Beilage Humboldt-Universität 2014 : Gar nicht so sanft

Der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, Jan-Hendrik Olbertz, über die Lehren von 1989.

Jan-Hendrik Olbertz

Fraglos gab es 1989 in der DDR eine Revolution, und fraglos war sie – zum Glück – friedlich. Aber ist es eine „sanfte“ Revolution gewesen? Als sanft dürften sie die allerwenigsten empfunden haben, auch an den Universitäten nicht, weder vor noch hinter den Runden Tischen, Personalkommissionen, neu gegründeten Gremien, Parlamentsausschüssen oder gar Gerichten. Da ging es weniger sanft zu: Zu groß war die Sorge, die gerade überwundenen DDR-Verhältnisse könnten restauriert werden, zu manifest der Wunsch nach Gerechtigkeit, in gesellschaftlicher wie in individueller Hinsicht.

In den 1980er Jahren waren von fast 600 Professorinnen und Professoren der Humboldt-Universität rund zwei Drittel Mitglieder der SED. Mehr als 300 Hochschullehrer verloren nach der Wiedervereinigung ihre Stelle, sei es, weil sie Fächer vertraten, etwa Marxismus-Leninismus, die es nach der friedlichen Revolution nicht mehr gab, sei es wegen zu großer Nähe zum politischen System der DDR oder weil sie Zuträger der Stasi waren.

Heute wissen wir, dass die friedliche Revolution hier und dort auch über das Ziel hinausgeschossen ist und neue Ungerechtigkeiten nach sich zog, denken wir nur an die Pensionsansprüche vieler Hochschullehrer mit DDR-Biografie.

„Unsanfte“ Revolutionen haben ihren Preis. Auf der anderen Seite aber steht eine Erneuerung der HU, in die der Geist der Freiheit und der Unabhängigkeit der Wissenschaft zurückgekehrt ist. So konnte sich die Universität in erstaunlich kurzer Zeit wieder zu einer weltweit geachteten Forschungs- und Bildungsstätte entwickeln und adäquate Formen der demokratischen Selbstverwaltung aufbauen. Inzwischen bedarf es gelegentlich der Ermahnung, den Wert dieser Errungenschaften hoch genug zu schätzen, denn zu DDR-Zeiten waren sie Gegenstand der Sehnsucht vieler Mitglieder der Uni. Dessen sollten wir uns heute bewusst sein, wenn beispielsweise Vorschläge zur Weiterentwicklung der Universität in endlosen Gremiendebatten „zerredet“ oder die Regeln des demokratischen Miteinanders so weit formalisiert werden, dass ihr tieferer Sinn verloren geht.

Das schließt auch den Irrtum ein, alle könnten alles gemeinsam entscheiden, aber die Verantwortung müsse auf Einzelne beschränkt bleiben. Nicht ohne Grund ist gelebte Demokratie auch im universitären Bereich an Mandate gebunden, die einen Auftrag beinhalten, also auf Vertrauen fußen. Deshalb werden sie nur zeitweilig vergeben, unterliegen Kontrolle und Erneuerung.

Der HU steckt die historische Erfahrung tiefgreifender Umbrüche in den Knochen. Mehr als ein Jahrzehnt nach der friedlichen Revolution wurden ihr weit reichende Struktureinschnitte auferlegt, diesmal durch Sparbeschlüsse des Landes. Beides zusammen erklärt, warum Impulsen zur Veränderung der Universität oft mit Misstrauen begegnet wird, selbst wenn sie „von innen“ kommen.

Die friedliche Revolution von 1989 hat, auch wenn sie nicht von der Universität selbst ausgegangen ist, vielfältige Chancen aufgetan, die Institution zu entwickeln, ohne dass die Richtung von außen bestimmt wird. Es gibt zurzeit auch nicht den Druck, Reformen allein aus Sparzwängen umzusetzen. So kann die Universität ihren ureigenen institutionellen Ansprüchen folgen. In erster Linie sind es wissenschaftsgeleitete Belange, die das Geschehen vor Ort bestimmen. Alle Mitglieder der Universität sollen dazu bestmöglich ihre kreativen Potenziale entfalten können – im Dienste der Wissenschaft und zum Wohl der Gesellschaft. In Verbindung mit der vom Staat garantierten Freiheit von Forschung und Lehre ist das für die Universität der größte Gewinn der friedlichen Revolution.

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