Zeitung Heute : „Beim Entengang sprangen Gelenke raus“

So brachiale Trainingsmethoden hat Armin Veh als Spieler erlebt – und gehasst. Auch bei Jürgen Klinsmann findet er einiges merkwürdig.

Herr Veh, Sie sind Trainer des Jahres 2007, haben den VfB Stuttgart zur Meisterschaft geführt und waren im Pokalfinale. Ihr Nürnberger Kollege Hans Meyer sagt allerdings: „Die Funktion des Trainers wird überschätzt.“

Das sehe ich anders. Ein Trainer ist schon eine der wichtigsten Personen im Verein. Wahrscheinlich hat Hans Meyer gemeint, dass man gelegentlich völlig hilflos ist. Das stimmt allerdings.

Was würde passieren, wenn Sie heute vor dem Spiel gegen Schalke 04 sagen: „Jungs, ich gehe. Ihr seid alt genug, macht heute mal, was ihr denkt. Stellt aber bloß nicht den Bastürk ins Tor; der ist zu klein!“

Ha! Sie glauben, meine Spieler würden dann wild auf den Tischen tanzen und sich wie Jugendliche auf dem Bolzplatz verhalten? Da unterschätzen Sie die aber. Ich bin sicher, die würden ziemlich genau die Mannschaft auf den Platz stellen wie ich auch.

Ganz sicher?

Ziemlich sicher. Manchmal teile ich Fragebögen aus, die die Spieler anonym ausfüllen. Da lasse ich Fragen beantworten wie: Wo siehst du deine Rolle im Team? Welches System bevorzugst du? Da kann man schön herausfinden: Wie ist die Hierarchie, wie sehen sich die Jungs selbst.

Trainer reden ungern über Macht und Ohnmacht ihres Berufs. Unser Verdacht ist: Der Mythos, Fußball sei ein einfaches Spiel, soll nicht zerstört werden.

Dieser Sport ist komplex, das fängt bei der Fitness an. Da gibt es tausend Wege, die zu erreichen, denn auch das Einfache ist so einfach nicht. Selbst ein exzellenter Fußballer muss immer wieder simple Dinge wie das Passspiel üben, immer wieder, immer wieder. Das müssen Nationalspieler so intensiv trainieren wie kleine Jungs.

Und die Nationalspieler maulen: Kann ich schon!

Manchmal, das ist aber Blödsinn. Im Prinzip sind die Spieler vernünftiger als meine Generation. Sie wissen: Nur wenn sie alles auf dem Platz können, ohne dabei überlegen zu müssen, sind sie frei, intuitive Dinge zu tun. Die Spieler hinterfragen auch mehr als früher. Den berüchtigten Entenlauf – in der Hocke vorwärts watscheln – bei dem uns früher fast reihenweise die Gelenke aus den Halterungen sprangen, den könnte ich nicht mehr anbieten.

Ist es schon mal vorgekommen, dass Sie etwas erklärt haben und ein Spieler hat gesagt: Stoppen Sie erst mal vernünftig den Ball!

Um Gottes Willen! Wenn mir so etwas passiert, dann könnte ich gleich nach Hause gehen und erst mal Urlaub machen.

1990 bei der WM in Italien soll Franz Beckenbauer die Autoritätsfrage dadurch geklärt haben, dass er einen von Andreas Brehme brutal angeschnittenen Ball noch übler gezwirbelt zurückgekickt hat.

Ja gut, der Franz!

Beckenbauer – Philosoph und Multigenie. Und Sie, sind Sie ein guter Trainer?

Ich bin mit Augsburg aufgestiegen, mit Reutlingen, mit Fürth. Ich bin mit Hansa Rostock in der ersten Liga geblieben, soll ich mit diesem Verein etwa in den Uefa-Cup kommen, oder was? Sehen Sie, ich kann auch ein guter Schriftsteller sein, doch wenn ich nie einen Bestseller schreibe, dann kennt mich keiner. Es kommt nicht nur auf die Wahrheit an, auch auf die Wahrnehmung.

