Zeitung Heute : Beneš wählte den Weg des geringsten Widerstandes

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Betrifft: Die historische Rolle des tschechoslowakischen Präsidenten Beneš

Mindestens drei Mal – 1938, 1945 und 1948 – hatte Beneš höchstpersönlich eine überragende Bedeutung für Erhalt oder Zerstörung der Tschechoslowakei. Beim „Münchner Abkommen“ von 1938, beim Erlass der nach ihm benannten Dekrete nach 1945 und ein drittes Mal beim kommunistischen Staatsstreich 1948 hat er sich jedes Mal für den Weg des geringsten Widerstands entschieden. Er hat damit drei Mal der Geschichte der Tschechoslowakei eine ganz entscheidende, durch ihn wesentlich zu verantwortende Wendung gegeben.

Er selbst war es, der auf Druck Chamberlains, Hitlers, Daladiers und Mussolinis 1938 nachträglich seine Unterschrift unter das ohne seine Beteiligung ausgehandelte „Münchner Abkommen“ setzte. Dadurch leistete er einen willfährigen Beitrag zur territorialen Auflösung der Tschechoslowakei. Wenn der heutige Präsident Tschechiens Zeman allzu gern von „Landesverrat“ spricht, den die Sudetendeutschen seiner Meinung nach begangen haben, sollte er die Nachgiebigkeit Beneš im Jahr 1938 ebenfalls erwähnen. Zwar ließ Beneš seinen „persönlichen Protest“ zu Protokoll nehmen. Tatsache bleibt aber, dass er zusammen mit seiner Regierung am 30 September 1938 die territoriale Zerschneidung der Tschechoslowakei amtlich absegnete. War dies Landesverrat oder Einsicht in das politisch und militärisch Machbare?

1948 gab er dem massiven Druck der an seiner Regierungskoalition beteiligten Kommunisten nach und ließ sich entmachten. Masaryk stürzte sich aus dem Fenster zu Tode oder wurde zu Tode gestürzt. Beneš leistete keinen Widerstand und trat am 7.Juni 1948 zurück. Er trägt also Mitverantwortung dafür, dass die ehemalige Demokratie Tschechoslowakei in einen der autoritärsten stalinistischen Staaten des gesamten Ostblocks verkehrt werden konnte.

In der tschechischen Gesellschaft besteht offenbar ebenso wie in den Vereinigungen der deutschen Heimatvertriebenen derzeit noch wenig Bereitschaft, diesen Schattenseiten der eigenen Geschichte ungeschminkt ins Antlitz zu sehen. Die jüngsten Äußerungen Präsident Zemans, man habe den Deutschen durch die Vertreibung und Selbstjustiz 1945/46 und deren Legitimierung durch die so genannten Beneš-Dekrete nur einen Wunsch erfüllt, da sie doch nur „heim ins Reich wollten“, belegen dies mit kaum zu überbietendem Zynismus.

Eine weniger vorurteilsgeprägte Befassung mit der Geschichte der Tschechoslowakei lohnt sich. Denn die CSR war im 20. Jahrhundert der einzige demokratische Staat in Mitteleuropa, in dem mehrere größere Nationalitäten zusammenlebten. Sie stellt damit ein echtes Modell für Schwierigkeiten und Chancen einer demokratisch verfassten, multiethnischen Gesellschaft dar. Noch stärker als die Türken im heutigen Deutschland, stellten die Deutschen der CSR 1918-1945 eine Art Parallelgesellschaft dar, mit eigenen geschlossenen Siedlungsgebieten, eigenen Zeitungen, Schulen, Theatern usw. Ich habe selbst mit vielen Deutschen aus der ehemaligen Tschechoslowakei gesprochen, die sich damals wie heute beharrlich weigern, Tschechisch zu lernen. Dies erstaunt umso mehr, als die Deutschen in der Tschechoslowakei - trotz unleugbarer Benachteiligungen in Justiz und Verwaltung - volle Staatsbürgerrechte genossen: eine demokratische Selbstverständlichkeit, die den bei uns seit langem lebenden Türken lange verweigert worden ist - oft mit der Begründung, sie sollten „erst einmal richtig Deutsch lernen“.

Johannes Hampel, Berlin

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