Zeitung Heute : Beim Essen denken

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man Diabetes verhindert

Hartmut Wewetzer

Die Steinzeit beginnt gleich unterm Hemd. Beim Bauch. Den haben wir nämlich in gewisser Weise von unseren Vorfahren geerbt. Die Veranlagung fürs Fette stammt aus jener Epoche, als die Menschen von Beeren, Kräutern und gelegentlichen Fleischrationen leben mussten. Als es überlebenswichtig war, Energie in Form von Fett zu speichern. Heute tun wir des Guten zuviel. Völlerei und Trägheit lassen uns schwerer und schwerer werden. Die Folge: eine wachsende Zahl von Zuckerkranken. 2010 soll weltweit jeder Zehnte an Diabetes leiden.

„Die Entstehung eines Typ-2-Diabetes kann aufgehalten werden!“ Mit diesen Worten rüttelt der Diabetes-Experte Baptist Gallwitz von der Uni Tübingen im Fachblatt „Der Internist“ seine Kollegen auf. Typ-2-Diabetes ist die häufigste Form der Zuckerkrankheit. Er beruht auf zwei Mechanismen, die beide mit dem blutzuckersenkenden Hormon Insulin zu tun haben. Insulin sorgt dafür, dass der „Brennstoff“ Traubenzucker (Glucose) aus dem Blut in die Zellen kommt. Beim Typ-2-Diabetes nun stumpft der Körper gegen das Insulin ab. Es wirkt nicht mehr. Zugleich erschöpft sich die Bauchspeicheldrüse. Der Blutzucker steigt und steigt, weil er nicht dorthin kommt, wo er hingehört – in die hungrigen Körperzellen. Spätfolgen des Diabetes sind Herzinfarkt, Sehstörungen, Fußamputation, Nierenversagen.

Trotzdem ist der Mediziner Gallwitz optimistisch. „Wer ein hohes Diabetesrisiko hat, kann durch die Änderung seines Lebensstils die Gefahr drastisch senken“, sagt er. Änderung des Lebensstils, das heißt: Abspecken, auf gesunde Ernährung umstellen und Sport treiben.

Studien bestätigen das. Sie erfolgten an Patienten, die noch nicht zuckerkrank waren, aber kurz davor standen. Ihre Fähigkeit, Traubenzucker zu verstoffwechseln, war schon herabgesetzt. Die Ärzte sprechen von „gestörter Glucose-Toleranz" – die Vorstufe von Diabetes. Wenn diese Risikopatienten sorgfältig geschult werden (Diät, Ernährungsumstellung, Bewegung), dann sinkt die Gefahr, dass tatsächlich Diabetes ausbricht, um fast 60 Prozent. „Jedes Jahr ohne Diabetes ist ein gewonnenes Jahr“, sagt Ursula Plöckinger, Leiterin der Diabetes-Ambulanz an der Berliner Charité.

„Viele Menschen schalten beim Essen den Kopf ab“, kritisiert die Ärztin. „Sie wissen zwar, welches Benzin in ihr Auto gehört. Welcher Flug nach Mallorca der Billigste ist. Was ihr PC alles eingebaut haben sollte. Aber woraus Nahrung besteht und ob sie gesund ist – darüber wissen sie nichts.“ Plöckinger fordert deshalb, dass schon Schulkinder mehr über Ernährung lernen sollten. Damit wir endlich die Steinzeit verlassen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben