Zeitung Heute : Benedikt XVI. ?

Paul Kreiner[Rom]

AM 19. APRIL IST BENEDIKT XVI. EIN JAHR IM AMT. WIE VIEL RATZINGER STECKT NOCH IM PAPST?

Hart im Amt und scharf im Verstand – das ist Joseph Ratzinger gewesen. Mehr als 23 Jahre war er für die Reinhaltung der katholisch-kirchlichen Lehre zuständig. Die Welt glaubte ihn als strengen Glaubenshüter zu kennen, als – von Amt und Geisteshaltung wegen – Nachfolger der früheren Inquisitoren. Er musste be- und verurteilen, verbannen auch. Ratzinger, der konservative, pessimistisch gestimmte Analytiker, beschrieb in seinen Büchern die moderne Gesellschaft, die sich „von ihren Wurzeln losgesagt“ habe, als „Kultur des Todes“.

Herzlich im Amt und scharf im Verstand – das ist Benedikt XVI. Es ist, als habe Ratzinger mit dem Wechsel in die weiße Papstsoutane nicht nur seinen alten Namen abgelegt, sondern auch den schwarzen Habitus des Inquisitors. Seine erste Enzyklika handelt von der Liebe, nicht von Moral und Strafe. Benedikt XVI. erscheint als milder Herrscher. Er lächelt, unbefangen mittlerweile. Er spricht frei, erklärt Kindern in einfachen Worten den katholischen Glauben. Der scheue Büchermensch hat überraschend schnell den unverkrampften Umgang mit den Massen gelernt. Er hat kurz nach seiner Wahl zum Papst gesagt: „Als das Fallbeil auf mich herabfiel, da betete ich zu Gott, tu mir das nicht an. Aber der Herr hat mir offenbar nicht zugehört.“ Allerdings macht Benedikt XVI. keineswegs den Eindruck, dass er unter der Last des Papsttums leidet, trotz seiner 79 Jahre. Er wirkt entspannt, geradezu glücklich.

Geblieben ist die Bescheidenheit: Der Lebensstil des Joseph Ratzinger war ein einfacher, er wohnte außerhalb des Vatikans an der Piazza della Città Leonina, Hausnummer 1, seine Einkäufe erledigte er selbst. Luxus war für ihn die Zeit, die er am Klavier verbringen konnte. Schlichtheit prägt auch sein Leben im Papst-Appartement. Das ließ er zwar renovieren, doch den einzigen Luxus, den Benedikt sich wirklich gönnte, war eine Einbauküche. Die haben ihm deutsche und italienische Unternehmer gespendet.

WAS UNTERSCHEIDET BENEDIKT XVI. VON SEINEM VORGÄNGER JOHANNES PAUL II.?

Inhaltlich hat Benedikt XVI. bis jetzt von seiner früheren Lehre und von jener Johannes Pauls II. keinen einzigen Satz aufgeweicht, keinerlei Signale für Reformen gesetzt. Dafür hat er historischen Ballast abgeworfen. Aus der Liste seiner nunmehr sechs Amtstitel hat er den „Patriarchen des Abendlandes“ gestrichen. Der Titel sei historisch bedeutungslos geworden, hieß es in der Begründung. Und aus seinem Wappen hat Benedikt die Tiara entfernen lassen, die dreifache Krone, mit der sich die Päpste früher zum „Vater der Könige, Herrscher der Welt, Stellvertreter Christi“ erklärten. Allerdings ziehen sich um die Bischofsmütze, die nun Benedikts Wappen krönt, nach wie vor drei Goldstreifen – jetzt umgedeutet in „Herrschaft über Ordnung, Lehre und Gericht in der Kirche“. In der Öffentlichkeit sind diese Änderungen allerdings kaum beachtet worden.

Aufsehen erregt hat eine ganz andere Entscheidung Benedikts: die Abberufung des Kurien-Erzbischofs Michael Fitzgerald, der den päpstlichen Rat für den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen leitete. Der Papst hat also seine theologisch-politische Fachstelle entmachtet – in einer Phase, in der sich eine Konfrontation mit dem Islam anzubahnen scheint. Vorerst ist nun das vatikanische Kulturministerium für den interreligiösen Dialog zuständig. Wie es weitergehen soll, lässt der Papst offen – vorerst.

Ansonsten aber hält Benedikt an der engeren Mannschaft seines Vorgängers eisern fest, obwohl sich ein Großteil der Kurienkardinäle über oder an der Pensionsgrenze befindet. Selbst seine ersten Kardinalserhebungen hat Benedikt nicht genutzt, um zukünftige Veränderungen wenigstens anzudeuten. Personell bleibt also alles wie gehabt, Stillstand statt Fortschritt.

