Zeitung Heute : Bellevue verzweifelt gesucht

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Von Moritz Schuller

Er war gerade erst in Berlin gewesen. Privat, fürs Pokalendspiel. Nun sitzt er in dem Polizei-Opel mit Gelsenkirchener Nummernschild und studiert den Berliner Stadtplan. Diesmal ist er dienstlich hier, er und sein Kollege am Steuer. „Wir wollen jetzt erstmal zum Schloss Bellevue“, sagt er, als ob er gerade eine Besichtigungstour plane. Ihr Gepäck auf der Hinterbank: Helm, Schienbeinschoner und Kampfanzug. Am Gürtel tragen beide eine Waffe. „Das Schloss finden wir schon.“

Über 5000 Beamte sind nach Berlin gekommen, um den Kollegen in der Hauptstadt ein wenig unter die Arme zu greifen. Von Montag bis Freitag, solange dauert der Einsatz zum Präsidentenbesuch. Auch zum diesjährigen 1. Mai waren zwei Züge aus Gelsenkirchen angereist, doch die beiden, die im Schatten des Potsdamer Platzes den Stadtplan betrachten, hatten frei. „Berlin ist überwältigend“, sagt der braungebrannte Mann aus dem Pott. Aber beim letzten Berlin-Besuch wurde Schalke ja auch Pokalsieger.

„Hier ist Sperrzone eins“, sagt der Essener Polizeiobermeister Sebastian Szewczuk. Er steht hinter einem Absperrgitter in der Behrenstraße. Sperrzone eins heißt, dass niemand mehr durchkommt, und deshalb leitet der junge Mann aus Essen den Berliner Verkehr um. Dass er nicht weiß, wo Zehlendorf ist, beunruhigt ihn nicht. „Kann mir in Essen auch passieren, dass ich irgendwas nicht gleich finde. Aber wir sind mit gutem Material ausgestattet.“

Szewczuk ist mit seinen Kollegen in Basdorf untergebracht, außerhalb von Berlin. Das ist okay, sagt er, auch wenn er lieber in einem Hotel untergebracht wäre. Von 6 bis 22 Uhr arbeitet er. Dass gerade der Versorgungswagen der Gewerkschaft vorbeigekommen ist, ist da besonders angenehm. Er sagt, er kennt ja die Finanzlage der Polizei.

Den ganzen Tag schon ist Elisabeth Reiher mit ein paar Kollegen unterwegs. Alexanderplatz, Friedrichstraße, jetzt haben sie am Brandenburger Tor gehalten und verteilen an die Einsatzkräfte Bananen, Kugelschreiber, rote Lutscher, Kartenspiele. Wie ein kleiner Bauchladen, einmal reingreifen, dann geht es weiter. „Die Stimmung unter den Kollegen ist recht gut“, sagt Reiher, sie ist von der Gewerkschaft der Polizei. Dass es in einigen Unterkünften keine Gardinen gebe, war einigen Kollegen unangenehm aufgefallen: Wer von der Nachtschicht kam, konnte dann nicht schlafen. Und jetzt, wo es so heiß geworden ist, fehlen Getränke. Andere hatten sich über die Toilettensituation beklagt. „Hotel oder Busch“, sagt Reiher, seien die Alternativen. Doch ins Adlon werden inzwischen auch die Einsatzkräfte nicht mehr hineingelassen. „Wahrscheinlich sind wir nicht elegant genug“, sagt Reihers Kollege.

Viel von der Stadt werden die Besuchs-Polizisten jedoch nicht zu sehen bekommen. Freizeit haben sie während der gesamten Zeit keine, und ob sie Freitag wieder abfahren können, hängt eben auch von der Situation ab. „Wenn wir noch irgendwo gebraucht werden, machen wir länger“, sagt Szewczuk.

Im Schatten des Tiergartens wartet eine ganze Reihe von VW-Bussen. Mittagessen von einem Aluteller, mit Plastikgabeln. Der Bayer kratzt die braune Soße zusammen. „Uns geht es ganz ausgezeichnet“, sagt der Beamte. Warum? „Weil Berlin eine schöne Stadt ist.“ Wo er untergebracht ist, weiß er nicht, weit ist es aber nicht. Privat sei er schon länger nicht mehr in Berlin gewesen, sagt sein Kollege am Steuer. Er sei Bayern-Fan.

Gegenüber steht eine junge Polizistin vor einem Panzerwagen. Die Tür ist offen. Neben ihr steht ein Kollege. Auf der Nordseite brennt die Sonne, von der menschenleeren Straße des 17. Juni aus filmt ein Kameramann die Szene. Hier wird der Zugang zum Kanzleramt abgesperrt. „Ich hätte lieber eine kurze Hose“, sagt sie. Sie trägt eine grüne Polizeiuniform, sieht aus wie Kunstfaser. Ob sie schon mal in Berlin im Einsatz war? Die Beamtin aus Ratzeburg zeigt nur müde auf ihren Bundesgrenzschutz-Aufnäher: „Wir sind immer hier“. Auch am 1. Mai. Hierhin, neben das Russen-Denkmal ist der Versorgunsgbus der Gewerkschaft noch nicht gelangt. „Ich kann eh nicht Skat spielen“, sagt die Ratzeburgerin. Am Wochenende möchte sie wieder zuhause sein.

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