Herr Veh, lassen Sie uns ein paar große Trainerweisheiten durchgehen. Der alte Fuchs Udo Lattek wusste: „Wenn dir der erste beim Training den Ball durch die Beine spielt, akzeptiert dich keiner mehr.“

Sie dürfen da auf gar keinen Fall mitspielen, niemals! Ich lebe doch vom Beobachten. Wenn ich im Training mitmachen würde, wäre ich nur mit mir selbst beschäftigt. Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich mich beim Üben mit den Spielern fit halte.

Im Stadion sitzen Sie auf dem Platz mit dem schlechtesten Blick. Von Branco Zebec stammt der Spruch: „Ich sehe nur Beine, Beine, Beine.“

Richtig, der Zuschauer sieht von oben wirklich alles. Auch dass 50 Meter auf der anderen Seite einer frei steht. Da fragt sich der auf der Tribüne: Warum spielt der Trottel da nicht hin? Ganz einfach: Weil dem Spieler die Sicht verdeckt ist. Ich muss es so bewerten, als ob ich selber auf dem Platz stünde, ich muss mich in der Perspektive des Spielers befinden. Deshalb sitze ich neben dem Rasen ganz gut.

Der legendäre Bobby Robson war verzweifelt: „Ich habe wochenlang mit meinen Spielern geübt, sie haben auf dem Platz wieder alles falsch gemacht. Meine Herren, ich bin ratlos.“

Wer kann schon alles im Leben erklären? Können Sie das? Und ich meine jetzt all das, was im zwischenmenschlichen Bereich abläuft – das ist ja wichtig beim Fußball. Und was, wenn wir einen unberechtigten Elfmeter gegen uns bekommen?

Trainer Klaus Augenthaler findet, das Leben sei als Spieler schöner gewesen: „Als Trainer bist du immer der Mops.“

Ja, das Problem haben wir alle.

Ottmar Hitzfeld hat mal über den Beruf gestöhnt: „Die Angst ist mein ständiger Begleiter.“ Entspricht das dem typischen Lebensgefühl eines Trainers?

Ich verstehe, wie er das meint. Aber ich würde es so jetzt nicht ausdrücken. Angst? Nein. Man muss selber wissen, dass es auch noch ein Leben ohne Fußball gibt. Ich mache mich nicht abhängig.

Spieler erleben den Fußball anders als der Trainer. Ein Nationalspieler bekannte mal, er habe oft schon nach den ersten ein, zwei Ballberührungen gewusst, ob das Spiel gut läuft oder vergeigt wird.

Man hat schon ein Gespür dafür, ja sicher. Ich sehe manchmal an der Art, wie sie auf den Platz laufen, ob es gut geht oder nicht. Teilweise merke ich das bereits an ihren Gesichtern, wenn sie zur Kabine reinkommen. Oft lässt sich an den Augen ablesen, wie konzentriert sie sind. Oder eben nicht.

Was tun Sie dann?

Reden. Wenn nötig, auch mal laut werden. Was den körperlichen Zustand angeht, da hast du jetzt keine Chance mehr. Da kannst du nichts mehr ändern. Du hast einen Gegner, der das Gleiche will wie du: Siegen. Was ist denn, wenn der Gegner auch alles richtig macht?

Null zu Null, Unentschieden.

Nein, falsch! Dann kommt es auf die Qualität der Spieler an. Die entscheidet auf Dauer ohnehin immer. Man kann aus einer guten Mannschaft sicherlich eine bessere machen, aber langfristig entscheidet immer die Qualität der einzelnen Spieler. Darum wird Bochum auch nicht viermal hintereinander Deutscher Meister.

Der AC Mailand hat den Fußball zur Wissenschaft gemacht. Die Italiener testen in einem Geheimlabor bis hin zur Knochendichte ihrer Spieler alles.

Die Gesundheit des Spielers ist das Wichtigste. Das ist unser Kapital. Was der AC Mailand da macht, ist schon enorm. Die waren mit uns jetzt im Trainingslager in Dubai – und hatten sogar zwei eigene Köche dabei, die haben ihren eigenen Parmesankäse mitgenommen, biodynamischen. Was ich sagen will: Man kann alles optimieren, man muss es aber auch bezahlen können.

