Zeitung Heute : Belgrader Katharsis

Stephan Israel

Jeden Montag, nachdem Jasmina Jankovic ihre Radiosendung beendet hat, klingelt das Telefon in ihrer Redaktion ununter- brochen. Eine ältere Anruferin sagt, sie habe sich nach der letzten Sendung in ihr Zimmer zurückziehen müssen und dort nur noch geweint: "Ich habe nicht gewusst, was wir anderen Menschen angetan haben." Die junge Journalistin ist jede Woche mit unterschiedlichsten, aber stets heftigen Reaktionen konfrontiert: Von einem anderen Anrufer wird Jasmina Jankovic kurz danach als "Verräterin am serbischen Volk" beschimpft.

"Katharsis" ist Sendungstitel und Programm zugleich. Jeden Montag zwischen 15 und 16 Uhr kommen Opfer, Täter und Augenzeugen zu Wort. Einmal dreht sich "Katharsis" um das Schicksal der 17 muslimischen Passagiere, die zu Beginn des Bosnienkrieges von serbischen Paramilitärs aus einem Zug verschleppt wurden. Dann wieder handelt die Sendung von systematischen Vergewaltigungen muslimischer Frauen im serbisch besetzten Foca. Aber auch Kriegsverbrechen von bosnischen Muslimen und Kroaten an Serben sind ein Thema. Für den Montag vor dem Beginn des Milosevic-Prozesses hatte die Journalistin keine Sondersendung geplant, denn "jede unserer Sendungen ist eine Anklage", wie sie sagt.

Über ein Jahr lang ist "Katharsis" nun schon im Programm des Radiosenders B92. Die Sendung über die Kriegsverbrechen der Milosevic-Ära ist neben den Nachrichten der Publikumsrenner im Programm.

Ein schmerzlicher Prozess

Die Hörer wollen wissen, was im letzten Jahrzehnt hinter dem Vorhang der Propaganda wirklich geschehen ist. "Wir präsentieren Fakten, doch wir urteilen nicht", erklärt sich Jasmina Jankovic das Vertrauen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Aber sie weiß auch, dass die Aufarbeitung der näheren Vergangenheit ein langer und schmerzlicher Prozess ist. Denn die Konfrontation mit den Fakten hat bisher nur Wenige zum Umdenken gebracht. Beim harten Kern der Milosevic-Anhänger, die am vergangenen Samstag in Belgrad auf einer Kundgebung ihre Loyalität zum gestürzten Idol bekundeten, wird die Überzeugungsarbeit ohnehin scheitern. Mehrere Tausend kamen und skandierten "Wir lieben dich, Slobo" oder trugen Plakate mit der Aufschrift "Freiheit für Slobodan". Aber auch Umfragen bei den Hörern von Jasmina Jankovic zeugen von verhärteten Fronten: Wer schon zuvor zu wissen glaubte, dass Serben Kriegsverbrechen begangen haben, fühlt sich heute bestätigt. Und wer vorher die Anschuldigungen gegen das Belgrader Regime nicht glaubte, sei heute noch skeptischer.

Wird der Beginn des Kriegsverbrecherprozesses gegen Slobodan Milosevic Bewegung in die festgefahrenen Fronten bringen? Jasmina Jankovic zweifelt da an der Macht der Medien. Ohnehin steht der unabhängige Sender B92 mit seiner Art der Berichterstattung noch immer ohne Konkurrenz da. Der staatliche Radio- und Fernsehsender RTS war einst neben der Polizei der Pfeiler der Macht von Slobodan Milosevic. Heute geben die staatlichen Medien die Verlautbarungen des jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica unkritisch wieder und übernehmen wortgetreu die Aussagen des serbischen Premierministers Zoran Djindjic. Der eine der beiden Rivalen ist ohnehin gegen die Kooperation mit dem Haager Tribunal, während der andere immer nur handelt, wenn gerade wieder ein internationaler Kredit fällig ist. Das war schon bei der Verhaftung von Milosevic und bei der Auslieferung nach Den Haag so.

Spätestens im März dürfte sich das Schauspiel wiederholen, weil dann der US-Kongress über Hilfszusagen entscheidet. Premier Djindjic hat die Bevölkerung bereits darauf vorbereitet, dass bis dahin "drei oder vier" Angeklagte nach Den Haag überstellt werden.

