Zeitung Heute : Benjamins Freunde: Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Leonis Zimmer. In der Wohnung ihres Vaters in Charlottenburg. Ein winziger Raum mit weiß gestrichenem Holzboden. Und einem Hochbett. Bei dem schmalen Fenster, das auf dem Hinterhof zeigt, steht ein Schreibtisch. Mit einer Vase darauf. Weiße, wehende Gardinen. An den weißen Wänden hängen Fotografien. Die Leoni und ihre beiden Brüder als kleine Kinder zeigen. Das Dominante in diesem Zimmer eindeutig: die Farbe Weiß. Leoni hockt auf einem Sitzsack und lächelt sanft. Sie trägt eine dunkle Jeans und einen violetten Angora-Pullover. Die Ärmel hat sie sich über die Hände gezogen. So, dass nur die Fingerspitzen herausschauen. Sie hat volles, rotes, lockiges Haar. Ihre Augen sind grün. Schimmernd. Eine Narbe wie ein dünner Strich teilt ihre Stirn.

"In dieser Wohnung wohnen mein Vater, mein

10-jähriger Bruder Henry, mein 14-jähriger Bruder Fritz, ich und seit einem Jahr die Freundin meines Vaters und ihre 17-jährige Tochter. Die heißt Helena. Meine Eltern haben sich vor fünf Jahren getrennt. Meine Mutter wohnt nicht weit entfernt. Am Anfang war ich mal bei ihr und mal hier bei meinem Vater. Aber dann wurde mir das alles zu anstrengend." Leoni versucht loyal zu sein. Niemanden zu verletzen. Man merkt aber, dass sie sich sehr mit dieser Situation beschäftigt. "Mein Vater hat seine Freundin vor ein paar Jahren bei einem Camping-Urlaub kennen gelernt. Meine Brüder und ich waren dabei. Sie hat damals noch in Köln gewohnt. Später zog sie dann hierher. Mein Vater ist fünfundvierzig und Sozialarbeiter. Sie ist ein paar Jahre jünger und Einzelhandelskauffrau oder so. Ich bin mir nicht sicher. Sie versucht nicht, meine Mutter zu sein. Und auch nicht meine beste Freundin. Das ist gut. Trotzdem ist alles ein wenig kompliziert. Ich habe außerdem versucht, mich mit Helena anzufreunden. Aber ich tue mich schwer, ihr irgendwie zu begegnen.

Leoni wirkt generell so, als befände sie sich oft an Orten, an denen man ihr nicht begegnen kann. Sie wirkt verträumt. Und das nicht auf eine naive oder irgendwie berauschte Art. Sie ist sehr wach. Sich den Dingen bewusst. Und trotzdem scheint sie gleichzeitig ab und an aufzubrechen. Geistig. Sich auf Wiesen zu legen. Um den in der Luft fliegenden Blütenstaub zu beobachten. Sie tut das gerne. Benötigt es. Manche Dinge sind ihr zu wahr.

Ich bemerke, dass sie zwei verschiedenfarbige Socken trägt. Einen weißen. Und einen blauen. Ich bemerke das, weil sie gerade aus dem blauen Socken mit der rechten Hand einen Wollfaden herausreißt. Und damit spielt. Leoni geht in die zehnte Klasse des Schiller-Gymnasium, Schillerstraße. Sie erzählt von Laura, ihrer besten Freundin. "Wir machen immer lauter verrückte Sachen zusammen," sagt sie. "Einmal haben wir uns zum Beispiel auf den Gehsteig gelegt. Einfach so. Haben unsere Arme ausgestreckt und tot gespielt. Niemand hat sich gewundert. Das war uns aber egal. Ein anderes Mal sind wir nachts zur Schule gefahren. Und haben den ganzen Schulhof mit Kreide vollgemalt. Hauptsächlich Blumen. Aber auch die Aktion hat niemand zur Kenntnis genommen." Zum Schluss frage ich sie, ob sie einen Freund hat und sie antwortet: "Nein. Ich habe natürlich schon Erfahrungen gesammelt. Aber bei mir ist es so: Ich lerne jemanden kennen. Und breche dann immer wieder den Kontakt ab. Ich weiß selbst nicht genau warum. Das heißt, ich weiß es eigentlich schon. Aber das hört sich bestimmt komisch an. Ich empfinde sogar eine Art Ekel. Nicht vor den Jungs. Sondern davor, dass sie mir zu nahe kommen."

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