Zeitung Heute : Belichtetes Schattenland

Das Zelluloid vom Schwarzmarkt, alt und fast verdorben: Oday Rasheed hat einen Bagdad-Film gedreht – den ersten seit dem Krieg

Christiane Peitz

Als Oday Rasheed die Bilder sah, fing er zu weinen an. Sieben Monate hatte er mit Freunden in Bagdad gedreht und festzuhalten versucht, was der Krieg in den Seelen der Bewohner angerichtet hat. Sieben Monate mit einer alten Arriflex, die 25Jahre lang nicht benutzt worden war. Sieben Monate mit einem Spielfilm ohne Drehbuch. „Es gibt keine Handlung“, hatte Rasheed zum Team gesagt: „Wir sind die Handlung. Unsere Gefühle.“ Und die ganze Zeit wussten sie nicht, ob das Zelluloid am Ende auch nur ein einziges Bild festhalten würde.

Es war eine Verzweiflungstat. Irgendwie wollten die jungen Künstler, die sich aus dem Café Hewar kennen – einem Subkulturtreff in der Nähe der Kunstakademie – nach Saddams Ende zum Ausdruck bringen, dass sie noch da sind. Aber das Material, das Rasheed auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte – diese spärlichen 9000 Meter Film hatten ihr Haltbarkeitsdatum seit 20 Jahren überschritten. Underexposed – unterbelichtet – würden die Bilder auf jeden Fall sein. Aber dann, beim Entwickeln des Zelluloids in Beirut, wurde doch etwas sichtbar: zerschossene Häuser, Autowracks, Ruinen-Existenzen. Der Typ mit dem Plastiktüten-Sammelwahn, der Alte mit dem Kofferradio, das Liebespaar im Krisengespräch. Der trübe, träge Tigris. Angstbilder, Klagegesänge – und mittendrin der lustige Zeitungsbote, der die Ausgabe mit Saddam im Erdloch anpreist. Auf dem alten Material ist ganz Bagdad in mysthisch goldenes Licht getaucht. Der permanente Sonnenuntergang, wie auf vergilbten Fotos.

Eine Wiedergeburt sei das gewesen, sagt der 32-jährige Regisseur im Café in Berlin-Mitte. Sein Englisch ist weich, der arabische Akzent verschleift die Konsonanten. Inzwischen ist sein Film fertig, „Underexposure“ lief auf Festivals, morgen feiert er Deutschlandpremiere auf der Berliner Museumsinsel. Dass es das dokumentarisch-fiktive Poem überhaupt gibt, die erste deutsch-irakische Koproduktion in der Geschichte des Kinos, liegt auch am Auswärtigen Amt. Und an Tom Tykwer.

Filme haben manchmal seltsame Schicksale. Dieser hier hat ein Migranten-Schicksal. Die in Berlin lebende Video-Künstlerin Furat al Jamil erzählte Regisseur Tykwer und der Produzentin Maria Köpf von Oday Rasheed und seinem seltsamen Rohmaterial. Sie schauten es sich an, waren begeistert, trieben Geld über das Auswärtige Amt und dessen Förderprogramm „Dialog mit dem Islam“ auf und luden Rasheed samt seinen 9000 Filmmetern nach Berlin ein. Tykwer saß im Schneideraum, schaute zu, diskutierte. Da 9000 Meter viel zu kurz sind und pro Szene oft nur eine Einstellung existierte, war das Schneiden nicht einfach. Wie sortiert man Filmbilder, wenn es keine Handlung gibt? Wie montiert man Gefühle?

Rasheed und Tykwer wurden Freunde. Stundenlang sprachen sie über Filme. Zwar flog Rasheed unter Saddam von der Hochschule, weil er nicht lernen wollte, wie man Propaganda herstellt. Aber er arbeitete heimlich weiter mit den Kommilitonen. Fünf Kurzfilme drehte er so im Jahr. Die Klassiker des europäischen Autorenkinos hat er ebenfalls drauf; von Fellinis „Achteinhalb“ hat er jede einzelne Einstellung im Kopf. Tykwer merkte erst gar nicht, dass Rasheed nicht die Filme kennt, sondern die Literatur über sie. Oder Drehbücher. Eine schmerzliche Folge des Embargos: „Du liebst Filme, die du nie gesehen hast.“ Wenn Rasheed nicht im Schneideraum saß, schaute er sich in Tykwers Wohnung nun die Klassiker auf DVD an.

„Underexposure“? Normale Existenzen brauchen normales Licht, aber das gab es nicht im Irak. Jetzt, mit Satellitenfernsehen und einer halbwegs freien Presse, wollte Rasheed dennoch nicht die äußere Wahrheit ans Licht zerren, nicht die Bombardements zeigen oder die Machtkämpfe. Nicht die action, sondern die Reaktion. Ganz schön beschämend: Unsereins giert nach Realismus, nach der rüden Wirklichkeit des Irak.Aber im Irak sind sie hungrig nach Filmkunst.

„Underexposure“ zeigt die Stille in den Straßen. Bagdad, eine Stummfilmstadt. „Wir haben“, sagt Rasheed, „unter der Diktatur gelitten, und jetzt leiden wir darunter, dass in dieser einst so lebendigen Stadt gespenstische Stille herrscht.“ Richtig wütend wird er, wenn er über die radikalen Aufständischen spricht, die die eigene Bevölkerung in die Luft bomben. „Du gehst aus dem Haus und weißt nicht, ob du lebend zurückkehrst. Wie soll man da eine freie Gesellschaft aufbauen?“

Und wie eine Zukunft auf die Beine stellen, wenn die Jugend nicht lesen und schreiben kann? Bei den Rasheeds war das anders, denn die Eltern sind Lehrer. Nur Englisch hat er sich selbst beigebracht, mit der Gitarre und den Beatles.

Oday Rasheed ist ein Poet mit einer Mission. Er sagt, dass das Kino ein Raum für Schönheit und Freiheit sei. Aber er sagt auch, dass er sich verantwortlich fühlt für die Alphabetisierung der Jugend. Dass die Achse Berlin-Bagdad ausgebaut werden muss, der Filmclub zum Beispiel, der im April eröffnet wurde und eine kleine Filmbibliothek mit gespendeten DVDs enthält. Rasheed wird immer energischer. Wir brauchen eine unabhängige Filmszene! Eine Filmzeitschrift! Radio Free Bagdad unterstützen! Und, ach ja, diese hässlichen 70er-Jahre-Kästen, die abgenudelte B-Pictures zeigen, müssen in Programmkinos umgewandelt werden.

Damit das klar ist: „Das Letzte, was wir Künstler aus einem Dritte-Welt-Land gebrauchen können, ist euer Mitleid. Ich möchte euch nicht zum Weinen bringen, sondern zum Denken.“ Sein nächster Film, verspricht Oday Rasheed, hat eine richtige Handlung. In zwei Wochen reist er nach Bagdad zurück, um das Drehbuch zu schreiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar