Zeitung Heute : Beim nächsten Mal wird alles besser

Jeder sechste Gründer, der scheitert, steckt den Kopf nicht in den Sand, sondern versucht es erneut

Regina-C. Henkel Roland Koch

Mehr als 4,3 Millionen Menschen sind in Deutschland derzeit arbeitslos gemeldet, aber nicht immer kommen sie aus einer Festanstellung. Im Gegenteil: Tag für Tag geben mehr als Tausend Unternehmer ihre berufliche Selbstständigkeit auf und viele von ihnen reihen sich in die Warteschlangen bei den Arbeitsagenturen ein. Dabei hängt ihnen hierzulande ein ganz besonderer Makel an. Wer ein Unternehmen in den Sand gesetzt hat, wird oft als Versager stigmatisiert.

Dass diese Einschätzung in vielen Fällen falsch ist, zeigt jetzt eine Studie des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM): Wer beruflich schon einmal versagt hat, besitzt danach bei einem zweiten Versuch durchaus das Potenzial für einen größeren wirtschaftlichen Erfolg als diejenigen Gründer, bei denen bislang alles relativ glatt gelaufen ist. „In weitaus mehr Fällen als bisher angenommen – zwischen 50 000 und 90 000 Mal im Jahr – rappeln sich vormals gescheiterte Geschäftsleute wieder auf“, heißt es im „Restarter-Report“ der privaten Stiftung. Und: Nach Erkenntnissen der IfM-Forscher kommen „Wiederholungsgründer“ auf ein deutlich höheres Einkommen als Erstgründer: Sie erzielen plus 30 Prozent.

Schwieriger wird es der Studie zufolge wohl erst, wenn die Gründer es ein drittes oder viertes Mal probieren: Sie kämen dann meist nur noch auf ein Einkommen von rund 45 Prozent dessen, was Erstgründer erwirtschaften.

Zwischen elf und 18 Prozent der Unternehmer waren schon einmal mit einem Betrieb gescheitert. Für die Bonner Forscher sind Neustarter damit kein randständiges Phänomen. Im Gegenteil: „Sie stellen einen beachtlichen Anteil der Selbstständigenpopulation.“ Obwohl sie von Banken und Behörden wie „ungeliebte Kinder“ behandelt würden, seien sie damit auch eine „überaus ernst zu nehmende Wachstumsreserve.“

In der anglo-amerikanischen Wirtschaftsphilosophie wird ein unternehmerisches Scheitern schon seit langem auch als Erfahrungsschatz gewertet. Die Mittelstandsforscher sprechen sich jetzt für eine Aufklärungskampagne aus, die der „weitverbreiteten Unterstellung entgegenwirkt, dass gescheiterte Unternehmer zukünftig nicht erfolgreich ein Unternehmen führen können.“

Um den ein Mal Gescheiterten einen unternehmerischen Neubeginn zu erleichtern, mahnen die IfM-Forscher vor allem wirtschaftspolitische Korrekturen an: Zwar dürfe man die Interessen von Gläubigern nicht vernachlässigen. Aber eine Regelung der Restschulden aus der ersten Selbstständigkeit dürfe den Neustart nicht unmöglich machen.

Deshalb müsse ein Minimum an Startkapital und der Schutz des Betriebskapitals vor Vollstreckungen gewährleistet sein. „Da der Neustart auch im Interesse der Gläubiger ist, darf die Liquidität des Restartunternehmens nicht durch alte Zahlungsverpflichtungen gefährdet werden“, sagt Gunter Kayser, der IfM-Geschäftsführer.

Doch die Mittelstandsforscher warnen auch: Die Schlussfolgerung, dass aus Erfahrung klug gewordene Unternehmer die besseren Firmenchefs seien, sei so naheliegend wie falsch. Ob die Gründung eines eigenen Betriebs die eigene Existenz – und möglicherweise auch noch die von angestellten Mitarbeitern – sichern könne, hänge von einer ganzen Fülle von Faktoren ab. Dazu gehört die Qualität der fachlichen Vorbereitung genauso wie die eigene mentale Einstellung gegenüber einem unternehmerischen Risiko, die Höhe des benötigten Startkapitals ebenso wie die richtige Standortwahl.

Auch Unternehmer, die schon einmal gescheitert sind, leisten also einen beachtlichen Beitrag zum Gründungsgeschehen hierzulande – und sie haben Erfolg wie Erstgründer. Jetzt müssen die Erkenntnisse der Mittelstandsforscher nur noch erhört werden.

Im Rahmen der Initiative „pro Mittelstand“ bietet auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit Restartern Informationen an: www.existenzgruender.de. Das Institut für Mittelstandsforschung hat die Internet-Adresse: www.ifm-bonn.org.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar