Zeitung Heute : Beim Sex ist Bush Europäer

Von Martin Kilian

-

Da sitzen Sie also, beim EdelItaliener um die Ecke, vor Ihrem riesigen Teller, darauf ein eher untergewichtiges Duo von Erbse und blanchiertem Fenchel, daneben eine Mini-Kartoffel sowie elf Gramm Lammfleisch. „Weniger ist mehr“, denken Sie als europäischer Ästhet – und zahlen für müde 120 Kalorien 30 Euro.

Gestatten Sie, dass ich mich darüber amüsiere.

In den Vereinigten Staaten denkt man etwas anders, etwas größer, so etwa vorletzte Woche beim Erntedankschmaus, als ein „Turducken“ gereicht wurde. Es handelt sich hierbei um eine Megatonnage Cholesterin, ja, um eine Portion Fleisch für Sumo-Ringer. Denn in einen Truthahn wird eine Ente gestopft, in die Ente wiederum ein Huhn, worauf das Trio vereint in den Ofen wandert. Als Präventivschlag gegen Sodbrennen wirft man, während das Geflügel schmort, ein vorbeugendes Medikament ein, und nachher, wenn der „Turducken“ mitsamt einer Lastwagenladung Kartoffelbrei, Süßkartoffeln und Preiselbeeren verzehrt worden ist, weiß der Schlemmer, dass er mal wieder die amerikanische Ur-Devise beherzigt hat: „Mehr ist mehr.“

Jawohl, mehr ist mehr, daran gibt es nichts zu rütteln, weshalb etwa der Versuch irgendwelcher Renegaten aus dem Bundesstaat Virginia, das traditionelle amerikanische Erntedankfest umzupolen und lediglich mit gerösteten Austern sowie einem kleinen Schinken zu begehen, unweigerlich zum Scheitern verurteilt ist. Mehr ist mehr, wie jedes amerikanische Büffet zeigt, bei dem auf einer Länge von zig Metern nahezu alles lockt, was verdaut werden kann – und obendrein gilt, dass Nachfassen erlaubt ist, bis die Kaumuskeln erlahmen.

„Mehr ist mehr“ äußert sich folglich auch beim Leibesumfang des Homo americanensis, dessen Pfunde derart wuchern, dass beispielsweise das Startgewicht amerikanischer Jets jährlich neue Rekordmarken erreicht und die Leibesfülle der Passagiere die Kerosinkosten der Fluggesellschaften mächtig in die Höhe treibt. Weil mehr immer mehr braucht, steigen die Amerikaner in riesige „Sport Utility Vehicles“, wie die vierradgetriebenen Ungeheuer der Straße genannt werden, deren ausladende Sessel auch ein XXL-Hinterteil liebevoll umfassen. Über Autos wie das Ihrige mit seinen winzigen Sitzen, beengenden Türen, seinem Moped-Motor und lächerlichem Radio mit zwei Watt und einem Lautsprecher würde hier zu Lande gelacht. So etwas steht in amerikanischen Kinderzimmern zur Erbauung von Vorschülern.

Und nun werden Sie ja nicht arrogant! Nein, uns interessiert das „Filigrane“ nicht. Und die Ästhetik des „weniger ist mehr“ erscheint uns lachhaft. Überhaupt ist die europäische Miniaturisierung der Bedürfnisse Hauptgrund für die lahmen Wirtschaften des Kontinents. Lächerliche Autos und lächerliche Wohnungen, sowie lachhafte Portionen für extrem teures Geld: Solcher Minimalismus mag in der Musik hingehen, nicht aber im Leben. Prall soll dieses sein, amerikanisch eben, weil mehr zweifelsfrei mehr ist.

Nur beim Sex nicht. Beim Sex zählt hier zu Lande, dass weniger mehr ist und die Abstinenz das Meiste. Warum? Fragen Sie nicht: Es handelt sich hierbei um einen der unergründlichen Widersprüche in der Spätphase des Kapitalismus. Die Regierung Bush jedenfalls empfiehlt amerikanischen Teenagern immer lauter sexuelle Enthaltsamkeit. Nicht einmal Kondome sind erlaubt. Nein, in diesem Fall ist nichts am meisten – was vollkommen un-amerikanisch ist und das philosophische Fundament des Amerikanismus gefährlich untergräbt. Beim Sex vertritt die Regierung Bush mithin die europäische Position, wenngleich die dortigen Zustände eher bedenklich stimmen. Denn die Europäer sterben ja aus. Womit weniger eben nicht mehr, sondern letztendlich überhaupt nichts mehr ist – kein Sex, keine Kinder, folglich Untergang des Abendlandes.

Da gefällt die amerikanische Variante besser. Also her mit dem nächsten „Turducken“!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar