Lehre vertreten und kann mich ganz auf meine eigene Forschung konzentrieren.

- Das Gespräch führte Roland Koch.

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