Beilage Humboldt-Universität 2014 : "Hidden Kosmos" erschließt Alexander von Humboldts Vorlesungen

„Wunderlichste Schlangen der Gelehrsamkeit“: Das Projekt Hidden Kosmos erschließt Nachschriften von Alexander von Humboldts Vorlesungen.

Sabine Schneider
Zettelgebirge. Manuskript zu den Kosmos-Vorträgen aus Humboldts Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin.
Zettelgebirge. Manuskript zu den Kosmos-Vorträgen aus Humboldts Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin.Foto: SBB-PK

In der Mittagsstunde des 12. Dezember 1827 herrscht vor der Berliner Singakademie, dem heutigen Maxim Gorki Theater, großer Andrang. Alexander von Humboldt hält hier eine seiner Vorlesungen, deren Kunde sich in Berlin offenbar wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Humboldt ist der Star, den alle sehen und hören wollen. Deshalb finden, teils parallel zu den 61 Vorlesungen in der benachbarten Universität, die heute seinen und seines Bruders Namen trägt, weitere 16 im Haus am Kastanienwäldchen statt. Manchmal drei in einer Woche, am Ende wohl fast täglich – und jedes Mal vor 800 bis 1000 Zuhörern.

Die Vorlesungen sind kostenlos, und jeder, ob Frau oder Mann, „vom König bis zum Maurermeister“, wie es in einer zeitgenössischen Zeitung begeistert heißt, kann teilhaben. Für den besagten Handwerksmeister dürfte das allerdings wegen der Tageszeit schwierig werden.

Diese berühmten „Kosmos-Vorträge“ der Jahre 1827/28 sind Gegenstand eines Forschungsprojekts des Instituts für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität. Den Titel der Vorlesungen hat sehr wahrscheinlich nicht Alexander von Humboldt selbst gewählt, sondern wurde erst später in Verbindung zu Humboldts mehrbändigem Werk „Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ geprägt.

Die Bezeichnung „Hidden Kosmos“ wiederum sei nicht von ungefähr gewählt, sagt Christian Thomas, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt. Lange Zeit sei die Quellenlage relativ dünn gewesen, auch, weil Humboldt selbst behauptet hatte, er habe die Vorträge in freier Rede gehalten. „Es existierten nur zwei Nachschriften von anonym gebliebenen Zuhörern in gedruckter Form, eine erschien 1934, eine zweite 1993.“

In den letzten Jahren konnten Christian Kassung, Professor für Kulturtechniken und Wissensgeschichte, und sein Team mit Dominik Erdmann, Marius Hug und Christian Thomas weitere zehn komplette Nachschriften aller Vorlesungen ausfindig machen. Darunter sind etwa die Aufzeichnungen des Berliner Privatgelehrten Gustav Parthey, der Philosophie und Altertumskunde studiert hatte, die Nicolai’sche Buchhandlung leitete und mit dem Humboldt auch in Kontakt stand.

Durch die Exzellenzinitiative, speziell die Förderlinie „Freiräume“, stehen nun die Mittel zur Verfügung, diese Schriften zu digitalisieren und sukzessive bis Mai 2016 ins Netz zu stellen. „Durch die Humboldt-Universität und über das Deutsche Textarchiv, wo bereits zahlreiche Texte Humboldts und seiner Zeitgenossen zu finden sind, werden sie für jedermann verfügbar gemacht“, sagt Christian Thomas.

In einem Anschlussprojekt wollen die Kulturwissenschaftler dem „verborgenen“, faszinierenden Kosmos der Vorlesungen in Humboldts eigenhändigen Aufzeichnungen auf die Spur kommen. Denn entgegen seiner wahrscheinlich aus publikationsstrategischem Kalkül getroffenen Aussage, verfasste er sehr wohl Manuskripte und Gliederungen dazu. Sie ähneln „wunderlichsten Schlangen der Gelehrsamkeit“, wie sein Biograph Alfred Dove schrieb, mit aufgeklebten Zetteln, Zeitungsnotizen, zerschnittenen und neu zusammengesetzten Papieren. Diese einmaligen Dokumente, die sich in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz fanden, lassen sich kaum in einem Buch wiedergeben, jedoch digital gut aufbereiten. Dann wird der Leser quasi durch die Zettelgebirge des Meisters wandern können.

Sie lassen erahnen, wie planvoll und zugleich detailreich Humboldt sein Wissen vermittelte – in der Universität in je einer, in der Singakademie in je zwei Stunden – und dabei aus einer Fülle eigener Entdeckungen und Erlebnisse schöpfen konnte. Schließlich forschte der „zweite Entdecker Südamerikas“, wie er schon damals genannt wurde, über fast jedes Gebiet der Naturwissenschaften.

Ob er von Schweißbädern berichtete, denen sich Versuchspersonen unterzogen hatten, um die Erhitzung des Blutes zu messen, oder von Messungen der Sonnenhöhe auf dem Gipfel der Welle und in ihrer Tiefe, die er selbst „an der Außenseite des Schiffes festgebunden“ vornahm – und das bei heftigstem Sturm: Der Mann war authentisch. Wissenschaftler und Abenteurer in einem, eine seltene Mischung. Kein Wunder, dass er die Leute anzog.

Das wird er vielleicht erneut, wenn alle bekannten Nachschriften und später die Manuskripte Humboldts frei zugänglich sind. Verfügbar werden sie als Faksimiles, die nebenbei den Blick auf wunderbare Handschriften ermöglichen, und in einer Volltextversion. Wer mag, kann die Texte miteinander vergleichen oder im abschließend erstellten Register nach Stichworten, Namen oder Orten suchen. Ein ganzes Universum der Wissenschaftsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts erschließt sich so. Das hätte Humboldt sicherlich gefallen.

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