Zeitung Heute : Belfast Krieg und Frieden in

Ire oder Brite, Katholik oder Protestant? In Stuart Nevilles Krimis ringt Nordirland mit den alten Fragen. Wenn der Autor heute durch Belfast läuft, staunt er oft: Man kann hier jetzt einfach Kaffee trinken

Krieg. Eine Hauswand im protestantischen Viertel um die Shankill Road zeigt ein Gemälde, das den bewaffneten Kampf gegen die irischen Nationalisten verherrlicht. Fotos: Deidre Brennan/Redux, Mauritius Images
Krieg. Eine Hauswand im protestantischen Viertel um die Shankill Road zeigt ein Gemälde, das den bewaffneten Kampf gegen die...Foto: Deirdre Brennan/Redux

In Großbritannien heißt sein Buch „The Twelve“ – und das ist kein Zufall. Mit dem deutschen Titel („Die Schatten von Belfast“) oder dem amerikanischen („The Ghosts of Belfast“) hätte es nämlich keiner gekauft, glaubt Stuart Neville. In London, Birmingham und sogar in Nordirland selbst hätten die Leute den Krimi dann nicht mal für einen zweiten Blick aus den Regalen der Buchhandlungen genommen. „Für viele hier“, sagt der Schriftsteller, „ist der Name Belfast ein Abtörner“.

Denn wer ihn hört, denkt noch immer an den Nordirland-Konflikt, und mit diesem Konflikt haben die Briten lange genug, zu lange leben müssen – von 1969 bis 1998, als die „troubles“, wie die blutigen Auseinandersetzungen mit mehr als 3000 Toten genannt werden, dank des Karfreitagsabkommens ein Ende fanden.

Hat Belfast seinen Ruf verdient?

Nein, sagt Stuart Neville, früher nicht und heute schon gar nicht: „Seit dem Friedensschluss hat sich die Stadt stark verändert.“ Man glaubt es ihm sofort, denn Neville ist kein Lokalpatriot. Das würde auch gar nicht passen zu der abwägenden, leise-ironischen und ein bisschen brummigen Art des 39-Jährigen. Mal abgesehen davon, dass der Schriftsteller zwar ständig in Belfast zu Besuch, eigentlich aber im kleinen Armagh 60 Kilometer weiter südlich zu Hause ist. Dort ist er aufgewachsen, dort hat er seine Frau kennengelernt, dort hat er – das Musikstudium in Manchester ausgenommen – sein ganzes bisheriges Leben verbracht.

Neville hängt auch keinen Illusionen über die neue Zeit an. In „Die Schatten von Belfast“ zeigt er eine Stadt, die zwar im Frieden angekommen ist, den Krieg aber noch lange nicht vergessen hat. Viele der Paramilitärs von einst sind nun Kleinkriminelle oder Bandenmitglieder. Und aus den mächtigen IRA-Männern, die in der Vergangenheit angeblich den irischen Freiheitskampf unterstützten, dabei jedoch vor allem eigene Interessen verfolgten, sind einflussreiche Politiker geworden – an ihrer ganz persönlichen Agenda hat sich indes nicht viel verändert. Im Mittelpunkt des vielgelobten Romans (die „Los Angeles Times“ wählte ihn zum besten Thriller 2010) steht Gerry Fegan, ein IRA-Mann, der für die Bosse früher die Drecksarbeit erledigte. Aus dem Gefängnis entlassen, hat er große Schwierigkeiten, sich im neuen Belfast zurechtzufinden. Die, die ihn damals zum Morden anstifteten, haben sich inzwischen mit den Briten arrangiert, während Gerry von zwölf Geistern verfolgt wird. Es sind die unschuldigen Männer, Frauen und Kinder, die er umgebracht hat und die nun verlangen, dass er ihren Tod rächen soll.

Die unversöhnliche Geschichte will nicht so recht passen zu dem friedlichen Bild, das Belfast an diesem milden Sonnabend abgibt. Blauer Himmel wechselt mit kurzen, heftigen Regenschauern. Stuart Neville sitzt auf einem Stuhl, der ein bisschen zu klein ist für den großen, breiten Mann mit dem karierten Hemd und dem Dreitagebart. Seine Tasse mit dem Filterkaffee stellt er einfach zu den Kinderbüchern ins Regal neben sich. Wir befinden uns in Nevilles Lieblingsbuchhandlung „No Alibis“, einem kleinen, verkramten Laden, der vor allem auf Krimis spezialisiert ist: Auf dem Sofa in der Mitte des Geschäfts hat der Besitzer, ein Freund von Neville, den vielen Kunden zum Trotz seine Aktenordner ausgebreitet, im Hintergrund läuft Indie-Gitarrenmusik. „Der Laden ist typisch Belfast“, sagt Neville. „Die Dinge sind hier ein wenig chaotisch, aber trotzdem hat alles seine Ordnung. So wie Nordirland insgesamt eine Mischung ist aus der eher steifen Atmosphäre Englands und der lässigen Irlands.“

Das ist eine neue Idee. Früher, sagt Neville, habe sich jeder entweder als Ire oder als Brite gefühlt, oder sich zumindest immer die Frage gestellt, auf welcher Seite er stehe. Die ganze Provinz war gespalten: hier die englisch- und schottischstämmigen, meist protestantischen Unionisten, die zu Großbritannien hielten, dort die meist katholischen irischen Nationalisten. „13 Jahre nach dem Friedensschluss entsteht nun langsam so etwas wie eine nordirische Identität“, sagt Neville, der aus einer protestantischen Familie stammt.

