Beilage Humboldt-Universität 2014 : „Keinen Augenblick gezweifelt“

Zeitenwende und Ich-Identität: Wie frühere SED-Eliten ihre Lebensgeschichte erzählen.

Martin Sabrow
Von Herzen. Honecker applaudiert 1987 bei einem Festakt. Auch nach der Wende inszenierte er sich als standhafter Kommunist.
Von Herzen. Honecker applaudiert 1987 bei einem Festakt. Auch nach der Wende inszenierte er sich als standhafter Kommunist.Foto: IMAGO

„Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte. Der Schüler, der nicht nach Ausflüchten suchte, sondern bedenkenlos ,Ja’ sagte, ist mir heute vollkommen fremd.“ So konnte Jens Bisky in seiner 2004 erschienenen Autobiographie „Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich“ schreiben. Er war jung genug, um den Zusammenbruch des SED-Staates nicht als erzwungenen Bruch mit der eigenen Identität zu erleben, sondern als befreienden Aufbruch in eine selbstbestimmte Lebenswelt.

Für Autobiographen aus den einstigen SED-Eliten aber bedeutet der Umbruch von 1989 eine erzählerische Herausforderung, die geschichtliche Zäsur mit der Einheit des Ich-Bildes zur Deckung zu bringen. Das ist eine nahezu unmögliche Aufgabe. Niemand vermag nach radikalen historischen Umbrüchen seine früheren Denk- und Wertehorizonte zum einen unverfälscht und zum anderen als grundfalsch zu erinnern. Stattdessen gilt gerade nach Zäsuren, die eine neue politische, soziale, moralische Ordnung etablieren, das Wort Friedrich Nietzsches: „,Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht getan haben’ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Kaum jemand hat sein jahrzehntelanges Tun so spektakulär umgedeutet wie Erich Mielke, als er das Ministerium für Staatssicherheit in der Volkskammersitzung vom 13. November 1989 stammelnd zu einer staatlichen Caritasanstalt erklärte: „Ich liebe – Ich liebe doch alle – alle Menschen – Na ich liebe doch – Ich setzte mich doch dafür ein.“

Doch wohnt allen Autobiographien ein Hang zur nachträglichen Harmonisierung inne. Um dem Vorwurf der retrospektiven Angleichung zu entgehen, wenden Ich-Erzähler oft viel Mühe auf, um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen. Sie beteuern ihre Redlichkeit und Schonungslosigkeit, sie reflektieren über die Notwendigkeit, das eigene Schicksal mit der Distanz des Historikers zu beschreiben, und sie flechten nicht selten archivarische Dokumente in den Text ein.

Besonders nach 1989 erwies sich die Kluft zwischen historischer Zäsur und biographischer Kontinuität für viele ostdeutsche Ich-Erzähler als schmerzhaft groß. Gerade darum fragt sich, wie die starke lebensgeschichtliche Mitteilungsbereitschaft gerade ehemaliger Parteifunktionäre zu erklären ist. Anders als der Nationalsozialismus, der nach 1945 vor allem Autobiographien von Ohnmächtigen, also von Verfolgten oder von politisch Übergangenen und Kaltgestellten erzeugte, hat der Zusammenbruch des Kommunismus in Europa einen erklärungsbedürftig breiten Strom autobiographischer Bewältigungsmuster auch in der entmachteten Herrschaftselite hervorgebracht.

Ein wesentlicher Grund dafür liegt zweifellos darin, dass die SED-Herrschaft anders als die NS-Herrschaft eben keinen Zivilisationsbruch markiert. Die Herrschaft des Kommunismus kann leichter „erzählt“ werden als die des Nationalsozialismus, weil sie auch aus der Machtperspektive rückblickend nicht das Böse schlechthin bedeutet. Glaubwürdigkeitsgebot und Bekenntnisdruck begleiten postkommunistische Ich-Erzähler nach 1989. Achselzuckendes Schweigen hätte für Honecker wie andere Spitzenfunktionäre eine Verletzung ihrer gelebten Identität bedeutet. Im Bemühen, den erzwungenen oder gesuchten Bruch mit dem Kommunismus zu bewältigen, ohne die Einheit des erzählenden Ichs aufzugeben, nutzen postkommunistische Lebensgeschichten unterschiedliche Strategien.

