Zeitung Heute : Benchmarking: Lernen von den Besten - Durch Wettbewerbsbeobachtung die eigenen Stärken ausbauen

Regina-C. Henkel

Für Sebastian Küster ist Benchmarking "ein großes Wort", hinter dem sich aber im Grunde "nichts Wildes" verbirgt. Dabei mussten der 36-Jährige und seine zwei Gründer-Kollegen von www.ovivo.de ziemlich viel Benchmarking betreiben, bevor sie im Dezember vergangenen Jahr mit ihrem Angebot "für Menschen ab 40" ins Internet gingen. Und sie müssen es immer noch. "Sich schlau machen, wo es wichtig ist, besser als die anderen zu sein, wo es nicht so wichtig ist und wo man es schleifen lassen kann", so definiert Küster die Herausforderung. Beim Informationszentrum Benchmarking (IZB) am Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin sieht man in der Methode des Benchmarking mehr als ein "Blicken über den eigenen Tellerrand". Für Holger Kohl vom IZB wäre das "viel zu kurz gegriffen". Der 28-jährige Wirtschaftsingenieur beschreibt Benchmarking als "einen strategischen Ansatz, den Wandel von Unternehmen nachhaltig und kontinuierlich zu unterstützen". Das Ziel: Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Benchmarking definiert Kohl - in Ergänzung zum klassischen Unternehmensvergleich - als "systematische Suche nach erfolgreichen Vorgehensweisen und besten Lösungen". Besonders wichtig dabei: Dass der Vergleich "außerhalb der eigenen Welt" passiert.

Benchmarking war von Anfang an mehr als "Abkupfern" von anderen. Der Begriff wurde vor etwa 20 Jahren von der amerikanischen Firma Rank Xerox eingeführt. Der Hersteller von Kopiergeräten hatte innerhalb von fünf Jahren seinen Welt-Marktanteil von 86 Prozent auf 17 Prozent heruntergewirtschaftet. Der Vergleich von einem Einzelhandelsunternehmen mit einem Versandhaus vor allem im Vertriebs- und Logistikbereich sollte helfen, das verlorene Terrain zurückzuerobern. Die Kopierprofis verfehlten ihr Ziel. Aber das Instrument entwickelte sich seit Ende der 70er Jahre von einem Geheimrezept zu einer anerkannten Methodik. Inzwischen kommt kaum noch ein Betrieb ohne Benchmarking aus, auch wenn für die Suche nach "Best Practice" oft andere Bezeichnungen gewählt werden.

Peter Egger ist Praktiker. Wie die Methode in den Unternehmen genannt wird, ist dem Projektmanager bei der Volkswagen Coaching GmbH egal: "Hauptsache, sie wird eingesetzt". Für den Wolfsburger Personalentwicklungs-Experten ist Benchmarking nämlich ein "All-in-one"-Instrument. Egger ist davon überzeugt: "Richtig praktiziert erweist sich Benchmarking als ein Instrument der Veränderung, das obendrein das unternehmerische Denken und Handeln fördert".

Das hören Personalleiter gerne. Die Vokabeln "Veränderungsmanagement" und "Intrapreneurship" sind für sie seit einigen Jahren zu Schlüsselbegriffen geworden. Anstrengungen für eine noch bessere Qualität, Konzepte für eine "atmende Fabrik" oder ein "lernendes Unternehmen", innovative Produktionskonzepte oder neue Arbeitszeitmodelle - die Liste der Herausforderungen für Personalmanager ist lang geworden. Und im Benchmarking sehen immer mehr ein besonders geeignetes Instrument, diese Herausforderungen erfolgreich anzunehmen.

Umsonst gibt den Erfolg freilich auch beim Benchmarken nicht. Projektmanager Egger sagt: "Zu Benchmarking gehört Mut, sich einzugestehen, dass andere besser sind und die Einsicht und der Wille, selbst besser zu werden. In ein Benchmarkingteam gehören die Mitarbeiter, die sich im Prozess auskennen, die neugierig und kritisch an Veränderungen herangehen". Bislang wurde dieser Mut vor allem im produzierenden Gewerbe und in der Industrie bewiesen. Auch die Benchmarking-Projekte am Berliner IZB, das 1994 am Fraunhofer Institut von dem "Global Production Management"-Professor Kai Mertins gegründet wurde, bezogen sich in der Vergangenheit überwiegend auf Produktionsunternehmen. "Inzwischen suchen auch vermehrt Dienstleistungsunternehmen den Weg zum Benchmarking, um ihre Unternehmensposition zu beurteilen und die Wettbewerbsfähigkeit effektiv zu steigern", berichtet Wirtschaftsingenieur Kohl. Auch der Bereich der Kleinen und Mittleren Unternehmen zeige zunehmend Interesse.

