Beilage Humboldt-Universität 2014 : Wie Studierende früh zum Forschen kommen

Ein Platz im bologna.lab oder Ethnologie auf dem Flugfeld: An der Humboldt-Universität gibt viele Wege, sich jenseits des Seminarraums auszuprobieren.

Mitten drin. Ob Geistes-, Sozial- oder Lebenswissenschaften: In allen Fachrichtungen können engagierte HU-Studierende mitforschen.
Mitten drin. Ob Geistes-, Sozial- oder Lebenswissenschaften: In allen Fachrichtungen können engagierte HU-Studierende mitforschen.Foto: Andreas Süß

„Hallo, Nottingham?“ Fünf Studierende starren voller Erwartung auf die weiße Wand vor ihnen, auf der der Beamer gerade das Bild dreier freundlich lächelnder englischer Studentinnen erscheinen lässt. Die drei winken, bewegen die Münder – doch man hört nichts. „Oh, noch das Mikrofon einstecken ...“ – „Now we hear you!“ Alle lachen, nun kann die Online-Konferenz beginnen. Die jungen Frauen und Männer, die sich hier virtuell gegenüber sitzen, studieren alle Archäologie: die einen am Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie der Humboldt-Universität, die anderen am Department of Classics der University of Nottingham. Getrennt sind sie durch den Ärmelkanal und durch etwa 1000 Kilometer, doch in ihrer Konferenz diskutieren sie zwei Stunden lang über die Darstellung von Amazonen und Zentauren in der Antike.

Der Grund: Selbstorganisiert forschen sie seit einem Jahr gemeinsam zur Wirkung von Bildern in der Archäologie. Derzeit arbeiten sie schon an ihrer Abschlusspublikation, doch der 22-jährige Rolf Sporleder ist heute ins Büro des Q-Kollegs gekommen, um sich das Video ihrer zweiten Konferenz noch einmal genau anzusehen. „Erst war es seltsam, als Gruppe auf solche Distanz zusammenzuarbeiten“, erinnert er sich, während er sich selbst im Video über ein Fries im Zeus-Tempel referieren sieht. „Doch nach unserem Besuch in Nottingham im März klappte alles besser.“ Der gegenseitige Besuch wurden von der Universität bezuschusst, denn das Kolleg ist ein Teil des „bologna.labs“, eines HU-Programms zur Förderung neuer Lernformen. Gefördert wird es bis 2016 mit insgesamt 13,8 Millionen Euro durch den „Qualitätspakt Lehre“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – daher das Q in allen Projekten.

„Das Lab wurde geschaffen, um die oft kritisierten Verschulungstendenzen der Bologna-Reformen zu korrigieren“, sagt Michael Kämper-van den Boogaart, Vizepräsident der HU. Statt die Studierenden Inhalte nur stur auswendig lernen zu lassen, sollen drei verschiedene Q-Programme neue Freiräume für eigenständiges, forschendes Lernen schaffen. Das Q stehe dabei auch für eine „kreative Leerstelle“.

Eine Universität, an der die Dozenten nicht mehr nach Lehrplan unterrichten, sondern in Freiheit mit ihren Studierenden zusammen forschen: Dieses Ideal wollte schon Wilhelm von Humboldt 1810 mit der Gründung der Berliner Universität als Vorgängerin der HU verwirklichen. Doch Studierende, die eigenständig Theorien auf den Grund gehen und dafür Probanden befragen oder mit Chemikalien experimentieren, sind an deutschen Universitäten heutzutage ein seltenes Bild. „In einigen Fächern ist die Skepsis groß, ob Studierende überhaupt schon in der Lage sind, eigenständig Forschung zu betreiben“, sagt Monika Sonntag aus dem Koordinationsteam des bologna.lab. „Aber die Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnt, sie in ihrer Neugierde zu bestärken.“

Außer dem Q-Kolleg sollen noch zwei ähnliche Programme diese Skepsis abbauen: „Q-Teams“ binden Studierende in ein laufendes Forschungsprojekt eines wissenschaftlichen Mitarbeiters ein, „Q-Tutorien“ sind selbstorganisierte studentische Forschungsgruppen. Im vergangenen Sommersemester analysierten Studierende der Afrika- und Asienwissenschaften in solch einer Gruppe zum Beispiel den Begriff des „globalen Südens“, zu ihrem Abschluss-Symposium kam das halbe Institut – und staunte. In diesem Wintersemester werden angehende Philosophen in Q-Tutorien kritisch über Märkte reflektieren, angehende Psychologen werden herausfinden, ob Menschen Fragen am Computer unkonformer beantworten.

