Zeitung Heute : Benjamins Freunde: Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Karlsruher Straße, Charlottenburg. Undines Zimmer. Es ist nicht besonders groß. Aber gemütlich. Es riecht noch nach Kinderzimmer. Nach Holzfarbstiften. Hellblauer Teppich. Rechts an der Wand steht ein Hochbett aus Holz. Darunter ein weißer Schreibtisch. Das Fenster zeigt auf den Hinterhof. Unzählige Bilder hängen an den Wänden. Teilweise kindliche. Von Katzen zum Beispiel. Über dem Bett befindet sich eine Zeichnung von einem Jungen, der den Mond anblickt. Am häufigsten sind Bilder von muskulösen Männern, die ihre Oberkörper zeigen. Werbefotografien. Hintern. Brüste. Kurt Cobain. Insgesamt trifft hier die Kindheit auf das Erwachsensein. Überall. Und zwar aufs Radikalste.

Als tobe hier eine Schlacht. Die das Erwachsensein gewinnen wird. Bald. Bei Undines Anblick wird einem das noch einmal besonders bewusst. Sie sitzt auf einem aufblasbaren, getigerten Sessel und lächelt. Ihre Arme hat sie vor der Brust verschränkt. Sie ist sehr hübsch. Die blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. An ihren Ohren hängen runde, silberne Ohrringe. Ab und an berührt sie einen der beiden. Hält ihn fest. Oder zieht daran. Ich treffe sie heute zum zweiten Mal. Beim ersten Treffen waren wir in einem Lokal. Sie hatte eine Freundin dabei. Und die beiden waren laut und kicherten. Undine erzählte von den Jungen in ihrer Umgebung. Von einem Michael, mit dem sie manchmal etwas hätte. Der sich aber zwischen ihr und einer Anderen nicht entscheiden könne. Ihre Freundin sagte häufig so etwas wie: Ja, Du und Deine ganzen Männer...

Bei diesem ersten Treffen machte Undine auf mich den Eindruck, als würde sie sich unglaublich gerne selbst spüren. Immer wieder. Auf eine neue Art. Als täte sie sich schwer damit. Jetzt in ihrem Zimmer wirkt das anders. Undine ist verletzlicher. Ruhiger. Und sogar Michael gibt es nicht mehr. Jedenfalls zur Zeit. "Er ist blöd," sagt sie. "Was soll schon aus uns werden?!" Undine geht in die zehnte Klasse des Hildegard-Wegscheider-Gymnasiums in der Lassenstraße. Sie fährt jeden Tag mit dem Bus dorthin. Das dauert 15 Minuten. Am meisten Probleme hat sie im Fach Geschichte. Das ist auch deshalb sehr angenehm, weil ihr Vater Geschichtslehrer ist. Ihre Mutter ist ebenfalls Lehrerin. Allerdings in der Grundschule. Sie hat noch einen 19-jährigen Bruder, Robin. Er ist selten zu Hause. Undine sagt, dass sie viele Freunde habe. Zwei von ihnen allerdings, die besten, sind Anfang des Jahres nach Amerika gegangen. Die eine nach Texas. Die andere nach Wisconsin. "Sie sollen zurückkommen. Das wünsche ich mir zurzeit am meisten." Sie redet, als hätte sie einen Kaugummi im Mund. Hat sie aber nicht. Wenn sie den Mund öffnet, kommen sehr weiße Zähne zum Vorschein, die allesamt wie kleine Quadrate aussehen. Ich erinnere mich, wie sie bei unserem ersten Treffen gesagt hat, dass sie Pamela Anderson absolut bewundert. Jetzt erzählt sie, dass ihre Familie nie einen Fernseher hatte. Und, dass sie die Terroranschläge per Radio verfolgt hat. Ich blicke auf die Zeichnung mit dem Jungen und dem Mond. Ich denke, dieses Zimmer ist eine kleine Station. Zu der sie immer wieder zurückkehren kann. Und dort Geborgenheit findet. Die sie braucht, um dann wieder nach draußen zu gehen. Um laut zu sein. Undine zeigt mir ein paar Glasfiguren in einem Regal. Prinzessinnen. Und Tiere. "Die habe ich früher so gern gehabt," sagt sie. "Und gesammelt. Jetzt brauche ich sie nicht mehr." Aber sie kommen nicht weg, sage ich. "Nein", antwortet sie. Aber sie werden wegkommen. Es kann nicht mehr lange dauern.

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