Kein Wunder deshalb, dass die Tagung "Benchmarking 2000" vom 14. bis 16. Juni den Untertitel "Benchmarking in der Dienstleistungswirtschaft" trägt. Als Themenschwerpunkte stehen auf dem Programm: Software- / IT-Dienstleistung, Mobilitätsdienstleistung, Telekommunikation, Logistik-Dienstleistung, Gesundheitswesen und Kommunale Dienstleistung. Mit dem systematischen Methoden-Ansatz wollen die rund 150 erwarteten Tagungs-Teilnehmer vor allem eins: Antworten auf die Frage finden "Wie machen es die Besten?"

Diese Frage stellen sich auch Sebastian Küster und die übrigen 25 Mitarbeiter des Berliner Startup-Unternehmens ovivo.de. Bei dem noch jungen Online-Magazin herrschen Teamgeist, Neugier und unternehmerisches Handeln. "Internet", erklärt Vorstandsmitglied Küster, "heißt sowieso ständig dazulernen zu müssen". Beim Aufbau und Ausbau des Online-Shops sei für jeden ovivo-Mitarbeiter auch ohne ständige Hinweise völlig klar, "dass er sich auch für Fragen wie Vertriebswege und -kosten oder auch um Warenangebote interessieren muss". Doch "übertreiben" will es Küster nicht: "Wir können nicht dauernd Theorie betreiben, wir müssen vorankommen".

Benchmarking-Profi Holger Kohl sieht das logischerweise anders. Er ist davon überzeugt, dass ein strukturiertes Vorgehen unerlässlich ist und ein Vergleich von reinen Kennzahlen keine ausreichenden Potenziale bietet, "um sich wirklich signifikant zu verbessern". Vielmehr müssten die Unternehmensprozesse, die sich hinter den Kennzahlen verbergen, analysiert werden. Auch Peter Egger, für den das Instrument ein "progressiver Unruhestifter ist", erteilt dem rein quantitativen Benchmarking eine klare Absage. Der 41-jährige Wirtschaftspädagoge: "Beim Vergleich der Kennzahlen entstanden oft riesige Datenmengen, die ungenutzt in den Schränken verschwanden". In der qualitativen Methode, die nach Abläufen fragt und danach, "welche Ideen und Lösungen hinter den Kennzahlen stehen", sieht er dagegen eine "geniale Möglichkeit, Weltoffenheit, menschliche Betroffenheit und wirkliches Engagement zu erzeugen".

Im reinen Tagesgeschäft sind solche hohen Ziele nur schwer zu erreichen. Das werden wohl auch die meisten Referenten auf der Tagung "Benchmarking 2000" sagen. Als besonders wichtiges Veranstaltungselement haben die Fraunhofer-Mitarbeiter deshalb den Workshop "Grundlagen des Benchmarking" am Abschlusstag hervorgehoben. Er behandelt das Fünf-Phasen-Modell Zielfindung, Interne Analyse, Vergleich, Maßnahme und Umsetzung jeweils in Theorie und in praktischen Übungen.

Ingo Westphal, Gründer des Berliner Internet-Startups compania.de, der die Methode des Benchmarking zur Analyse von Websites anwendet, definiert die Methode als kontinuierliche Verbesserung von insgesamt sieben Erfolgsmodellen: Mitarbeiterzufriedenheit, Kundenzufriedenheit, Art der Führung und innerbetriebliche Fortbildung, Lieferantenbeurteilung, Analyse der Arbeitsprozesse, Wirtschaftlichkeitsvergleich anhand von Kennzahlen sowie gesellschaftliche Verantwortung.

Damit ist Westphal gar nicht so weit von dem entfernt, was ovivo-Chef Küster mit seiner "Mit offenen Augen durch die Welt gehen"-Philosophie zum Ausdruck bringen will. Und was letztlich auch Benchmarking-Profis für etwas sehr Wichtiges halten: "Sich in kreativer Atmosphäre mit Ideen einbringen und diese Ideen zu einer neuen, besseren Lösung kombinieren".

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