Andere reizt es, Teil eines „echten“, größeren Forschungsprojekts zu sein: Im vorigen Semester forschten Studierende in fünf verschiedenen Q-Teams etwa über den Versailler Vertrag oder über biologisch inspirierte Maschennetzwerke der Informatik. Vera Munde, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rehabilitationswissenschaften, konnte dank ihres Q-Teams sogar eine ganz neue Methode umsetzen. In einer Studie will sie die Berliner Tagesförderstätten für behinderte Menschen evaluieren. Doch wie befragt man schwer und mehrfach behinderte Menschen nach ihrer Meinung, die keine Fragebögen ausfüllen können? Die Lösung: Ein Semester lang fotografierten ihre Studierenden die Bewohner der Tagesförderstätte Neukölln in verschiedenen Situationen. Wie ausgefüllte Fragebögen zeigt ihre Körpersprache auf den Fotos nun, wie sehr den einzelnen Personen der Kontakt zu anderen gefällt, oder welches Essen ihnen jeweils schmeckt. „Das wäre ohne die Studierenden nicht möglich gewesen“, sagt Munde. Doch auch in den Q-Teams hätten die Studierenden große Freiräume und könnten sich Themen selbst suchen. „Sie sollen ja keine unbezahlte Zuarbeit leisten, sondern eigenständig forschen lernen.“

Die Q-Programme werden die Studierenden noch mindestens bis Ende 2016 zum Forschen animieren. Dann läuft die Finanzierung durch den „Qualitätspakt Lehre“ aus. Ob es eine Verlängerung gibt, ist noch nicht sicher. „Die guten Erfahrungen aus dem bologna.lab sollen aber langfristig stärker in den Stundenpläne verankert werden und die Realität der Lehre insgesamt verändern“, sagt Vizepräsident Kämper-van den Boogaart.

In einigen Fächern ist die Forschung aber auch ohne bologna.lab längst Teil des Regelstudiums. Jedes Jahr erforschen Studierende der Europäischen Ethnologie zum Beispiel in „Projektseminaren“ Themen wie „Männer in Garagen“ oder das Grillen auf dem Tempelhofer Feld als kulturelle Praxis. Und im Flur der Ethnologen-Büros in der Mohrenstraße 41 erzählen die Wände von einem weiteren studentischen Projekt. 4500 abgefangene Briefe von DDR-Bürgern an den West-Berliner Radiosender „Rias“ haben die Studierenden letztes Jahr ausgewertet und eine Ausstellung daraus erstellt.

Auch viele Professoren wissen das Engagement und den unkonventionellen Blick zu schätzen, den Studierende für die Forschung mitbringen. Die studentischen Mitarbeiter von Chemie-Professor Stefan Hecht zum Beispiel dürfen eigenständig neuen Molekülen nachspüren. Ein Diplom-Student im 6. Semester fand dabei sogar eine so nützliche Verbindung, dass er in einer wissenschaftlichen Publikation als einer der Autoren genannt wurde.

„Das war allerdings eine Besonderheit“, gibt Hecht zu, „es ist selten, dass Studierende zitiert werden.“ Häufiger komme es vor, dass sie in der Danksagung erwähnt werden. Dafür verwenden seine Hilfskräfte die gewonnenen Erkenntnisse aber umso häufiger für die eigenen Abschlussarbeiten. "Wenn die Arbeit begonnen wird, muss die Zeit als Hilfskraft allerdings beendet sein“, sagt Hecht. Die Person dürfe ja nicht fürs studieren bezahlt werden.

Nachwuchs-Archäologe Rolf Sporleder hat Gedanken aus seiner Bachelorarbeit in die Gruppenarbeit im Q-Kolleg einfließen lassen. Er hat seine Abschlussarbeit parallel zum Kolleg geschrieben. „Zeitlich geht das, wenn man an beidem sehr interessiert ist“, sagt er. Dass er bald schon als Bachelor-Absolvent eine offizielle wissenschaftliche Publikation auf dem Edoc-Server der HU vorweisen kann, entschädigt ihn für den Stress. Im Hintergrund läuft noch die Aufzeichnung der Videokonferenz, die beiden Gruppen verabschieden sich gerade voneinander. „Im Kolleg habe ich auf jeden Fall mehr gelernt als in normalen Seminaren“, sagt Sporleder und zeigt auf den Bildschirm: „Wo sonst kann man sich wissenschaftlich so ausprobieren?“

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