Zeitung Heute : Bekifft am Drücker

Von Martin Kilian

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Heute aus gegebenem Anlass ein thermonuklearer Unterhaltungsabend. Vom Stereo dröhnt der Song „Atomic Dog“ des Über-Funksters George Clinton, und gleich werde ich Sun Ras’ Atom-Knaller „Nuclear Age“ auflegen: „Wenn sie den Knopf drücken / ist dein Arsch am Ende“. Mitten im Märzen (wenn der Bauer die Rösslein einspannt!) wird einem dabei richtig warm.

Noch heißer aber ging es letzte Woche in Neu Delhi zu, wo G.W. Bush ein formidables Loch in den Atomwaffensperrvertrag sprengte, indem er Hindu-Megatonnage absegnete. Gestatten, dass ich mir den Schweiß von der Stirne wische. Da der liebe Gott in allen seinen Manifestationen mal wieder in Mode ist, werden die Bomben nun nach Religionszugehörigkeit verteilt. Die Christen haben bis auf weiteres die meisten Böller. Amerikanische Fundis und Evangelikale, Methodisten, Presbyterianer, Lutheraner, versprengte Sekten und Katholiken sitzen kollektiv auf 10 000 Sprengsätzen.

Hoffentlich gerät niemand in Versuchung, mit unlauteren Mitteln die Wiederkehr Jesu zu beschleunigen. Dem Vernehmen nach soll sich Madonna bereits für eine Villa am Galiläischen Meer interessieren, damit sie dort die Ankunft des Messias erleben kann. Die jüdische Bombe gibt es natürlich auch. Sie wird totgeschwiegen, aber wir sind im Bilde. Pakistan feiert die islamische Bombe, doch handelt es sich dabei um einen strikt sunnitischen Mega-Kracher. Weshalb in Iran die Mullahs um das Lagerfeuer ihres lodernden Fanatismus lümmeln und nach einer schiitischen Bombe gieren.

G. W. Bush findet die Hindu-Bombe famos, die der Schiiten hingegen nicht, wenngleich sogar die Gottlosen in Peking die Bombe haben. Desgleichen die Orthodoxen in Russland, obschon unklar ist, ob Popen und Patriarchen an den endzeitlichen Knöpfen hantieren dürfen. Selbst die Labilen besitzen ein Arsenal von Bomben, oberhalb des 38. Breitengrads auf einer gewissen Halbinsel in Asien. Frankreich führt die katholische Bombe ins Feld. Großbritannien die anglikanische. Und Texas hat Anna Nicole Smith, auch eine Bombe.

Kein Wunder, dass Bob Dylan seit 1963 prophetisch krächzt, bald werde „ein harter Regen“ fallen. Während das thermonukleare Songfest mein Wohnzimmer erfüllt, durchfährt es mich plötzlich: Wo ist meine Bombe, wo die Bombe der Agnostiker? Was ist mit uns, den Unwissenden? Wir wollen ebenfalls mit angereichertem Uran zündeln! Ein Pfund Plutonium für uns! Hallo? Dr. Qadeer Khan? Könnten Sie uns Agnostikern vielleicht ein paar müde Zentrifugen dealen? Aus pakistanischen Beständen? Wir wollen nicht hintanstehen, wenn sich die Strenggläubigen aller Schattierungen in die Luft sprengen!

Übrigens duldet die Welt eine skandalöse Palette atomarer Diskriminierung: Zen-Mönche besitzen nachweislich keine Sprengköpfe. Baha’is ebenfalls nicht. Auch die Anhänger des zoroastrischen Glaubens sind nuklearen Erpressungsversuchen schutzlos ausgeliefert. Sie atomar aufzurüsten, ist tabu, da Iran dann über drei Bomben verfügte: die schiitische, die der Baha’is sowie die zoroastrische. Den Santeria-Jüngern auf Kuba kann andererseits guten Gewissens kaum die Bombe verwehrt werden. Den Voodoo-Haitianern gleichfalls nicht. Und erst recht nicht den Rastafarians. Bekifft am Drücker! Angereichertes Ganja, Baby! Eine potente Waffe, deren mentale Reichweite unbegrenzt ist.

Nicht zuletzt zum Schutz der Jugend fordere ich deshalb im Namen unseres großen Vordenkers Thomas Henry Huxley die Bombe für Agnostiker! Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß: Darin liegt die Garantie, dass nur – ich wiederhole! – nur Agnostikern erlaubt sein sollte, den thermonuklearen Kreislauf in Gang zu setzen. Andernfalls werden monotheistische Cowboys den Planeten abfackeln.

Schon mal „Purple Rain“ von Prince gehört? Das wird verdammt ungemütlich, wenn der Regen violett vom Himmel tropft. Also her mit der Agnostiker-Bombe!

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