"Für das Publikum schaut es so aus, als würden wir angeklagte Kriegsverbrecher gegen internationale Hilfe verkaufen", sagt Jasmina Jankovic. Als gebe es diese Kooperation mit dem UN-Tribunal nicht aus der Überzeugung heraus, dass Vergangenheitsbewältigung notwendig ist. Sondern nur, weil der Führung in Belgrad gerade wieder das Wasser bis zum Hals steht. Jasmina Jankovic gehört zur Avantgarde mit ihrer Vorstellung von Vergangenheitsbewältigung. Die Journalistin will nicht unter Kriegsverbrechern leben, sagt sie über ihre eigene Motivation: "Sie laufen hier einfach auf der Straße herum." Und wenn man abends in Ruhe ins Restaurant gehen wolle, sitze am Nebentisch vielleicht ein Kriegsverbrecher.

Da ist nicht nur der bosnische Serbengeneral Ratko Mladic, der sich unter dem Schutz der jugoslawischen Bundesarmee (VJ) sicher fühlen kann und auch schon bei Sportveranstaltungen auf der Tribüne gesichtet wurde.

Kostunica hält stur an Armeechef Nebojsa Pavkovic fest, der noch von Milosevic für den Einsatz im Kosovo mit Orden dekoriert wurde. Und die serbische Regierung hat mit Sreten Lukic den Mann zum Chef der Sicherheitsbehörde gemacht, der während des Krieges in Kosovo die dortigen Polizeieinheiten kommandierte.

Dann gibt es noch die vielen mittelgroßen und kleineren Fische, die ihre Posten in der Polizei oder der Verwaltung behalten dürfen. Der alte Apparat führt mancherorts unbeeindruckt von der neuen Regierung sein Eigenleben: Dragisa Blanusa, nach der Wende für kurze Zeit Direktor des Belgrader Zentralgefängnisses, kann davon ein Lied singen. Bis zur Überstellung Slobodan Milosevics an Den Haag hatte der Gefängnisdirektor den ehemaligen Präsidenten als prominentesten Gast. Jetzt führt ein Staatsanwalt Ermittlungen gegen Blanusa: Er soll gesetzeswidrig gehandelt haben, als er den prominenten Angeklagten auslieferte. Eine absurde Anschuldigung, wenn man bedenkt, dass Blanusa auf obersten Befehl gehandelt hat.

Auf die Komplizenschaft zwischen neuer Führung und alter Mannschaft fällt nur manchmal ein grelles Licht. Als die Regierung in Belgrad vergangenen Sommer öffentliches Verständnis für die Auslieferung von Slobodan Milosevic brauchte, "entdeckte" die Polizei rund um Belgrad wie durch Zufall die verschleppten Leichen von Albanern aus dem Kosovo. Nach der Auslieferung des gefallenen Autokraten sind die Massengräber wieder aus den Medien verschwunden. Es ist noch immer nur ein kleines Grüppchen, das es mit der Vergangenheitsbewältigung ernst meint.

Sonja Biserko vom serbischen Helsinki-Komitee für Menschenrechte hat schon zu Milosevic-Zeiten kein Blatt vor den Mund genommen. Vor dem Prozess in Den Haag durfte die Expertin jetzt erstmals im Programm eines der Sender des alten Regimes auftreten. Danach hat ein Unbekannter am Aufgang zu ihrem Belgrader Büro den Spruch "Sekte raus aus Serbien" hingeschmiert. Und ein anonymer Anrufer meldete sich nach dem Fernsehauftritt mit drohender Stimme: "General Mladic lässt Sie grüßen". Der Prozess in Den Haag, davon ist die Menschrechtsexpertin dennoch überzeugt, werde in Serbien einen "Schock" auslösen. Vor allem auch bei der nationalistischen Elite, die sich von Slobodan Milosevic nie distanziert habe.

Den Haag ist "kein Thema"

Zum Beispiel Dobrica Cosic, der als Mitglied der serbischen Akademie der Wissenschaften in den 80er Jahren die Konturen des großserbischen Projekts mit verfasste. Die Schreibtischtäter haben damals den grauen Apparatschik Milosevic auserkoren, ihre Ideen umzusetzen. Den Haag, sagt der betagte Nationaldichter heute, sei für ihn "kein Thema". Aber mit Journalisten wolle er eigentlich ohnehin nicht reden, denn die würden seine Worte nur falsch interpretieren. Und alles, was er zur "serbischen Frage" zu sagen habe, sei in seinen Büchern zu lesen.

Serben wie Dobrica Cosic haben beim Milosevic-Nachfolger Kostunica eine neue Heimat gefunden. Dessen Kabinett ließ gestern, am Tag vor dem Prozessbeginn, verkünden, eine Mehrheit des Landes wolle "vergessen", und das Haager Tribunal wühle da unnötig in den alten Wunden.

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