Beispiel Marshallplan : Not kennt ein Gebot

Hermann Rudolph

Gedenktage sind in Deutschland fast immer Nachdenktage, gespickt zumeist mit bitteren Lektionen. Auch dieses Jahr bietet genug davon, vom Brand des Reichstags im Februar 1933 bis zum November-Pogrom 1938. Da tut ein Datum wie der heutige 3. April gut, denn auf diesen Tag fällt die Erinnerung an ein Ereignis, das in der deutschen Geschichte ohne Einschränkungen positiv zu Buche geschlagen hat. Vor sechzig Jahren nämlich unterzeichnete der amerikanische Präsident Truman den Marshallplan. Das großherzig konzipierte Programm trug entscheidend dazu bei, den Westteil des gebeutelten Nachkriegsdeutschland auf Erfolgskurs zu bringen. Sechzehn Länder waren es schließlich, denen die amerikanische Hilfe zugutekam. Ohne sie wäre die Nachkriegsgeschichte anders verlaufen.

Inzwischen ist der Marshallplan, genannt nach dem amerikanischen Außenminister, auf den er zurückgeht, zu einem großen Mythos geworden. Längst besetzt er den Rang des zeitgemäßen strategischen Problemlösers, der den Weltbürgern von heute einfällt, wenn sie konfrontiert sind mit den chronischen Nöten und den vielfältigen Katastrophen, die unseren Planeten belagern. Weshalb er auch immer wieder beschworen wird: Ein Marshallplan sollte Osteuropa nach dem Ende des Kommunismus wieder auf die Beine bringen. Er bedeutete, vielleicht, die Befreiung Afrikas aus der Spirale von Unterentwicklung und Selbstzerstörung. Unlängst haben amerikanische Verteidigungspolitiker ihn als Waffe gegen den Terrorismus entdeckt. Und seit Anfang der neunziger Jahre Al Gore den Gedanken eines „Marshallplans für die Erde“ in die Welt setzte, kreisen alle möglichen Überlegungen um einen „Global Marshall Plan“.

Der Blick zurück ist allerdings auch geeignet, vor allzu vielen Hoffnungen zu warnen. Sehen wir davon ab, dass der Mythos der Marke Marshallplan sich nicht zuletzt der Neigung verdankt, das Unternehmen ein bisschen edler zu reden als es war – die Amerikaner dachten nicht nur an die Deutschen, sondern auch an sich selbst, an ihre Märkte und ihre Sicherheit –, so war damals fast alles anders als heute. Die Programme galten Ländern, die zwar zerstört, aber von ihren Strukturen her in der Lage waren, sie aufzunehmen und produktiv umzusetzen. Das „European Recovery Program“, wie der Marshallplan offiziell hieß, hatte hier wirklich etwas wiederherzustellen, wieder aufzurichten. Es traf auf Gesellschaften, in denen die bereitgestellten Kredite, Rohstoffe und Lebensmittel nicht ins Leere fielen, die vielmehr nach ihnen griffen, sich an ihnen und mit ihnen aus dem Sumpf ziehen konnten, weil ihre wirtschaftlichen Mechanismen dafür geeignet waren. Und die die Furcht vor dem Kommunismus – notabene: zwei Monate später begann die Luftbrücke! – im Schnellverfahren zu gutwilligen Westeuropäern machte.

Kann also, was damals half, heute in Afghanistan oder Iran helfen? Nützt es Afrika, diesem Fass ohne den Boden verlässlicher politischer Strukturen? Aber dass dafür wenig spricht, lenkt ja angesichts der Realitäten in den Problemregionen der Welt den Blick nur auf die Frage: Wie ist ihnen dann zu helfen? Das Beschwören von Marshallplänen kann heute nur die Notwendigkeit ausdrücken, darüber nachzudenken, wie Marshallpläne, also Hilfen zu Sanierung und Stabilisierung in desaströsen Verhältnissen, heute bewerkstelligt werden können. Mit Geld? Mit Entwicklungshilfe? Mit weltweit angelegten Strategien? Gewiss, damit hört die Debatte nicht auf, damit fängt sie an.

Doch notwendig ist sie. Und ihr kommt zupass, dass trotz veränderter Umstände die herbe Logik, die auch den Marshallplan bestimmte, nach wie vor gilt: Wer nichts gegen Not, Unterentwicklung und zerbrochene Strukturen tut, der bekommt ihre Folgen früher oder später vor der eigenen Schwelle abgeladen – sei es in Gestalt politischer Konflikte, sei es qua Umweltschäden oder Terrorismus. Am Marshallplan kann man lernen, dass sich Generosität und aufgeklärtes Eigeninteresse nicht ausschließen müssen. Die Lektion dieser Initiative heißt: Großherzigkeit zahlt sich aus.

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