Eine unter ihnen stellt die Konversionsbiographie dar, in deren Zentrum die oft langwierige, dann aber schroffe Ablösung von der kommunistischen Denkordnung steht. Diese Autobiographien versuchen ein eindringliches Bild der totalitären Verführung und Überwältigung zu zeichnen. Ihre Leistung besteht darin, die Funktionsmechanismen der Diktatur überscharf und oft dämonisierend darzustellen, sich selbst aber in einem Zustand relativer Unmündigkeit zu präsentieren. Zugleich aber verschließen sie sich vor den Zwischentönen des Arrangements, und sie legen gern einen Schleier der Unschärfe über das konkrete Ausmaß der eigenen Verstrickung.

Niemand hat diese Operation nach 1989 so konsequent durchgeführt wie Günter Schabowski, der am 9. November 1989 die neue Ausreiseregelung verkündete. Er zog aus der Schroffheit der Umkehr und der Verdammung seiner einstigen Verblendung das Legitimationsmuster seiner Wandlungserzählung. Konversionsbiographien verweilen bevorzugt bei den Monstrositäten der kommunistischen Welt. Die Kosten dieser Schreibstrategie sind offensichtlich: Sie bestätigen die Ankunft in der Gegenwart um den Preis des Verrats an dem früheren Ich. Und sie erzwingen eine prekäre Schreibhaltung, die die einstige Anziehungskraft des sozialistischen Experiments nach Möglichkeit ausblendet und die eigene Verantwortung trotz des Bekenntnisses zur Offenheit fast bis zur Unkenntlichkeit verwischt, um die Ich-Identität zu wahren. Auch Schabowski etwa beschrieb seine atemberaubende Karriere in der DDR weniger als entschlossen betriebenen Aufstieg denn als passiv erlebtes Geschehen.

Verbreiteter als die Umkehrbiographie ist ihr Gegenmodell: die Kontinuitätsbiographie, die die Geschichte des eigenen Lebens als gezielte Relativierung oder gar Verneinung der historischen Zäsur berichtet. Das Idealmuster einer kommunistischen Kontinuitätsbiographie hatte schon 1980 Honecker selbst vorgelegt und nach 1989 in biographischen Aufzeichnungen weiter zu befestigen gesucht. Ihren Kernsatz formulierte der Staatschef so: „Ich kann mich an keinen Augenblick in meinem Leben erinnern, da ich an unserer Sache gezweifelt hätte.“ Die Ich-Identität eines über alle Versuchungen hinweg standhaft gebliebenen Kommunisten bildete für Honecker und andere Angehörige der gestürzten Machtelite auch nach 1989 das biographische Narrativ, das als Maßstab zur Beurteilung der Welt und der eigenen Lage diente.

Andere Autoren sahen sich zur Abstraktion gezwungen, um ihre Ich-Identität nicht ganz an die untergegangene DDR zu binden. Diese Spielart der Kontinuitätsbiographie repräsentieren die Memoiren, die weniger die DDR verteidigen, als die sich immer neu stellende Aufgabe beschwören, sich für den Traum einer besseren Gesellschaft einzusetzen.

Ein entgegengesetztes Kontinuitätsmuster verfolgte ein Autobiograph, der in der DDR als Journalist tätig war und seine Autobiographie unter den Titel „Generation Fußnote*. Bekenntnisse eines Opportunisten“ stellte. Autor Klaus Taubert drehte lediglich die Perspektive um und konnte so die alten Anpassungsfähigkeiten bei Ankunft in der Bundesrepublik neu gefragt finden: „Die Schule des Opportunismus hat Spuren hinterlassen, so dass es mir nicht schwer fiel, mich in die neue Ordnung zu fügen.“

So verschieden die postkommunistischen Umbrucherzählungen ausfallen, folgen sie doch in der Bewältigung der Zäsur von 1989 einzelnen übergreifenden Erzählmustern. Nicht zuletzt in der Konkurrenz dieser narrativen Muster wird jenseits von staatlicher Gedenkpolitik und schulischer Bildungsarbeit der Platz der DDR im kulturellen Gedächtnis im Zeitalter der Aufarbeitung ausgehandelt.

Der Autor ist Professor für Neueste und Zeitgeschichte an der HU.

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