Der Fußball ist trotzdem eher konservativ. Als Jürgen Klinsmann mit amerikanischen Fitnesscoachs und bunten Gummibändern ankam, hat die ganze Fußballwelt große Augen gemacht.

Also, die ganze Aufregung habe ich schon damals nicht verstanden. Als ob das Neuheiten gewesen wären! Die Amerikaner mit ihren Bändern, damit habe ich bei Mönchengladbach trainiert. 1978 war das! Und 30 Jahre später wird das als Weltneuheit verkauft. Das lernst Du in Amerika: Verkaufen.

Als Spieler haben Sie Ihrem Trainer nie richtig zugehört, heißt es.

Ja, wenn ich einen nicht akzeptiert habe. Da waren schon ein paar echte Zauberer dabei. Ach, die brachten immer die gleichen Sprüche: „Männer, Ihr müsst Gras fressen!“ Diesen Quatsch kann doch kein Mensch mehr hören!

Die Kabinenansprachen von Jürgen Klinsmann waren auch nicht gerade was für Feingeister.

Wenn jemand glaubt, dass wir als Bundesligatrainer jede Woche so arbeiten könnten, dann sage ich: So einfach ist es nicht.

In dem Film „Sommermärchen“ von Sönke Wortmann haben Millionen gesehen, wie Klinsmann sein Team motiviert hat: „Capitano, hau den Polen weg!“ – „Die macht ihr platt!“ Das hat einen Mythos zerstört, viele waren entsetzt.

Das wird in dem Film ziemlich zugespitzt. Als Trainer arbeiten Sie normalerweise längerfristig. Da kann ich nicht jeden Tag schreien: Jungs, die hauen wir weg! Meine Spieler halten mich doch irgendwann für bescheuert.

Gibt es rettende Pausenansprachen überhaupt?

Viel Zeit haben Sie ohnehin nicht, nicht mal die offizielle Viertelstunde. Ein paar Minuten brauchen die Jungs, um runterzukommen. Als Trainer haben Sie in dieser kurzen Zeit nicht viel Einfluss. Es geht darum, möglichst prägnant ein paar Dinge anzusprechen. Ich nenne Ross und Reiter. Alles andere habe ich selbst früher gehasst wie die Pest.

Drohen Sie in der Halbzeit: Wenn du nicht vernünftig weiterspielst, bist du in zehn Minuten draußen!

Nein, nie.

Auswechslungen werden generell nicht gerne gesehen von den Spielern.

Sicher nicht, wer will schon gerne früher vom Platz, wenn er sich noch fit fühlt. Das ist ein Problem. Während des Spiels habe ich keine Zeit, dem Spieler zu erklären, warum ich ihn vom Feld genommen habe. Nach dem Spiel eigentlich auch nicht, da muss ich sofort zu den Medien …

Da sitzt dann ein ausgewechselter Spieler den ganzen Abend zu Hause und denkt: So ein Scheißtrainer!

Ich kann’s auch nicht ändern.

Hat noch nie einer bei Ihnen zu Hause angerufen und erbost gefragt: Trainer, warum hast du mich so früh rausgenommen? Warum lachen Sie?

Die haben ja meine Nummer nicht. Die ist geheim.

Jürgen Klinsmann hat als Bayern-Spieler mal nach einer Auswechslung aus Wut eine Werbetonne kaputt getreten.

Ja, da war er auch noch jünger, jetzt ist er ja bedeutend ruhiger geworden, wie man gesehen hat.

Sie haben mal einen erstaunlichen Satz gesagt, 90 Prozent eines guten Trainers sei Charakter, nur zehn Prozent sei Wissen.

Nein, nein, da ging es um Führungsqualitäten. Da sage ich, Charakter ist wichtiger als das Wissen.

Spürt man als Trainer, wenn die fristlose Kündigung naht? Hans Meyer hat es so beschrieben: „Die Spieler schauen einem nicht mehr in die Augen, und wenn die Mannschaft ein Tor schießt, dann springt der Co-Trainer erst mit zwei Sekunden Verspätung in die Höhe.“

In solchen Situationen schießt die Mannschaft aber oft gar kein Tor mehr, da kann der Co-Trainer ruhig sitzen bleiben.