Und auch Belfast ringt um ein neues Selbstverständnis, wobei der Krimibuchladen „No Alibis“ vielleicht nicht der passende Ort ist, um den Wandel zu verstehen. Er liegt an der Botanic Avenue, im Süden der Stadt, traditionell Belfasts reiches Viertel. Die Straßen der Gegend sind gesäumt von hübschen viktorianischen Häusern mit Backsteinfassaden, der Botanische Garten mit seinem Palmenhaus aus dem Jahr 1850 und die altehrwürdige Queen’s University befinden sich hier. Es ist der Stadtteil, in dem sich Stuart Neville am wohlsten fühlt. In seinen 20ern ist er viel in den Cafés und Kneipen der Gegend unterwegs gewesen, bis heute geht er oft in die „Empire Music Hall“, die sich schräg gegenüber der Buchhandlung befindet. Bei der „Hall“ handelt es sich um eine alte, rote Backsteinkirche, die seit 1987 als Konzert- und Comedyclub dient; in der mit Holz ausgekleideten Halle traten schon Sigur Ros und Snow Patrol auf. Hier im Belfaster Süden, sagt Neville, spielte die Konfessionszugehörigkeit nie eine große Rolle, in den Studentenkneipen trafen sich Protestanten wie Katholiken. „Ich war damals Musiker, und die Leute, mit denen ich zu tun hatte, waren junge Kreative, die sich nicht um den Konflikt scherten“, erzählt der Schriftsteller.

Anderswo war die Zweiteilung der Stadt dagegen deutlich sichtbar – und ist es immer noch. Der Westen Belfasts gilt als Hochburg der republikanischen, also pro-irischen Bewegung, der Osten als Zentrum der pro-britischen Unionisten. Hier findet man sie auch heute noch am ehesten: Figuren wie den IRA-Mann Gerry aus Nevilles Roman. Männer, deren ganze Existenz vom Konflikt bestimmt war, und denen der Frieden den Sinn des Lebens geraubt hat. Die berühmten, martialischen Gemälde an den Außenwänden der Wohnhäuser (propagandistische Kampfmittel, die eine Gegend als katholisch oder protestantisch kennzeichnen) sind dort keineswegs verschwunden. Hier und da wurden sie jedoch übermalt: Die Märtyrer von einst – junge Männer zumeist, oft mit Waffen in der Hand, manchmal vermummt und in schwarzen Kampfanzügen – verschwanden unter unverfänglichen, historischen Bildern, oder unter solchen, die Frieden stiften sollen. Nun reichen sich Kinder die Hände oder erinnern die unschuldigen Toten von einst an den Schrecken, der nicht wiederkehren soll.

Stuart Neville war von diesem Schrecken nie direkt betroffen, manche seiner Freunde schon. In jeder Schulklasse, erzählt er, habe es ein oder zwei Kinder gegeben, die Verwandte verloren hatten. Seine älteste Erinnerung an die „troubles“ sind Feuerwehrmänner, die eine in Flammen stehende Kirche löschen; er war ein kleiner Junge damals und verstand auch nach vielen Erklärungen der Mutter nicht, worum es ging. Wie in den meisten Städten Nordirlands wurden in Nevilles Heimatstadt Armagh bis Mitte der 90er Jahre jeden Abend die Zufahrtsstraßen in die Innenstadt gesperrt, um Anschläge mit Autos zu verhindern. In Belfast, erinnert sich Neville, war die Sache ähnlich – und dann schlägt der Schriftsteller vor, weiter ins Stadtzentrum zu gehen.

