Beilage Humboldt-Universität 2014 : Wie nachhaltig ist ein Babylätzchen?

Deutschlandstipendiaten werden nicht nur finanziell gefördert. Sie forschen in „Themenklassen“ – etwa zum Sortiment des HU-Stores.

Warenkunde. Deutschland-Stipendiaten erforschen "Humboldt Fußabdruck". Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie nachhaltig der HU-Store produziert.
Warenkunde. Deutschland-Stipendiaten erforschen "Humboldt Fußabdruck". Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie nachhaltig...Foto: Promo

Babylätzchen mit HU-Logo, T-Shirts mit Zitaten von Kurt Tucholsky: Produkte wie diese verkauft der „Humboldt-Store“ im Foyer des Hauptgebäudes der Universität. Aber wer näht den Stoff dafür zusammen? Wo? Und unter welchen Bedingungen? HU-Student Lukas Tank, 25, will diesen Fragen zusammen mit seiner „Themenklasse Nachhaltigkeit“ auf den Grund gehen. Er erhält das Deutschlandstipendium, mit dem seit 2011 begabte Studierende mit 300 Euro im Monat gefördert werden.

An der Humboldt-Universität gibt es das Stipendium mit einer Besonderheit: 27 der 102 Deutschlandstipendiaten arbeiten hier in einer von zwei Themenklassen an eigenen kleinen Forschungsprojekten – und werden so ein Jahr lang nicht nur finanziell, sondern auch geistig gefördert. Dafür gibt es für die Studierenden zwar keine Leistungspunkte, aber sie blicken in die Prozesse der Wissenschaft und lernen selbstständiges Arbeiten.

Dass Lukas Tank und seine 14 Mitstreiter in der Themenklasse Nachhaltigkeit nun den Lätzchen im HU-Store nachspüren, ist selbstgewählt: „Mehr als das Thema ,Humboldts Fußabdruck'’ war nicht vorgegeben“, sagt Tank, der im zweiten Master-Semester Philosophie studiert. „Was wir daraus machen, bleibt uns überlassen.“

Um sich auf konkrete Projekte zu einigen, fuhren sie zunächst zusammen auf einen Hof nach Brandenburg, brüteten bei Kaffee und Erdnüssen über Mind Maps. Am Ende entschieden sie sich für drei Ideen: Eine Gruppe wird in den nächsten Monaten einen ökologischen Fußabdruck des Geographischen Instituts in Adlershof erstellen – also untersuchen, wie viel Müll es produziert und wie viel Energie es verbraucht. Eine zweite wird ein Wahlmodul „Studium Oecologicum“ entwerfen, das Studierende aller Fachrichtungen belegen könnten. Tank und seine Gruppe werden sich mit Fairtrade-Siegeln und globalen Handelswegen beschäftigen, immer mit Blick auf den Humboldt-Store.

Wo Studierende verschiedener Fachrichtungen zusammenkommen, müssen sie sich allerdings erst einmal auf eine gemeinsame Methodik einigen. „Wir haben völlig verschiedene Ansätze“, sagt Tank, in dessen Gruppe noch ein anderer Philosophie-, und ein Ethnologiestudent sowie eine Studentin der Gartenbauwissenschaften sind. Bis sie ihre Vorstellungen von dem Projekt vereinen konnten, haben sie eine Weile gebraucht. „Aber jetzt bringt uns der interdisziplinäre Ansatz viel, jeder lernt von jedem.“

In der zweiten Themenklasse ist die Mischung der Fachrichtungen noch bunter. Zwölf Studierende aller Studiengänge arbeiten hier mit am Exzellenzcluster „Bild Wissen Gestaltung“, in dem seit 2011 fächerübergreifend erforscht wird, wie Bilder Wissen beeinflussen. Kultur- und Medienwissenschaftsstudent Daniel Paschen hat für ein Teilprojekt des Clusters „Analogspeicher“ eine Schallplatte aus Acrylglas hergestellt, bald will er mit Holz und Pappe experimentieren. Physikstudent Luca Kunz untersucht für das Teilprojekt „Anthropozän-Küche“ den Energieverbrauch in der Küche seiner sechsköpfigen Familie in der Pfalz und entwickelt Ideen, wie man überschüssige Energie nutzen kann. Und Erwachsenenpädagogik-Studentin Janine Marscher forscht für „Experiment und Beobachtung“ nach Möglichkeiten, mehr Bewegung in Seminare und Vorlesungen zu bringen.

Die Erfahrung bereichert die Studierenden – aber auch die „großen“ Projekte profitieren: „Die Stipendiaten vertiefen die Forschung des Projekts selbstständig. So bekommen wir viel detailliertere Ergebnisse“, sagt Claudia Lamas Cornejo, Sprecherin des Exzellenzclusters „Bild Wissen Gestaltung“. Auch Anne Dombrowski, Sprecherin des IRI THESys, an dem die Themenklasse Nachhaltigkeit arbeitet, sagt: „Wir nehmen die Studierenden als Nachwuchsforscher absolut ernst.“ Zur Ergebnispräsentation der Stipendiaten im letzten Jahr seien viele Professoren gekommen, einige Ergebnisse seien sogar in wissenschaftlichen Publikationen zitiert worden.

Wie viele Stipendiaten im kommenden Jahr gefördert werden können, wird aber von den Sponsoren abhängen. Bei ihnen werben die Unis die Hälfte des Geldes ein, der Bund verdoppelt die Summe. Bewerben kann man sich ab 1. Dezember. Übrigens haben auch Studierende mit weniger überragenden Noten Chancen auf einen Themenklassen-Platz: In der Bewerbung müssen sie eine themenbezogene Aufgabe lösen. Wer das gut schafft, darf selbst bald forschen – zu so spannenden Themen wie Handelswegen oder Holzschallplatten.

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