Benedikt XVI. wandelt so sehr in den Spuren Johannes Paul II., dass sogar die Programmdetails seiner bevorstehenden Polenreise denen seines Vorgängers gleichen. Längst drängt sich der Eindruck auf, er sehe seine Rolle nicht als Kirchenoberhaupt eigenen Rechts, sondern vor allem als Platzhalter, als demütiger Stellvertreter für einen großen Abwesenden, der doch ständig anwesend ist. So gesehen ist Benedikt XVI. doch Ratzinger geblieben – der zweite Mann. Das ist seine Schwäche. Vielleicht aber auch seine Stärke. Denn schon im Konklave wurde ein Mann der leisen Töne gesucht, einer wie Benedikt XVI.

DAS AMT DES PAPSTES IST EIN EINSAMES AMT. WIE GEHT BENEDIKT MIT DIESER EINSAMKEIT UM?

Es scheint, als schätze Benedikt die Einsamkeit. Er sucht den Blick auf das Wesentliche, und das tut er alleine. Er tauscht sich nur mit wenigen Beratern aus. Ganz anders als Johannes Paul II., der gesellig war, ständig Besucher zum Frühstück, Mittag- und Abendessen empfing, viele Audienzen gab – dafür aber umso weniger Akten las. Benedikt XVI. amtiert vergleichsweise zurückgezogen. Die Zahl der Privataudienzen hat er stark beschnitten. Wenn sich in den vergangenen Monaten, besonders in Deutschland, etliche wichtige Menschen rühmten, sie seien vom Papst empfangen worden, stellte sich später oft genug heraus, dass sie nur einen Platz bei der allmittwöchlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz erhalten hatten – zusammen mit ein paar zehntausend Pilgern.

Allerdings hat Benedikt die Kabinettsrunden mit den wichtigsten „Ministern“ wieder eingeführt. Bereits zweimal hat er die Chefs der Kurienbehörden zu einem Tag gemeinsamer Beratungen zusammengeholt. Diese Tagungen sind im Vatikan keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Von einigen werden sie sogar als innerkirchliche Revolution ausgelegt: Der Papst, so heißt es, mache Ernst mit der „kollegialen Kirchenleitung“, die er bereits bei seiner allerersten Predigt angekündigt hatte.Fast widersprüchlich dazu wirkt Benedikts Führung des päpstlichen Haushalts. Hatte unter Johannes Paul II. das Appartement des Papstes die seltsame Stellung eines halb öffentlichen Machtzentrums, so ist es nun eine geradezu hermetisch geschlossene Einrichtung geworden. Im Vatikan beklagt man sich, es gebe keinen Austausch von Informationen mehr, man wisse nicht mehr, was der Papst denke. Benedikt empfängt nicht einmal seine eigenen Botschafter. Und die waren es gewohnt, jederzeit vorgelassen zu werden.

Offiziell hat Benedikt XVI. nicht einmal einen Privatsekretär, auch wenn der Deutsche Georg Gänswein ständig an seiner Seite zu sehen ist. Versorgt wird Benedikt von vier Frauen aus einem italienischen Laienorden, die gänzlich im Hintergrund agieren. Sie heißen Carmela, Loredana, Emanuela und Cristina.

WAS HAT BENEDIKT NOCH VOR?

Der deutsche Kardinal Karl Lehmann hat erst vor kurzem gesagt, Benedikt XVI. bleibe für Überraschungen gut, man dürfe ihn nur nicht drängeln. Mit anderen Worten, wirkliche große Überraschungen hat es noch nicht gegeben. Benedikt hat zwar von Anfang an deutlich gemacht, dass er ein globaler Papst sein will, der überall auf der Welt das Wort Christi verbreitet. Dennoch ist das Reisen seine Sache nicht. Zum einen liebt er es offenbar nicht so sehr, im Mittelpunkt zu stehen, wie Johannes Paul II. Zum anderen – und das ist wohl auch entscheidender – hat er das Papstamt im hohen Alter übernommen. Benedikt wird am heutigen Sonntag 79 Jahre alt. Karol Wojtyla dagegen war 58 Jahre, als man ihn wählte, geradezu jugendlich also.

Inhaltlich bemüht sich Benedikt um eine eher demütige, stille Kirche. Das ist der Ansatz, mit dem er eine weitere Annäherung an die orthodoxen Kirchen versucht, für ihn ein sehr wichtiges Projekt. Er bemüht sich auch um ein entspanntes Verhältnis zur Volksrepublik China.

Initiativen der päpstlichen Diplomatie, zum Beispiel im Kontakt zu islamischen Staaten oder Gesellschaften, sind bisher nicht bekannt geworden, wenngleich Benedikt XVI. grundsätzlich am großen Versöhnungsanliegen der katholischen Kirche festhält. „Judentum, Christentum und Islam glauben an einen Gott“, sagte der Papst erst vor kurzem vor dem American Jewish Committee. Deshalb müssten sie auch zusammenarbeiten für das Wohl der Menschheit, für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.

„Religionsführer haben die Verantwortung, durch echten Dialog und Taten menschlicher Solidarität an der Versöhnung zu arbeiten“, sagte er. Und genau das hat sich Benedikt XVI. auch zur Aufgabe gemacht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!