Wir folgen der Botanic Avenue Richtung Norden, vorbei an japanischen, chinesischen, indischen Restaurants und Kebab-Imbissen. Vor den Cafés sitzen Familien und junge Leute, trinken Café Latte und essen Crèmetörtchen. Zeichen der neuen Zeit, in der Belfast nicht nur kosmopolitischer, sondern auch reicher ist als vor ein oder zwei Jahrzehnten. „Noch in meiner Jugend war Nordirland sehr provinziell“, sagt Neville. Das galt auch für Belfast, das mit rund 270 000 Einwohnern unangefochtene wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Region, in das alle strömen, die etwas erleben wollen; Neville nahm schon als Halbwüchsiger oft die Busfahrt von Armagh auf sich, um in Belfast Platten zu kaufen oder Konzerte zu besuchen. „Selbst hier sah man bis in die 90er Jahre kaum jemanden, der nicht weiß war, außer ein paar britischen Soldaten vielleicht.“

Soldaten waren allgegenwärtig damals, und Polizisten sowieso – an Kontrollpunkten, alle paar hundert Meter. Die gesamte Stadtmitte war umgeben von Checkpoints, an denen Passanten kontrolliert wurden, viele Pubs hatten einen Stahlkäfig vor ihrer Fassade, und bevor man ein Kaufhaus betreten durfte, mussten die Taschen nach Sprengstoff durchsucht werden. Heute sind diese Zeichen des Konflikts fast völlig verschwunden.

Wenn man nicht die vielen Geschichten hören würde, zum Beispiel über die öffentlichen Busse, die früher regelmäßig entführt wurden, man käme nicht auf die Idee, dass die Stadt noch vor kurzem Schauplatz eines blutigen Konflikts war.

Da ist zum Beispiel das Hotel Europa, das wir mittlerweile erreicht haben, in Belfasts Stadtkern gelegen, an der Great Victoria Street. Wie viele Gebäude in Belfast wirkt es eher unansehnlich, aber auch vollkommen unspektakulär: ein Hochhaus, vor das die Architekten eine Eingangskolonnade mit acht antik anmutenden Säulen gesetzt haben. „In den 70ern und 80ern war das ,Europa‘ eines der beliebtesten Anschlagsziele der IRA“, erklärt Neville vor dem Gebäude. Angeblich ist das Viersternehotel das „most bombed hotel in the world“ – es überstand an die 30 Attentate. „Die Anschläge galten der nordirischen Wirtschaft, denn im ,Europa‘ stiegen viele Geschäftsleute ab.“

Mit dem Frieden kamen denn auch wieder Investitionen in die Stadt, die früher ein bedeutendes Zentrum der Leinenindustrie und des Schiffbaus war. Am River Lagan entstand das „Titanic Quarter“, wo 1911 der gleichnamige Luxusdampfer vom Stapel lief – ein High-Tech-, Wohn- und Freizeitpark. Und auf der anderen Seite des Flusses mauserte sich das verfallene „Cathedral Quarter“ zum neuen In-Viertel. Der Boom, der freilich durch die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise abgebremst wurde, brachte Menschen von anderswo in die Stadt, und mit ihnen zog ein neues Lebensgefühl ein. „Die Toleranz alternativen Lebensstilen gegenüber ist rasant gestiegen“, sagt Neville. Noch vor zehn, 15 Jahren hätten Schwulenkneipen keine Lizenz bekommen, heute gibt es sie auch in Belfast. Wie Stuart Neville zum Studium nach Manchester, flohen die jungen Nordiren früher ins Ausland oder mindestens nach England, um der provinziellen Enge und dem Konflikt zu entkommen, heute bleiben sie ganz gern in ihrer Hauptstadt.

Stuart Neville biegt von der Great Victoria Street nach rechts ab, wir passieren das Rathaus, einen gewaltigen Bau von 1906, der an die St. Pauls Cathedral in London erinnert – auch dieses Gebäude war Ziel eines IRA-Anschlags, im Jahr 1981. Dann geht es weiter in Richtung des Flusses, bis auf der linken Seite eine Glaskuppel auftaucht. Sie gehört zum „Victoria Square Shopping Center“, einem neuen Einkaufspalast, einem der größten des Landes. Die überdachte Passage ist voller Menschen an diesem Nachmittag, darunter viele Jugendliche mit Tüten in der Hand, auf denen die Logos großer Marken prangen. Im „Victoria Square“ gibt es ein Multiplexkino, ansonsten reiht sich eine Mode-, Einrichtungs- oder Fast-Food-Kette an die nächste. Aus den Geschäften dröhnen Musik und die lautstarken Stimmen der Kunden. „Die Leute haben sich schnell an den Frieden gewöhnt“, sagt Neville in die Geräuschkulisse hinein. „Sie finden ihn bequem.“ Genau das macht ihm Hoffnung, dass die „troubles“ nicht wiederkehren. Manchmal aber bedauere er, dass die Stadt mehr und mehr ihre Identität verliere, dass die Straßen jetzt aussähen „wie in Nottingham oder irgendwo sonst“.

Aber in Belfast fällt es schwer, über diese Entwicklung zu schimpfen, jedenfalls dann, wenn man sich wie Stuart Neville noch an die ausgestorben wirkende Innenstadt der „troubles“-Zeit erinnern kann. Ein Konsumpalast wie überall ist hier eben auch ein Zeichen für das, was die Stadt so lange vermisst hat: Normalität.

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