BELGIEN : Der Gastgeber streikt

Pauline Forges ist Lehrerin an einem Gymnasium. Normalerweise steht sie an einem Montagmorgen im Klassenzimmer und unterrichtet Französisch. An diesem Tag aber, da Belgiens Gewerkschaften zum Generalstreik aufgerufen haben, verteilt die junge Frau Flugblätter. Es geht um die elf Milliarden Euro schweren Sparbeschlüsse, die die neue Regierung unter dem sozialistischen Premier Elio di Rupo auf Druck der EU-Kommission gefasst hat. „Jetzt muss man mindestens 40 Jahre arbeiten, um seine Rente ohne Abstriche zu bekommen“, schimpft Forges, die in der Krise zur Antikapitalistin geworden ist: „Ein Prozent der Bevölkerung beuten die restlichen 99 Prozent aus.“

Es wehte am Montag tatsächlich ein Hauch von Klassenkampf durch die leergefegten Straßen. Weite Teile der Bevölkerung verweigerten aus Protest gegen die europäischen Sparvorgaben die Arbeit. Nicht nur der öffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen, auch im

Fernverkehr
ging nichts mehr. Eurostar, TGV und ICE fuhren nicht, der Flughafen Charleroi war ganz, der in Brüssel teilweise gesperrt. Rudy de Leeuw, Chef der Gewerkschaft FGTB, sagte, dass auch alle Seehäfen geschlossen seien. Der Generalstreik sei „ein riesiger Erfolg“. Vom EI-Gipfel erwarte er nicht viel:„Die da drinnen entwickeln keine Perspektive, dass es in Europa wieder Wachstum geben wird. Es geht immer nur ums Sparen.“

Auf ihrem Weg zum Gipfel mussten viele der Spitzenpolitiker von der geplanten Route abweichen. Angela Merkel landete deshalb beispielsweise nicht wie gewohnt auf dem Flughafen Brüssel, sondern auf der südöstlichen Luftwaffenbasis Beauvechain.Limousinen fuhren die EU-Politiker anschließend durch eine Geisterstadt zum Gipfel, wo es auch wieder darum ging, unter welchen Bedingungen Griechenland Geld bekommt.

Bereits Ende Dezember befand sich der öffentliche Sektor Belgiens im Ausstand, Streikende hatten den gesamten Eisenbahnverkehr im Land lahmgelegt.

Am Montag protestierten die Gewerkschaften vor allem gegen die geplante Anhebung des Renteneintrittsalters. Die Gewerkschaften FGTB, CSC und CGSLB teilten mit, Verhandlungen mit der Regierung über Sparmaßnahmen seien „ergebnislos“geblieben. Generalstreiks gibt es in Belgien eher selten. Dass alle drei großen Gewerkschaften an einem Streik beteiligt waren, war zuletzt im Jahr 1993 der Fall. chz/Tsp

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