Zeitung Heute : Belle Epoque lässt grüßen - Hier gaben sich einst Aristokratie und Geldadel ein Stelldichein

Heinz Hartmann

Das Rudel von Omnibussen auf dem Parkplatz hinter dem alten Bahnhof belegt, woher in diesen Tagen Urlauber kommen - aus Danzig zum Beispiel, Pirna, Coventry oder Graz. Es ist ja auch ein begehrtes Ziel, denn gleich nebenan plätschert das Mittelmeer gegen die Gestade einer Bucht, aus der wie in einem Amphitheater grüne Hänge ins hügelige Hinterland hinaufklettern.

Hauptsächlich aber hat sich hier zwischen die Küste der "Riviera dei Fiori" und die Berge San Remo geklemmt, welches einmal der berühmteste Winterkurort Italiens war. Die spektakuläre Altstadt an ihrem Felssporn, die Palazzi, das Spielcasino, der Fischerhafen, Jugendstil, Marmordenkmäler und Parks mit Fontänen: Die Belle Epoque lässt heftig grüßen.

Nur die Reisenden von heute sind gänzlich andere als damals, als etwa die russische Zarin Maria Alexandrowna, die einen Winter über im Grand Hotel de Nice residierte, wie Emile Zola, Peter Tschaikowskij, König Karl von Württemberg, Kaiserin Elisabeth von Österreich hier waren. Oder jener Herr, der mit einer Tochter der englischen Königin verheiratet war. Er galt als liberal, man schätzte sein gewinnendes Wesen; wer weiß, was er in die Wege geleitet hätte, wäre sein Vater nicht fast 91 Jahre alt geworden, und er nicht als 56-Jähriger gestorben.

Kronprinz Friedrich Wilhelm, der Sohn des preußischen Königs und deutschen Kaisers Wilhelm I., litt an Kehlkopfkrebs. Um sein Leiden zu lindern, suchte er den Aufenthalt in milderem Klima, und mietete im November 1887 im längst sehr mondänen San Remo die weiße, von Palmen umstandene Villa Zirio. Hier erreichte ihn im März die Nachricht vom Hinscheiden seines Vaters: Selbst bereits vom Tod gezeichnet musste er nach Berlin zurückkehren, denn er war jetzt Kaiser Friedrich III. Und ging als die tragische Gestalt des 99-Tage-Kaisers in die Geschichtsbücher ein, weil er schon im Juni 1888 seiner schrecklichen Krankheit erlag.

Eine derartige gesellschaftliche Karriere war dem Städtchen nicht in die Wiege gelegt worden. Abgesehen von den Spuren römischer Ansiedler entlang ihrer Via Aurelia, die von Rom nach Arles führte, taucht der Name der Ortschaft erst von 979 an in den Chroniken auf. Damals nannte sie sich San Romolo, woraus im Dialekt "Sanrömu" und endlich "Sanremo" wurde. Der spätere Schutz der Republik Genua verhinderte weder Pest noch Cholera, aber auch nicht Überfälle nordafrikanischer Piraten und den Beschuss durch ein britisches Geschwader.

Sie lebten in den engbrüstigen Rampengassen ihres mittelalterlichen Viertels, dessen Häuser sich bis heute gegenseitig mit Arkadengewölben und Schwibbögen stützen müssen. Fünf, sechs Stockwerke türmen sich übereinander, mit Klammereisen, Abwasserrohren und Laternen an den Außenfronten. Das älteste Stadttor, die Porta Santo Stefano, stammt von 1321, und es leuchtet ein, warum das Quartier Pigna heißt, Pinienzapfen, denn die Dächerreihen kleben wie Schuppen übereinander.

Unten hielt sich die längst zur Fußgängerzone avancierte Via Palazzo noch an den historischen Verlauf der alten Römerstraße, bis 1861 an der Peripherie mit dem Bau des Hotels Londra der Fremdenverkehr über das Städtchen hereinbrach. Eine neue Chaussee musste her, auf der zeitweise sogar eine Straßenbahn verkehrte; heute ist ein Teil davon die ständig zugeparkte Einkaufsmeile Corso Matteotti.

"Unsere Gäste", blickt der weltgewandte Verkehrsdirektor Emanuele Ravina zurück, "waren Aristokraten, pensionierte Generäle, vermögende Geschäftsleute. Sie hatten im 19. Jahrhundert als einzige Geld und Zeit zu reisen, vor allem in renommierte Kurorte wie Baden-Baden oder Karlsbad. Nach dem Bau der Eisenbahn, die schon 1856 Cannes, 1873 auch San Remo erreichte, flüchteten sie im kalten Winter aber lieber hierher zu uns in den warmen Süden. Deshalb waren viele unserer großen Hotels damals nur im Winter von November bis April geöffnet. Das alles hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Kopf gestellt; jetzt empfangen wir zwei Drittel unserer 300.000 Urlauber allein im Sommerhalbjahr."

Wie es sich so traf, suchten die Zelebritäten auch aufregende Zerstreuungen. Deshalb war Monte Carlos prunkvolle Spielbank gebaut worden, der neben anderen 1905 die in San Remo mit heutzutage über 700.000 Besuchern im Jahr folgte, die Mehrzahl allerdings bei den Spielautomaten. "Die Italiener sind leidenschaftliche Spieler", lächelt Dr. Ravina. Das Gerücht, dass sie vielleicht nur des Casinos wegen kämen, weist er indessen von sich.

An Ausflugsmöglichkeiten herrscht Überfluss. Monte Carlo liegt nicht mehr als 40 Kilometer entfernt, Ventimiglia mit den opulenten botanischen Gärten der Villa Hanbury auf halbem Weg dorthin. Oder das wilde Hinterland mit Dolceaqua und seiner Bogenbrücke, die Claude Monnet malte. Niemand jedoch würde erraten, zu welchen Exkursionen die "Diana" im Hochsommer den Hafen verlässt: zur Beobachtung von Delfinen. Und von Walen, die man im Mittelmeer lange für ausgestorben hielt.

Die Riviera dei Fiori verdankt ihren Namen den 6000 Gärtnereien in der Provinz, die ihre Ernte schon seit dem 19. Jahrhundert exportieren. Damit aber, dass das Verkehrsbüro jeweils im Dezember auf eigene Rechnung Berge von Blumen nach Stockholm fliegen lässt, hat es eine besondere Bewandtnis. Denn 1891 hatte sich ein prominenter Neubürger in San Remo niedergelassen, der sich an der italienischen Riviera für seinen späteren Lebensabend einrichten wollte. Leider erlag er hier kaum 63 Jahre alt bereits am 10. Dezember 1896 einem Schlaganfall. Der Mann war Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, der gerade erst aus seinem Vermögen testamentarisch Preise gestiftet hatte. Blüten aus San Remo schmücken nun jeweils an seinem Todestag die festliche Verleihung der Nobelpreise.

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