Zeitung Heute : Beim Kricket mitfiebern

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

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Als ich vor einigen Jahren mal einen langen, verregneten Sommer in Großbritannien verbrachte, wurden im Fernsehen ständig LiveÜbertragungen von drei Sportarten gezeigt. Schwer zu sagen, welche am langweiligsten war: Billard, Darts oder Kricket. Wahrscheinlich war es Kricket. Im Gegensatz zu den anderen beiden Sportarten verstand ich nämlich auch nach Wochen die Regeln nicht einmal im Ansatz. Wieso meine Mitbewohner jede Bewegung auf dem Spielfeld erregt kommentierten, blieb ein Rätsel. Wenn mir damals einer gesagt hätte, dass ich eines Tages in einem Kino das wahrscheinlich längste Kricket-Match der Filmgeschichte verfolgen würde und dabei vor Spannung ganz vorn auf der Sitzkante säße, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Der Film heißt „Lagaan" und ist ein bezauberndes Meisterwerk aus Indien. Er spielt Ende des 19. Jahrhunderts und erzählt, wie sich ein Dorf gegen die britische Tyrannei stellt. Man einigt sich auf ein alles entscheidendes Kricket-Match: Gewinnen die Inder, müssen sie drei Jahre lang keine Abgaben mehr zahlen, verlieren sie, bedeutet das ihren wirtschaftlichen Ruin. Neben dem Kricket-Spiel ist der Film - wie es sich für einen Bollywood-Schinken gehört - randvoll mit großen Gefühlen und dramatischer Handlung. Er verbindet Politik und Liebe, Sport, Religion und Kolonialgeschichte so kunstvoll miteinander, dass es eine Freude ist. Und nebenbei wird noch mal schnell das antiquierte Kastensystem abgeschafft. Natürlich ist „Lagaan" nichts für Kitsch-Allergiker. Vor allem in den Liebes- und Tanzszenen, von denen es viele gibt, ist er schwülstiger als jeder Disney-Film. Und wenn die britischen Kolonialherren ihr Fett abkriegen, ist „Lagaan“ kämpferisch wie ein Propagandafilm. Aber irgendwie macht das auch Spaß: Letzte Woche im fast ausverkauften Balazs-Kino klatschte das Publikum bei jedem gelungen Kricket-Spielzug der Inder und stöhnte, wenn die Briten einen Punkt bekamen. So kurzweilig und unterhaltsam war schon lange kein Film mehr - und schon gar keiner, der 225 Minuten lang ist. Da macht es auch nichts, dass „Lagaan" nur in Indisch mit englischen Untertiteln gezeigt wird. Dank der ausdrucksstarken Gestik und Mimik der Schauspieler weiß man auch ohne jedes Wort, was sie meinen. Die Kricket-Regeln habe ich allerdings immer noch nicht verstanden.

Um nach dieser Dosis Bollywood einen etwas realistischeren Blick auf Indien zu bekommen, sollte man unbedingt das Buch „Das Gleichgewicht der Welt" lesen. Der in Bombay geborene Kanadier Rohinton Mistry erzählt darin die Lebensgeschichten von vier Menschen, die im Bombay der siebziger Jahre versuchen, trotz Armut und Willkür der Regierung ein erträgliches Leben zu leben. Sehr empfehlenswert, aber auch sehr deprimierend. Wer statt 800 Seiten indischem Realismus dann doch lieber weiter in Bollywood-Träumen schwelgen möchte, ist in diesen Tagen übrigens im Arsenal-Kino richtig: Dort läuft noch bis Ende August die Filmreihe „Bollywood in Berlin“. Lars von Törne

„Lagaan" läuft täglich um 19 Uhr im Balazs-Kino; Bollywood-Reihe im Arsenal; Rohinton Mistry: „Das Gleichgewicht der Welt“, Fischer-Verlag, 9,90 Euro.

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