Halten Sie denn den Fußball von Ihrer Familie fern?

Na ja, ich ertappe mich dann und wann, dass ich mit meiner Frau darüber spreche. Meistens dann, wenn wir mit dem Hund spazieren gehen. Danach, sage ich im Stillen zu mir: Bist du eigentlich bekloppt! Jetzt sprichst du schon mit ihr über das Spiel, obwohl sie eigentlich keine Ahnung hat. Also wirklich. Mit meiner Frau über Fußball zu reden, das ist ja das Größte.

Fragt sie manchmal: Warum hast du nicht den Cacau von Anfang an gebracht, warum rennt Gomez immer auf den kurzen Pfosten?

Nein, nein, das hat sie ja schon gelernt, dass sie mir mit so etwas nicht kommen darf. Wobei Frauen teilweise schon Dinge denken und sehen, da würde unsereiner nie draufkommen. Meine Frau sieht oft sehr gut, mit welcher Körpersprache ein Spieler rumläuft. Und dann denke ich mir, ja, das stimmt eigentlich, das hätte mir auffallen müssen.

Sie sollten mehr auf Ihre Frau hören.

Ab und zu wäre es schlauer. Ab und zu! Irgendwann haben wir Männer sonst nichts mehr zu sagen. Sie merken, ich bin da von der alten Schule.

Haben Sie eigentlich gemerkt, dass die deutschen Frauen den WM-Titel geholt haben und die Männer nicht, Herr Veh?

Natürlich. Obwohl man nach dem Spiel um den dritten Platz im Jahr 2006 den Eindruck gehabt hat, dass auch die Männer Weltmeister geworden sind.

Eine schlechte Nachricht für Sie: Sie können sich als Trainer anstrengen wie Sie wollen, ein Professor aus Augsburg hat alle Spiele der WM 2006 untersucht und kam zu dem Ergebnis: 40,8 Prozent der Tore sind zufällig entstanden, abgefälscht, abgeprallt. Alles Zufall!

Das ist eine typisch fachfremde Analyse des Professors. Was soll denn das? Wissen Sie, vieles sieht wie Zufall aus, entspringt aber einer zielgerichteten Aktion. Das bei einem Torschuss der Ball abgefälscht wird und deshalb reingeht – ist das Zufall? Nein, ist es nicht.

Statistiker sagen, die Mannschaft, die nur 40 Prozent Ballbesitz hat, gewinnt in der Regel.

Ach, ich werd’ verrückt! Sie mit Ihren Zahlen. An den ganzen Statistikquatsch glaube ich ohnehin nur in Ausnahmefällen.

Glauben Sie denn an die Noten im „Kicker“ und in Boulevardzeitungen?

Nein, aber ich komme nicht daran vorbei. Sie glauben das nicht, aber das ist wirklich so. Ich muss mich tatsächlich mit diesen blöden Noten befassen, weil meine Spieler sie so wichtig nehmen. Die gucken ständig danach. Ich sage denen manchmal: Guckt doch nicht hin, die Journalisten geben die Noten doch eh schon meist in der Halbzeit durch. Mein Reden hilft nicht viel.

Gibt es für Sie schöne Niederlagen?

Schöne Niederlagen? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?

Sie sind ein merkwürdiger Mensch, Herr Veh. Sie wollten immer Verträge über ein Jahr. Ihre Kollegen unterschreiben lieber für vier Jahre, lassen sich nach acht Monaten rauswerfen und kassieren ordentlich.

Ich finde kurze Verträge fairer. Der Verein zahlt sich nicht zu Tode, und ich habe meine Freiheit. Weiß ich denn, ob ein neuer Manager kommt, mit dem ich nicht kann? Was nützt dann mein langer Vertrag? Außerdem verdienen wir Trainer so viel Geld, wir brauchen keine Abfindung.

Sie sind so gut, der Dalai Lama des Fußballs.

Nein, nein. Ich kann Ihnen aber sagen, was ich überhaupt nicht leiden kann: Wenn einer einen Vertrag unterschreibt und nach einem Vierteljahr jammert: Ich will zu einem anderen Klub wechseln! Ich will mehr Geld! Was ist das denn für eine Moral?

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